Mittwoch, 25. Februar 2015

Das Ende der EZ wie wir sie kennen?

Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und -hilfe scheinen heute fest verankerte Bestandteile der internationalen Beziehungen zu sein. Und dennoch ist vieles, was wir als Gewissheit voraussetzen keineswegs so selbstverständlich wie es scheint. Zwar ist es richtig, dass die Gelder für die offizielle Entwicklungszusammenarbeit (ODA) weltweit rasant gestiegen sind. Experten von der Universität Yale haben die Werte in konstanten US-Dollar von 2009 gemessen. Für 1960 wurde ein Wert von 4,65 Mrd. US-Dollar ermittelt. Bis 2013 war die ODA auf volle 180 Mrd. US-Dollar angewachsen.

Doch trotzdem sind immer weniger Entwicklungsländer von Entwicklungshilfe abhängig. In den letzten 40 Jahren sind mehr als 50 Länder von den Empfängerlisten gestrichen worden, weil ihnen der Aufstieg in höhere Einkommensgruppen (Bruttonationaleinkommen pro Kopf) gelungen ist.

Sonntag, 22. Februar 2015

Der Gott des Cricket

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch über
eine Ausstellung in der National Gallery of Modern Art in Mumbai


Drei Millionen Götter zählt der Olymp der Hindus und jetzt noch einen mehr: ein Gott des Kricket ist hinzugekommen. Eine ganze Ausstellung in der National Gallery of Modern Art ist dem genialen Cricketspieler Sachin Tendulkar gewidmet, der so viele Siege für das indische Team herausgespielt hat wie kaum ein anderer und den jedes Kind in Indien kennt (vgl. etwa Hindustan Times). “Deconstructed Innings“ heißt die Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar läuft .

Manjunath Kamath: “Arrival of a Cricket God

Wie weggefegt sind die üblichen Bilderreihen in schweren Rahmen der Generationen der 1940-60er Jahre - einer Generation, die sich noch abmühte, Anschluss an die westliche Moderne zu finden und die bislang ihren festen Platz in den Nationalgalerien behauptete. “Deconstructed Innings“ ist sowohl vom Konzept als auch seiner Präsentation einfach nur eine sehr gute Ausstellung, die sich nicht mehr am westlichen Kunstkanon abarbeiten muss.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Fundstücke CCIII

Nigeria: Wer sich dafür interessiert, was in dem westafrikanischen Land - abseits von Aufstandsbekämpfung - auf humanitärer Ebene gegen die Boko-Haram-Plage unternommen wird, sollte sich in den Bericht von IRIN vertiefen. Über einzelne Aspekte dieser Arbeit hatte MediaWatch bereits berichtet. Bei der Beurteilung der Lage bleibt gleichzeitig eine gehörige Portion Skepsis angebracht - wie sie etwa im Neuen Deutschland zu finden ist.

Südafrika: Es gibt einige Aufregung um einen mit Russland vereinbarten Atomdeal (Mail and Guardian). Eine internationale Ausschreibung sei nicht erfolgt und der (noch zu ratifizierende) Vertrag enthalte zweifelhafte Klauseln. Allerdings kooperiert Südafrika im Bereich Atomtechnologie bereits mit Südkorea und den USA und hat auch Verträge mit Frankreich und China abgeschlossen.

Ägypten: Die Generäle möchten sich nicht festlegen. Nachdem sich die ägyptische Militärjunta kürzlich der russischen Solidarität versichert hat, werden jetzt deutsche U-Boot (G-News dt.) und französische Rafale-Kampfbomber (Telepolis) geordert.
Die Stiftung Wissenschaft und Politik stellt fest, dass Ägypten das Säbelrasseln gegenüber Äthiopien allerdings eingestellt habe - der Staudamm am Oberlauf des Nils sei ohnehin nicht mehr zu verhindern und Äthiopien werde als Partner wichtiger.

