Montag, 27. September 2021

Endlich eine Chance?

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch.

Saki lebt in Sarajewo (Bosnien) und nutzt regelmäßig die Angebote des Tageszentrums für Geflüchtete in Sarajevo, dem World Travelers Center (WTC). Das Zentrum wurde von Sanela Klepic ins Leben gerufen und wird von ihr geleitet.
Auch das Gespräch mit Saki fand dort am 17. September 2021 statt.


Hier können sich Geflüchtete aufhalten, sich informieren, ins Internet gehen und zwei Mal in der Woche am Englischunterricht teilnehmen. Ziel des Zentrums ist es, Geflüchtete auszubilden und ihren Aufenthalt innerhalb eines Jahres zu legalisieren. Saki ist einer der wenigen, die sich darauf eingelassen haben: Er will erst einmal nicht weiter flüchten oder sich mit zeitlich begrenzten Aufenthaltspapieren abspeisen lassen, um dann letztendlich doch abgeschoben zu werden. Er möchte sich qualifizieren und durch eine Ausbildung oder durch die Ausübung eines Jobs erfolgreich Asyl beantragen. Sanela, die Leiterin des WTC, die auch Gästezimmer für Touristen anbietet, um eine ökonomische Basis für den Unterhalt des Zentrums zu aufzubauen, möchte diesen Weg auch mit anderen Geflüchteten gehen. Ob dieses Konzept aufgeht, muss sich noch erweisen. Einen Kontakt zu einem engagierten Rechtsanwalt hat sie bereits gefunden. 

"Das 'Spiel' mit den vorübergehenden Aufenthaltspapieren zieht ja nur weitere Anträgen, Kosten für Rechtsberatung und Dolmetscher etc. nach sich. Es ist nur ein Aufschub, ein fake eines angeblich fairen Verfahrens. Bisher bekamen fast alle ihre Deportationspapiere", berichtet Sanela. "Das führt zu nichts. Deshalb haben wir uns diesen Weg überlegt." In Saki hat sie bisher den erfolgreichsten und ambitioniertesten Kandidaten für dieses Experiment gefunden.

Frage: Was hat dich bewogen, Dein Land, Deine Familie und Deine Freunde zu verlassen und dich auf die Flucht zu begeben?

Mittwoch, 22. September 2021

Fundstücke CCC

Libanon: In Beirut ist man so verzweifelt, dass viele Verantwortliche jetzt Öllieferungen aus dem Iran kommen lassen wollen - trotz des US-Embargos (The Cradle (2)). Das Land ist pleite und leidet außerdem schwer unter der andauernden westlichen Aushungerungspolitik gegen den von Damaskus regierten Teil Syriens.

Iran wird Vollmitglied der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) - 13 Jahre nach Antragsstellung (Teheran Times). Die Einschätzungen von M.K.Bhadrakumar zu diesem Vorgang sind absolut lesenswert.

Westasien: In diesem Interview mit einem pensionierten US-Botschafter gibt's mehr über die Region zu lernen als man bei der ARD in einem ganzen Jahr mitkriegt.... Unbedingt lesen. Nochmal The Cradle, hat tip Press TV. 

Guinea: Weil in 'Schland niemand etwas Vernünftiges zu dem Putsch in Conakry zu sagen hat, verweisen wir auf einen Bericht in der chinesischen Global Times.

Nigeria ist Schwerpunkt bei APuZ. Merkwürdigerweise ist die Ausgabe mit Beiträgen über Zoologische Gärten gesprenkelt.

Mali: Wer immer noch nicht begriffen hat, dass die westlichen Interventionen genau die radikalen Kräfte hervorbringen, die sie bekämpfen wollen, kann jetzt noch mal beim Humanitarian (früher IRIN) die traurige Wahrheit nachlesen:

Landwirtschaft: Reis lässt sich auch mit weit weniger klimaschädlichen Methanemmissionen anbauen, ist die FR überzeugt. "Kabelbakterien", die mit Schwefel gedüngt werden müssten, sollen dabei helfen.

Aufrüstung: Die beste Einschätzung der Entwicklungen rund um den AUKUS Deal mit atomgetriebenen U-Booten für Australien findet sich beim Moon of Alabama.

Overall the U.S. has won a base and a small partner in its hopeless endeavor to subdue the four times larger China but has lost trust and support in huge parts of the rest of the world. It is a strategic error with long term consequences.
Und wieder einmal zeigt sich, dass ehrenamtlich arbeitende Blogger (oft um Klassen) besser informieren als kommerzielle Presseerzeugnisse (1), (2).

'Schland: Unter frecher Missachtung des Völkerrechts und der Entscheidungen von UN-Gerichten läuft die deutsche Fregatte Bayern den US-Stützpunkt Diego Garcia an. Sogar die Stiftung Wissenschaft und Politik äußert Bedenken. Jaja, die "regelbasierte internationale Ordnung"...

