Montag, 10. Dezember 2018

Marginalien zum Iran-Komplex

Ja, die Organisation erdölexportierender Staaten hat die Fördermenge um 1,2 Millionren Barrel (täglich) gesenkt, um die Preise zu stabilisieren (n-tv). Die eigentliche Sensation steckt jedoch in folgendem Satz (der übrigens aus den meisten Meldungen rausgekürzt wurde): "Der Iran wird aufgrund der US-Sanktionen von den Kürzungsplänen ausgenommen."

Die seit November laufenden US-Sanktionen gegen den Iran erleiden damit eine empfindliche Schlappe. Das ist Angesichts der "Erbfeindschaft" zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ein klarer diplomatischer Sieg Russlands und ein saudischer Schlag ins Gesicht des US-Establishments. Denn das hatte versucht, die Kashogghi-Affäre zur Disziplinierung des saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman und gleichzeitig von US-Präsident Donald Trump zu nutzen. Doch auch Trump ist beschädigt, denn er hatte sich immer wieder für niedrige Ölpreise stark gemacht.

Und es ist eine Sache, ein Rüstungskontrollabkommen zu kündigen und unilaterale Sanktionen zu verhängen. Wenn dann alle nach Washintons Pfeife tanzen, weil sie um ihre Geschäfte bangen, muss Teheran damit leben.

Ein klarer Bruch des Völker- und des Menschenrechts ist es hingegen, jemanden ohne Anklagererhebung in einem Drittland verhaften und eine Woche in U-Haft - teils in Handschellen - schmoren zu lassen. Da ist der chinesischen Global Times zuzustimmen.

Nach ein paar Tagen wird dann etwas von Betrug und Sanktionen geschwurbelt. Außerdem bleibt die Frage, ob ein Verstoß gegen EU und US-Handelssanktionen automatisch auch in Kanada strafbar ist. Denn nur dann muss Ottawa ausliefern... Das riecht ziemlich übel nach Geiselnahme. Die Nachricht wurde übrigens auch in Deutschland teils mit Schrecken vernommen.

Die Nachrichtensperre über die Verhaftung von Frau Meng Wanzhou bis der G20-Gipfel vorbei war, weist überaus deutlich auf das schlechte Gewissen der Nordamerikaner hin. Ganz generell sind die US-amerikanischen Bemühungen, Produzenten chinesischer Spitzentechnologie wirtschaftlich zu vernichten natürlich unübersehbar.

Freitag, 30. November 2018

Fundstücke CCLXI

Haiti/Klimawandel: Eine langanhaltende Dürre in der Karibik gefährdet die Ernährungssicherheit von zwei Millionen Menschen, und die Grundwasserreserven sind ebenfalls bedroht (Science Daily). Daran ändern auch die jüngsten Hurrikane mit erheblichen Niederschlägen nicht viel.

Puerto Rico: Nachdem Hurrikan Maria abgezogen ist, wird das kleine Land jetzt von Desaster-Kapitalisten heimgesucht, ist Joseph Stiglitz überzeugt. Das wirtschaftliche Potential Puerto Ricos werde auf Dauer geschwächt.

Naher Osten: Eine chinesische Firma wird künftig den Hafen Haifa managen. Das US-Militär hat sich denn auch schon darüber beschwert (Quelle ausnahmsweise RT deutsch, weil Google für diese diese Nachricht keine andere deutschsprachige Quelle nennt (außer der besch****nen Epoch Times)). Laut MAAN hält China mittlerweile Investitionen in Höhe von 16,4 Mrd. US-Dollar in Israel. Zum Vergleich: In Deutschland waren es zwischen 2005 und Juni 2018 rund 37,5 Mrd. US-Dollar.

Syrien: Die israelische Luftwaffe wagt keine Einsätze mehr gegen syrische Ziele zu fliegen, seit Russland dort das S300 Luftabwehrsystem installiert hat (Indian Punchline). Die USA bombardieren aber munter weiter und setzen dabei auch weißen Phosphor ein (TASS).