Palästina: Von den 5,4 Mrd. US-Dollar, die nach dem letzten Krieg zum Wiederaufbau für Gaza bereit gestellt werden sollten, sind erst 300 Mio. (rund fünf Prozent) überwiesen (Al Jazeera). Die Vereinten Nationen brauchen das Geld. Dringendst.

Sri Lanka: Wahlsieger Mithripala Sirisena ist zwar mit einiger Unterstützung der USA an die Macht gelangt (MediaWatch wies darauf hin). Doch ob er sich deshalb nun dazu hinreißen lässt, einer externen Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs auf der Insel im Indischen Ozean zuzustimmen, darf bezweifelt werden. Die Asia Times hat die Details.

Indien wird AWACS-Systeme von Israel kaufen (Press TV). Kostenpunkt 1,5 Mrd. US-Dollar. 

Afghanistan: Die offene Intervention ist beendet - die Gewalt keineswegs (G-News dt.).

Nous sommes Civil Authority for Freedom of Choice (2) - Libanon.
Nous sommes Planned Parenthood, Missouri (2) - USA

Das Tax Justice Network schlägt eine sogenannte unitary taxation vor, damit multinationale Konzerne ihre Gewinne künftig nicht mehr willkürlich zu Steuervermeidungszwecken verschieben können (blog steuergerechtigkeit). Ein Arbeitspapier gibt es auch (engl., PDF).

Gabriel Felbermayer vom ifo-Institut kann sich nicht entscheiden: Ist das TTIP nun gut für Entwicklungsländer oder nicht? Gefunden hat den sicherlich ganz gut bezahlten Murks foodwatch.
Die Baustellen der Globalisierung weisen darauf hin, dass das Abkommen einen "Deregulierungswettbewerb im Finanzsektor" befeuern dürfte.


IRIN hinterfragt die Rolle von Prominenten beim Lobbying für Entwicklung erfreulich kritisch. Die Zielgruppe für den Einsatz von prominentem Personal sind danach allerdings meist eher Politiker als die BürgerInnen auf der Straße.

der griechische Finanzminister hat einen absolut bemerkenswerten und sehr persönlichen Text veröffentlicht: "How I became an erratic Marxist" (Guardian) Unbedingt lesen! Wer mehr über Einschätzung der aktuellen Situation in Europa wissen will, sollte "No time for games in Europe" (NYT) lesen; auf Deutsch bei den Nachdenkseiten.

Deutschland: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) widmet die aktuelle Ausgabe der Entwicklungszusammenarbeit.

Sonntag, 15. Februar 2015

Gesellschaftliche Strukturen, die verlogene Berichterstattung bedingen

Unbedingt lesen! Über sein neues Buch „Medien im Krieg – Krieg in den Medien“ sagt der Autor Jörg Becker in einem Interview in den Nachdenkseiten:
(...) jede Auseinandersetzung mit diesem Thema [greift] dann völlig zu kurz (...), wenn sie sich darauf beschränkt, allein über verzerrte Inhalte nachzudenken, also nur auf Kriegsberichterstattung orientiert. Die ist zwar selbstverständlich wichtig, aber es geht vor allem um die gesellschaftlichen Strukturen, die derlei verlogene Berichterstattung bedingen.

Daher spreche ich in diesem Buch auch über die Tätigkeiten von PR-Agenturen, die mit aktivem Kriegsmarketing in den Medien Profit machen, vom völkerrechtswidrigen Bombardement von Mediengebäuden im Krieg, davon, wie elitäre soziale Netzwerke zwischen Medien und Politik das Kriegsgeschäft hochschrauben und beschreibe, dass sich in Kriegszeiten auch NGOs vor den militaristischen Karren der Mainstream-Medien spannen lassen.
In diesem Zusammenhang beschränken wir uns bei MediaWatch auf den aktuellen Hinweis, dass die jüngsten Einlassungen des Spiegels in Bezug auf angebliche nukleare Aktivitäten in Syrien offensichtlich jeder Grundlage entbehren (Asia Times). Aber wie heißt es so schön: Wird schon was kleben bleiben.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Zum Vorbild taugen koloniale Entwicklungsmuster nicht

Armut: Über die weltweite Entwicklung der absoluten Armut macht sich Chris Blattman Gedanken. Auch die Original-Quelle (Martin Ravallion, Center for Global Development, von dem auch die Grafik stammt), lohnt einen kritischen Blick.