Das Beste, was anlässlich der aktuellen Bundestagswahl erschienen ist, ist die Broschüre "Wahlprogramm sucht Partei" von den Freiburger Diskursen. Ist zwar außenpolitikfrei; muss frau und man aber doch unbedingt lesen - ob vor oder nach dem Urnengang spielt keine Rolle.

Freitag, 3. September 2021

Historische Finanzspritze

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat kürzlich Sonderziehungsrechte (SZR) im Wert von 650 Milliarden US-Dollar an seine Mitgliedstaaten ausgeschüttet; die größte Ausgabe seit dessen Gründung 1944. Allerdings wird das Geld aufgeschlüsselt nach Wirtschaftskraft verteilt. Deutschland erhält deshalb immerhin umgerechnet rund 36 Milliarden US-Dollar, deutlich mehr als alle Niedrigeinkommensländer zusammen. Erlassjahr fordert die Bundesbank deshalb auf, die deutschen Sonderziehungsrechte ärmeren Ländern zur Verfügung zu stellen. Zudem dürfe die zusätzliche Liquidität nicht als Alternative zu Schuldenerleichterungen angesehen werden. 

Auch das Global Policy Forum hat entsprechende, noch deutlicher formulierte Forderungen erhoben und außerdem ein Briefing zu dem Thema herausgegeben:

Montag, 30. August 2021

Doch noch einmal Afghanistan

Facebook blockiert einen heißen Draht der Taliban auf Whatsapp, über den die Menschen Gewalt und Plünderungen hätten melden können (ToI). Man halte sich an die "Vorgaben der internationalen Gemeinschaft" ließ der Konzern verlauten. 

Und diese "Vorgaben" laufen wohl auf Bürgerkrieg oder ein Sanktionsregime (oder eine Kombination aus beidem plus ggf. thematisch selektiv gesetzte Verhandlungen) hinaus. Wie unsere Massenmedien ein solches Szenario propagandistisch vorzubereiten und anzuheizen versuchen, kann man z.B. bei der ARD beschauen .... Eine Viertelmillion Tote reichen wohl immer noch nicht. Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur meint allerdings, dass vom Heldenepos über die tapferen Krieger im Pandschir-Tal nur heiße Luft bleiben wird (1), (2).

Die Hybris und kognitive Dissonanz deutscher PolitikerInnen beschreibt höchst treffend Harald Neuber in Telepolis anlässlich des nachträglichen Bundestagsbeschlusses zu den jüngsten Aktivitäten der Bundeswehr am Hamid-Karzai-Flughafen in Kabul.

Im Übrigen gibt es Hinweise darauf, dass den Taliban bei der Einnahme Kabuls die kompletten Mitgliederlisten zweier bedeutender afghanischer CIA-Schattenarmeen erbeutet haben: die der Khost Protection Force (KPF) und die des National Directorate of Security (NDS). Die dort geführten vielleicht 13.000 Kollaborateure haben tatsächlich sehr ernsthaft was von den Taliban zu befürchten - im Gegensatz zu den allermeisten Mitarbeitenden westlicher Nichtregierungsorganisationen.

Ihr/Euer MediaWatchblog-Redakteur wagt im übrigen die Prognose, dass die allermeisten der 20.500 AfghanInnen, die jetzt in Ramstein angekommen sind, in Deutschland bleiben (müssen). Warum auch soll Washington mehr Rückgrad zeigen als Sebastian Kurz, Horst Seehofer oder Alexander Dobrindt?

Zu der Frage, welche Auswirkungen die zentralasiatische Niederlage der USA in Westasien zeitigen könnte, stellt der immer exzellent informierte und historisch bewanderte "Angry Arab" einige interessante Überlegungen an.

Dienstag, 17. August 2021

Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam

forderte Che Guevara 1967 und hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass ausgerechnet Islamisten dieser Forderung 55 Jahre später nachkommen - wofür denkfaule, dekadente westliche Eliten ihnen den Weg bereitet haben...

Freitag, 13. August 2021

Einwurf: Romane, die es erfreulicherweise gibt

Eine unvollständige, höchst subjektive und persönliche Auswahl
... vorgestellt in der alphabetischen Reihenfolge der deutschsprachigen Titel.

"Alle Menschen sind sterblich" von Simone de Beauvoir. Die denkbar menschlichste Abrechnung mit dem Albtraum von der Unsterblichkeit.

"An den Lederriemen geknotete Seele". Unfassbare Stories aus Tibet.

"Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry über Indien wie es wirklich ist. (Heute vielleicht sogar mehr denn je.)

"Das rote Kornfeld", "Die Knoblauchrevolte" und "Die Schnapsstadt" von Mo Yan. Von diesen drei Büchern trägt jedes einzelne mehr zum Verständnis des modernen China bei als die Mao-Bibel.
Leider nur in englischer Sprache verfügbar ist "Big Breasts and Wide Hips" über die Jahrzehnte der Ein-Kind-Politik. 