Jemen: "Where is the UN Security Council?", fragt Le Monde Diplomatique in ihrer englischen Ausgabe.

DR Kongo: Bloomberg fasst noch einmal den Glencore-Gertler Krimi zusammen (MediaWatch berichtete: 1, 2). Scheinbar ist in den USA (immer) noch keine Klage wegen der Glencore-Wühlarbeit in der DR Kongo erhoben worden. Die Paradise Papers kommen übrigens auch drin
vor. Erinnert sich noch jemand?

Der Krieg "gegen den Terror" hat bisher eine halbe Million Menschenleben gekostet. Telepolis nennt das treffend den "amerikanischen Krieg" und wartet mit einer Menge weiteren erschreckenden Zahlen auf.

Schattenbanken - das Stichwort ist ja in letzter Zeit häufiger in diesem Blog gefallen. Was das ist, worum es dabei geht und was das alles mit Entwicklungszusammenarbeit ausgerechnet in Afrika zu tun hat, erklärt Makronom.

Gesundheit: Malariaerkrankungen werden häufiger (statt seltener) warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zu einer effektiven Bekämpfung fehlen derzeit alljährlich circa 3,5 Milliarden US-Dollar (ARD).

Entwicklungshilfe: "Western aid model takes on Chinese characteristics", freut sich die Global Times und weist auf den steigenden Anteil von Infrastrukturprojekten hin, die vom Westen in Entwicklungsländern betrieben werden. Bisher hätten westliche Geber ihre Hilfen auf Sektoren beschränkt, die keine Konkurrenz für die eigene Industrie darstellen.

Menschenrechte: Die EU hat bei der Erzwingung der Sparmaßnahmen in Griechenland gegen das Menschenrecht auf Nahrung verstoßen. Darauf macht German-Foreign-Policy.com aufmerksam. Die KollegInnen berufen sich dabei auf die Studie "Democracy Not For Sale. The Struggle for Food Sovereignty in the Age of Austerity in Greece" (PDF) von FIAN International, dem Transnational Institute und Agroecopolis. 

Donnerstag, 29. November 2018

Spendenidee 2018

Die tiefer und tiefer reichende, wirtschaftliche und soziale Spaltung Deutschlands spiegelt sich auch auf dem Spendenmarkt wieder: Immer weniger Deutsche spenden immer mehr. Der Deutsche Spendenrat schreibt dazu:
Rund 16,5 Millionen Menschen haben im Zeitraum Januar bis September 2018 Geld an gemeinnützige Organisationen oder Kirchen gespendet. Im Vergleich zum Vorjahr waren das etwa 500.000 Menschen weniger. Dies ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung [im Jahr 2005]. (...)
Der Betrag der durchschnittlichen Spende pro Spendenakt ist von 32 Euro auf 35 Euro gestiegen. (...) Dadurch ist das Spendenvolumen im Vorjahresvergleich jeweils bis September von 3,1 Mrd. Euro auf 3,3 Mrd. Euro gestiegen.
Wer also Ende das Jahres Geld für caritative Zwecke übrig haben sollte, dem/der schlägt Ihr/Euer ergebenster MediaWatch-Redakteur vor, es dieses Jahr für die PalästinenserInnen einzusetzen. Das Leben im Gazastreifen ist unerträglich und auch in der Westbank leiden die Menschen unmäßig unter der Besatzung. Hinzu kommt, dass die USA ihre Zahlungen für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNWRA) heftig zusammengestrichen haben.

Deshalb hier also ein Link zu UNWRA ("How you can help") über den man auch online spenden kann. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass Spenden an UNWRA in Deutschland steuerlich absetzbar sind.

Die deutsche Organisation, die am besten in Palästina aufgestellt ist, ist sicherlich medico international.  medico hat sogar eine extra Spendenmöglichkeit für Nothilfe für den Gazastreifen geschaffen. Das ist in Deutschland vermutlich einmalig.