Allerdings fragt man sich, warum es nötig ist, die geschichtliche Armut des vorletzten Jahrhunderts in der westlichen Welt so herauszustreichen. Wollen die Autoren, ihre Leserschaft weiterbilden?

Mit Staunen lesen wir dann bei Ravallion den Satz: "(...) understanding the past success of today’s rich world against extreme poverty should be high on the list of research issues for development economics" (den Blattman übrigens nicht zitiert). Doch als polit-ökonomisches Vorbild taugen die Entwicklungsmuster von ehedem nicht mehr. Die Entwicklungspfade die die Industrieländer zwischen 1850 und 1950 beschritten haben, sind nationalen Ökonomien in der globalisierten Welt von heute mit fast 7,3 Milliarden EinwohnerInnen ein für alle Mal verschlossen.  Wenn Entwicklungs- und Schwellenländer heute erfolgreich Armut mindern, so tun sie das ganz anders als die Kolonialmächte früher. (Vgl. dazu auch den Eintrag "Eine Geschichte von zwei Globalisierungen" in diesem Blog.)

So unterschiedlich die wirtschaftlichen Entwicklungspfade auch sein mögen, die Gemeinsamkeit von erfolgreicher Armutsbekämpfung einst und jetzt liegt vielleicht ganz woanders: MediaWatch meint, dass letztendlich nur eine vernünftige Lohn- und Sozialpolitik nachhaltig armutsmindernd wirken kann.

Montag, 9. Februar 2015

Verwertung dieser riesigen Ressourcen

Die Rebellen verbuchen wichtige militärische Erfolge, was einen Zweck der diplomatischen Aktivitäten von Merkel und Hollande einigermaßen nachvollziehbar macht (G-News dt.). Es geht um eine Entlastung der Pleite-Regierung in Kiew. Wenn Russland nicht nachgibt (und warum sollte der Kreml das ausgerechnet jetzt tun?), werden die Amerikaner Kiew aufrüsten. Aber - und da haben die Europäer Recht: Dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen (1), (2), (3).

Worum es im Konflikt in dem osteuropäischen Land unter anderem auch geht? Die Ukraine verfügt über etwa ein Drittel (!) der Ackerfläche, die derzeit in der gesamten EU bearbeitet wird. Und die großen westlichen Agrarkonzerne machen sich jetzt zur Verwertung dieser riesigen Ressourcen auf (Asia Times).

Donnerstag, 5. Februar 2015

"Die Politik der wirtschaftlichen Dummheit"

Joseph Stiglitz ist sauer, und er nennt seinen neuesten Beitrag für das Project Syndicate denn auch "The Politics of Economic Stupidity". Und politisch dumm ist diese Politik auch, möchte man angesichts des Wahlergebnisses in Griechenland hinzufügen. Stiglitz' wichtigste These lautet kurz gefasst denn auch wenig überraschend: "Demand, demand, demand".

Nicht nur Griechenland und Spanien brauchen eine Umschuldung, findet der Guardian: "The situations now faced by European countries are comparable to those in far poorer countries going back decades, and continuing today."

Das Journal für Internationale Politik und Gesellschaft warnt: "In Südeuropa ist Austerität gescheitert. Jetzt soll die Ukraine alle Fehler wiederholen." Der vielsagende Titel des Beitrags beschreibt das Problem mit der nötigen Dramatik: "Die Definition des Wahnsinns".


P.S.: Ein "Goldstandard" für alle künftigen Investitions- und Handelsabkommen soll das TTIP werden. Denn in der Welthandelsorganisation (WTO) geht es viel zu demokratisch zu, und der Westen kann seine Interessen hier nicht wie gewünscht durchsetzen. Einen klugen Artikel über die strategischen Zwecke, die mit dem TTIP verfolgt werden, findet man bei Telepolis. Unbedingt lesen!