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Donnerstag, 8. August 2019

Islamischer Staat, Westafrikanische Provinz

Wer sich ernsthaft für die Entwicklung von Boko Haram interessiert, sollte unbedingt die beachtenswerte Analyse im New Humanitarian (vormals IRIN) lesen. Darin wird die Abspaltung eines IS-Zweiges von Boko Haram dargelegt und geschildert, wie die jetzt ISWAP (Islamic State West Africa Province) genannte Gruppe vorgeht, um ein veritables Staatswesen am Tschadsee zu begründen.
Whereas orthodox Boko Haram (...) is an exclusivist movement that regards everyone living outside its zone of control a legitimate target (...) ISWAP sees the political value in not slaughtering potential future citizens of the more inclusive state they are trying to build, based on sharia law, in the Lake Chad region.
Selbstverständlich liefert auch ISWAP den Sicherheitskräften erbitterte Gefechte. Es scheint aber, als habe ISWAP die Tugenden der früheren Guerilla-Bewegungen wiederentdeckt. Sie versuchen der Bevölkerung mittels einer rudimentären Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Alternative zu bieten:
ISWAP levies taxes on fishermen and farmers and in return digs wells, provides security, rudimentary healthcare, price caps on basic food items and trader-friendly policies to encourage the flow of goods. Until mid-last year, life was hard on the islands [im Tschad-See, die Red.], but ISWAP’s success in clearing military bases along a corridor to the Niger border has boosted business.

Bedenkt man den ziemlich erbärmlichen Zustand, in dem sich die Anrainerstaaten des Tschadsees (vor allem betroffen: Nigeria, aber auch Kamerun und Niger; das östlich gelegene Tschad ist weniger berührt) aus verschiedensten Gründen allesamt befinden, stellt die neue politische Ausrichtung der Islamisten wohl eine viel größere Herausforderung dar, als die lediglich militärische durch Boko Haram:
Out of the eight people in total from Baga that I interviewed in Maiduguri, none supported jihadist violence. They all wanted this war to be over, had suffered too much in the name of religion, and enthusiastically hated Shekau [den Anführer von Boko Haram, die Red.]. But when asked if they would support ISWAP if it was a political party that renounced violence but retained support for sharia law, there were near unanimous nods of agreement.
It is the inability of successive Nigerian governments to care for its citizens fairly and justly that was regarded as the foremost problem.

Mittwoch, 22. Februar 2012

"Die unbekannte Mitte der Welt"

Eine Buchbesprechung von Ina Zeuch


Der Autor Tamin Ansary wurde 1948 in Afghanistan geboren und hatte schon als Kind ein Faible für Geschichte. In seiner Einleitung erzählt er, wie ihm ein englischer Historiker bei seinem Afghanistan-Besuch eine „Die Geschichte der Menschheit“ schenkte. Ansary verschlang das Werk und machte sich so zunächst ganz unbedarft die westliche Sicht auf die Welt zu eigen. Bei seiner Migration in die USA stellt er fest, dass diese westliche Sicht, wie er sie als Kind vor Jahrzehnten kennengelernt hatte, in den amerikanischen Schulbüchern mit großer Selbstverständlichkeit als ganze Geschichte der Welt dargestellt wird. Diese Arroganz und nicht irgendeine religiöse Mission ist es, die Ansary veranlasste, seine Geschichte der Welt aus einem anderen Blickwinkel vorzulegen.

Montag, 8. September 2008

Islamisches Finanzmanagement auf dem Vormarsch

Laut Economist ist das Volumen der mit der Sharia kompatiblen Fonds von 22 Milliarden US-Dollar in 2002 auf 153 Mrd. in 2007 rasant gestiegen. Angesichts der weiterhin hohen Ölpreise ist vorerst auch nicht mit einer Flaute in der Region zu rechnen. Wie in dem Artikel “Islamic Finance - Savings and Souls” (zu deutsch etwa “Bereichern und Beten”) weiter ausgeführt wird, machen Muslime 20 Prozent der Weltbevölkerung aus, das islamische Finanzwesen kontrolliert aber nur ein Prozent des weltweit akkumulierten Kapitals. In dieser Lücke sehen Banker in aller Welt “große Möglichkeiten”. Spannend ist aber vor allem, wie islamische Rechtssprechung den modernen Gegebenheiten angepasst werden muss - oder auch (noch) nicht:

New products require scholars to cast sharia in fresh, and occasionally uncomfortable, directions. Some investors express surprise at the very idea of Islamic hedge funds, for example, because of prohibitions in sharia on selling something that an investor does not actually own. (…) Industry insiders describe an iterative process, in which scholars, lawyers and bankers work together to understand new instruments and adapt them to the requirements of sharia.
Dieser Prozess ist aufwendig und weltweit gibt es offensichtlich nur eine Handvoll Spezialisten, die den anspruchsvollen Job machen können. Der Economist dazu:
Scholars are the industry’s central figures, but recognised ones are in short supply. A small cadre of 15-20 scholars repeatedly crops up on the boards of Islamic banks that do international business. That partly reflects the role, which demands a knowledge of Islamic law and Western finance, as well as fluency in Arabic and English.
Große Sorge haben die westlichen Finanzinstitutionen, die an dem Markt teilhaben, dass das Vertrauen in die Qualität ihr Produkte erschüttert werden dürfe. Schließlich stehe der Ruf der gesamten Industrie auf dem Spiel.
Das grundlegende Dilemma bleibe aber, dass
if the industry introduces too many new products, cynics will argue that sharia is being twisted for economic ends—the scholars are being paid for their services, after all. But if it fails to innovate, the industry may look too medieval to play a full part in modern finance.