Dienstag, 13. November 2018

Mit Gewalt in den Klimawandel

Immer wieder töten bewaffnete Viehhirten weit mehr Menschen Nigeria als etwa die gefürchtete Terrorgruppe Boko Haram. Allein in diesem Jahr sind mehr als 1.300 Menschen bei Auseinandersetzungen mit den Viehzüchtern zu Tode gekommen. Die Zahl der Vertriebenen wird auf etwa 300.000 veranschlagt.

Seit 30 Jahren brechen derartige Konflikte in dem westafrikanischen Land aus - mit zunehmender Tendenz. Dieses Jahr sind die Auseinandersetzungen eskaliert. Das Problem ist so gravierend, dass Literatur Nobelpreisträger Wole Soyinka sich darüber beklagt, dass „ganze Dorfgemeinschaften von der Landkarte verschwunden“ sind. „Tausende Familien trauern und die Überlebenden sind traumatisiert und für immer gezeichnet.“

Montag, 12. November 2018

Onkel Toms Hütte 3: Rebellen und Auswanderer


Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch

Die Rebellen

Aber es gibt auch zwei bemerkenswerte Gegenfiguren zur dankbaren Sklavin Topsy und zu dem sich aufopfernden Sklaven Tom, den Beecher Stowe einen Martyrer nennt - Cassy und George, auch hier wieder in eine männliche und eine weibliche Variante aufgeteilt. Beide wollen mit dem Christentum nichts zu tun haben.

Ein großes Verdienst von Beecher Stowes Roman ist es, alle Aspekte der Sklaverei in ihre Fiktion miteinzubeziehen und dazu gehört die besonders perfide Ausbeutung und Quälerei der Frauen in der Sklaverei. Die Geschichte von Cassy, die Tom in seinen letzten Tagen so gut wie möglich versorgt, erhellt diese wenig beachtete Unterdrückung. Mit dem ersten ihrer Käufer lebt sie in einer jahrelangen Liebesbeziehung, aus der auch zwei Kinder entstehen. Nichts in dieser eheähnlichen Verbindung kann ihren Liebhaber dazu bringen, sie zu heiraten und ihr damit legalen Schutz vor der Sklaverei zu bieten. Vielmehr verkauft er sie schließlich zusammen mit ihren Kindern wegen seiner Spielschulden.

Wie sehr sie durch ihre Kinder erpressbar ist, schildert Beecher Stowe eindrücklich: Aus der zweiten Verbindung bei einem ihrer nächsten Besitzer wird ihr ein Sohn geboren, aber nachdem sie trotz aller Gefügigkeit ihre beiden ersten Kinder bereits durch Weiterverkauf verloren hat, bringt sie diesen neugeborenen Sohn durch Laudanum um. Nie wieder will sie Kinder haben, um durch sie erpressbar zu werden, nie mehr glaubt sie an die Liebe. Über eine Odyssee von Weiterverkäufen kommt sie schließlich in den Besitz von Legree. Hier hat sie bereits alle Skrupel und Ängste verloren, sie ist bereit zu sterben oder ihren Widersacher zu töten. Tom kann sie nicht überzeugen, so weit zu gehen, selbst nicht um den Preis, sinnlos zu sterben. Er will sie stattdessen zum Glauben an Gott führen, um ihren Peinigern zu verzeihen. Das aber lehnt sie ab. Über eine ausgeklügelte, über Monate vorbereitete Flucht entkommt sie der Sklaverei, bei der sie noch das Mädchen Emmeline aus dem Besitz von St. Clare mitnimmt, das Legree ebenfalls gekauft hat. 