"Das siebte Kreuz" von Anna Seghers. Lässt die LeserInnen die Todesangst miterleben, in der die Verfolgten des Naziregimes lebten und ist dabei superspannend zu lesen und überhaupt nicht weinerlich.

"Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Ein Buch, aus dem man mehr über den Krieg lernen kann als aus vielen, vielen theoretischen Abhandlungen (vgl. auch "Sozaboy").

"Der Herbst des Patriarchen" von Gabriel García Márquez. Dieses Buch macht erst dann vollen Eindruck, wenn man weiß, dass es aus den Splittern der Geschichte Lateinamerikas zusammengesetzt wurde. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop verwirrten Machtwahns. Im Vergleich dazu sind "Hundert Jahre Einsamkeit" praktisch ein Kindergeburtstag...

"Die achte Plage" von Meja Mwangi. Ein großer Roman über HIV/Aids und wie es in Kenia zu Beginn der Seuche wirklich war. Westlich geprägten LeserInnen ist praktisch alles von Mwangi zu empfehlen.

"Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss. Nicht immer angenehme Lektüre für alle, die sich tatsächlich für die deutsche Geschichte des 20sten Jahrhunderts interessieren.

"Die Islandglocke" von Halldor Laxness. Wer sich an präzisen Schilderungen barbarischer Armut nicht stört, ist herzlich eingeladen, diesen spannenden historischen Schmöker zu verschlingen.

"Die Kinder der Regenmacher" von Aniceti Kitereza: Ein Erlebnisbericht aus Verhältnissen, die de facto der frühen Eisenzeit entsprechen  - aber aus (dem damaligen) Tanganjika und aus erster Hand und in direkter Übersetzung aus dem Ki-Suaheli.

"Erkundungen - 16 vietnamesische Erzähler": Eines der ganz seltenen Bücher in deutscher Sprache, in dem der Vietnamkrieg aus der Perspektive der Sieger geschildert wird.

"Ermittlungen im Landesinneren" von Driss Chraibi. Eine großartige Satire über Polizeiarbeit in Marokko mit einem gehörigen Schuss Zivilisationskritik.

Die "MaddAddam"-Trilogie (1), (2), (3) von Margaret Atwood. Ein apokalyptischer Science Fiction Roman, der mit völlig verblüffenden Möglichkeiten aufwartet, die fortgeschrittene Gentechnologie einem zu allem entschlossenen Irren irgendwann vielleicht einmal bieten könnte.

"Morenga" von Uwe Timm. Das Werk handelt vom deutschen Kolonialismus in Namibia und schöpft gleichermaßen aus den Archiven des wilhelminischen Außenministeriums wie aus dem Ausdrucksrepertoire des magischen Realismus. (Es gibt eine Besprechung im Blog.)

Die "Neuromancer"-Trilogie von William Gibson ist das Werk, in dem die kommende, hypermoderne, wissenschaftlich begründete, kapitalistische Weltunordnung als erstes gültig beschrieben wurde. Radikal, superspannend und poetisch.

"Sozaboy" von Ken Saro-Wiwa. Ein Kindersoldat, der die Wirren des Biafra-Krieges auch dadurch unterläuft, indem er die Seiten wechselt...
Wer kann, sollte diese "Novel in Rotten English" unbedingt im praktisch unübersetzbaren Original geniessen. Eine geniale Rückeroberung der englischen (Kolonial)Sprache.

Die "Trisolaris" Trilogie von Liu, Cixin. Wer 'harte' Science Fiction liebt, sollte versuchen, alle drei Bände zu lesen. Tausend Jahre sind ein Hauch.

"Verlorene Illusionen" von Honore de Balzac. Es geht um viel Geld, einen schmierigen Journalisten im nachnapoleonischen Paris und um einen großen Betrug. Morde gibt's in diesem Buch nicht - alles ist auch so schon wirklich schlimm genug.

"Vishnus Tod" von Manil Suri steht hier für insgesamt drei imponierende Werke über das Ende des Lebens, zu denen auch "Der Tod des Kleinbürgers" von Franz Werfel und "Der Tod des Iwan Iljitsch" von Leo Tolstoi gehören.

"Wann, wenn nicht jetzt" von Primo Levi. Ein militant-brillianter Roman über Krieg und Diskriminierung aber auch über die Schwierigkeiten des Sieges. In dem Buch steckt mehr als in allem, was sämtliche Antideutsche je hervorgebracht haben (und noch hervorbringen werden).

"Weiter leben" von Ruth Klüger. Die sachliche Leichtigkeit in der diese persönlichen Erinnerungen an den Holocaust beeindrucken, entlastet die LeserInnen erfreulicherweise gar nicht von der Empfindung der Schwere des Verbrechens und ggf. dem der (kollektiven) Schuld.

P.S.: Alles von B.Traven ist lesenswert. Die Deutschen haben schon immer viel zu viel Zeit mit Karl May verschwendet....
P.P.S.: Es gibt keine Kickbacks von Booklooker für die Links zu deren Bücherangebot. Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur mag eben Amazon einfach überhaupt nicht....