Donnerstag, 8. November 2018

Onkel Toms Hütte 2: Christen und Heiden

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch

Die Geschichte von 'Onkel' Tom

Mit der Konversation zwischen dem Farmer Shelby und dem Sklavenhändler Haley beginnt der Einstieg in die Geschichte. Shelby ist verschuldet und braucht dringend Geld. Schweren Herzens will er deshalb seinen bestausgebildetsten Sklaven Tom an Haley verkaufen. Haleys Geschäft besteht darin, in finanzielle Bedrängnis geratenen Farmern Sklaven zum Schnäppchenpreis abzupressen und diese dann gewinnbringend weiter zu verkaufen. Denn die Nachfrage nach Sklaven konnte teilweise durch die inzwischen vorhandene Nachkommenschaft durch die Sklaven selbst - darunter viele durch Vergewaltigungen gezeugte Mischlinge - sowie durch die Pleiten oder Besitzauflösungen von Farmern 'gedeckt' werden.

Tom ist ausserdem zum Christentum konvertiert, ein Fakt, der immer eine enorme Rolle bei der Sklavenfrage gepielt hat. Sie entzündete sich daran, ob Christen Christen versklaven dürfen und bezog daraus ihre moralische Schlagkraft. Viele Sklaven sind genau aus diesem Grund  konvertiert, weil sie sich dadurch bessere Chancen auf ihre Freiheit  versprachen, was auch bei den Prinzen von Calabar eine erhebliche Rolle spielte. Beide Prinzen, selbst Sklavenhändler, konvertierten zum Christentum, um sich der Unterstützung der Methodisten für ihre Rückkehr sicher zu sein, um dort wieder als Sklavenhändler tätig zu werden. Weder für die weißen noch für die schwarzen Sklavenhändler hatte das Christentum irgendeine moralische Bedeutung. Das wollte die Abolitionisten-Bewegung ändern. Für sie war das Christentum eine Verpflichtung zur Menschlichkeit gegenüber Christen, die ihre Versklavung verbietet. 

 Die Peitsche überlebt. Foto von 1863, Louisiana. Wikimedia

Montag, 5. November 2018

Onkel Toms Hütte 1: Die Hintergründe

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch

Der transatlantische Sklavenhandel wurde zur größten Zwangsumsiedlung der Menschheit, bei der schätzungsweise elf Millionen Menschen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert  in die Neue Welt und nach Europa verschleppt wurden. Dieses immense Ausmaß konnte von den Opfern naturgemäß kaum dokumentiert werden. Dennoch gibt es einige wenig bekannte, spärliche Zeugnisse von Betroffenen.
Fußfessel für Sklaven, Musée de la civilisation.celtique / Bibracte, Frankreich.Foto: wikimedia, Quelle Urban
In einer mehrteiligen Serie zum Sklavenhandel und ihren unterschiedlichen Folgen habe ich bereits  einige dieser Zeugnisse vorgestellt - so die Die Prinzen von Calabar des Historikers Randy J. Spark, der den spannenden Briefwechsel zweier irrtümlich in die Sklaverei verschleppter nigerianischer Sklavenhändler in historische Zusammenhänge bringt oder die Aufzeichnungen Jan Stedmans, der fünf Jahre in Surinam Sklavenaufstände im Namen der britischen Krone niederschlug. In ihnen wird dieses belastende Thema weg von der bloßen Aufzählung geschichtlicher Fakten hin zu anschaulichen Geschichten von Einzelschicksalen verlagert, die trotz ihrer Einzigartigkeit und ihrer unterschiedlichen Perspektiven erhebliche Teile des blutigen Geschäfts beleuchten.

1852 erschien der Roman "Uncle Toms Cabin" von Harriet Beecher Stowe in Boston und ist also nicht wie die anderen Beiträge zur Sklaverei historisches Dokument, sondern Fiktion. Aber Beecher Stowe, eine glühende Kämpferin für die Abschaffung der Sklaverei, hat als Aktivistin in der Abolitionisten-Bewegung zahlreiche Dokumente von Sklavenschicksalen gesammelt und kam nicht zuletzt selber mit befreiten Sklaven in Kontakt, die sie zu einer fiktiven Geschichte mit einer Reihe von Einzelschicksalen zusammengeschmolzen hat. Sie bezeichnet "Uncle Toms Cabin" in der europäischen Ausgabe von 1856 deshalb als