Freitag, 20. September 2019

... und gebar eine Maus

Massensterben: Über die Brände in Lateinamerika sind die fortdauernden, schweren Verwüstungen in Südostasien ein wenig aus dem Blickfeld geraten (Al Jazeera). Der MDR bringt die Meldung gar im "Panorama" ...

Heißzeit: Angesichts des massiven Versagens der GroKo jetzt auch beim sogenannten "Klimapaket" wiederholen wir hier noch einmal die (natürlich schon längst wieder vergessenen) Worte einiger Youtuber vom Mai diesen Jahres:
Die irreversible Zerstörung unseres Planeten ist (...) das berechenbare Ergebnis der aktuellen Politik. Das behaupten nicht wir, sondern das ist (...) Konsens in der Wissenschaft. (…) Wer (...) nicht danach handelt, wie die aktuelle Regierung, hat nichts in der Führung eines aufgeklärten Landes zu suchen.
Es sind eben doch nur schwarze Nullen, die uns da regieren. Auch die Tatsache, dass fast die komplette Medienlandschaft die GroKo-Einigung als "Durchbruch" bezeichnet, ändert nichts daran. Die Grünen werden von diesem Versagen profitieren, es aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht besser machen. Wir werden darauf zurückkommen.

Dienstag, 17. September 2019

Klimawandel macht Hunger

Rechtzeitig zum weltweiten Aktionstag von Fridays for Future am 20. September hat Ihr/Euer ergebenster MediaWatch-Redakteur zusammen mit Michael Kühn einen Brennpunkt "Klimawandel macht Hunger" für die Welthungerhilfe erarbeitet. Darin werden zentrale Klimaforderungen der Welthungerhillfe gelistet und begründet. Schon der Einstieg gibt die Richtung vor:
Die Fridays-for-Future-Bewegung hat die Politik aufgerüttelt. Deutschland diskutiert über die Bepreisung von CO2 und Städte erklären den Klimanotstand. Für die Armen im Globalen Süden
ist das zu wenig. Der Klimawandel hat ihr Leben längst verändert und erweist sich als Hungertreiber. Bei der Anpassung brauchen die Betroffenen unsere Unterstützung. Und wir müssen darüber hinaus politisch umsteuern: in der Energie- und Verkehrspolitik, im Konsumverhalten und in der Land- und Forstwirtschaft.
Wer sich für das vier Seiten kurze Papier interessiert, kann es hier herunterladen. Wichtig ist für Euren/Ihren MediaWatch-Redakteur der Umstand, dass die Welthungerhilfe auch klare Forderungen an die innerdeutsche Politik formuliert: Es muss vor allem eine effektiktive CO2-Bepreisung geben. Ein Klimaschutzgesetz soll noch in diesem Jahr verabschiedet und Nachhaltigkeit als Staatsziel in Grundgesetz aufgenommen werden.

In dem Papier stellen Michael Kühn und ich außerdem Projektbeispiele vor. Darüber hinaus hat die Welthungerhilfe ihr Angebot zum Thema Klimawandel und Entwicklungsländer aktualisiert und als Themenseite gebündelt. Dieser Schritt ist nötig, denn die Frage, wie Klimagerechtigkeit international aussehen könte, ist immer noch unterbelichtet.

Freitag, 13. September 2019

Fundstücke CCLXXV

China: Die besten Berichte in deutscher Sprache über die Situation in Hongkong kommen von den Nachdenkseiten (2). Da ist von exorbitanten Mieten bei stagnierenden Löhnen die Rede und von einem kaum regulierten, noch aus der Kolonialzeit ererbten Gangsterkapitalismus. Kein Wunder, dass manche die Möglichkeit fürchten, an die Jurisdiktion Pekings ausgeliefert zu werden. Die erhebliche Militanz, Vandalismus, das Schwenken von US-Flaggen und Ausreisegesuche nach Australien haben der Glaubwürdigkeit der Proteste geschadet. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise auf Einflussnahme durch die USA.
In der Global Times, der Zeitung der KP Chinas, werden die Demonstrationen als soziale Proteste gewertet. Carrie Lam, die Regierungschefin von Hongkong, hat - entsprechend dieser Lesart - einen Vierjahresplan zur ökonomischen Weiterentwicklung der Stadt verkündet.
Wer wissen möchte, wie das offizielle China Deutschland (nach dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking) sieht, sollte ebenfalls einen Blick in die Global Times werfen.

Indien: Die Wirtschaft des Subkontinents stottert jetzt schon ein Jahr lang vor sich hin - mit der höchsten Arbeitslosigkeit seit 45 Jahren. Es gibt Anzeichen dafür, dass es sich nicht nur um eine zyklische Abkühlung handelt. Steuererleichterungen für Unternehmen werden die Investitionsschwäche aber ganz sicher nicht beheben.
India’s high growth previously had been running on the twin engines of government spending and private consumption. These two engines more than made up for weak activity in the two other levers, investment and exports, for some time.
Textbook economics says that growth should be led by investment, not consumption. Another structural weakness is India’s bad-loan mess, also known as NPAs [non-performing assets], which are now the world’s largest, as a proportion of GDP.
A persistently flat farm-income growth looks like another structural driver of the current slowdown.
Indonesien: Joko Widodo plant, die Hauptstadt Indonesiens von der dicht besiedelten Insel Java in den Osten der vergleichsweise wenig entwickelten Insel Kalimantan ("Borneo") zu verlegen. Welche politischen Gründe (und Implikationen) dieser Schritt haben dürfte, erläutert die Asia Times. Länder wie etwa Brasilien (Brasilia) oder Nigeria (Abuja) sind diesen Weg schon gegangen. Die neue Hauptstadt soll in der geographischen Mittel der Inselrepublik liegen.

Palästina: "Existiert noch eine Wirtschaft?", fragt der Freitag. Die Zerstörung der palästinensischen Wirtschaft bezwecke, die Besatzung unumkehrbar zu machen, gibt die Havard-Ökonomin Sara Roy zu bedenken. Hat tip Ina Zeuch

Landwirtschaft: Eine Studie der Universität in Stockholm kommt zu dem Schluss, dass mangelnde Kenntnisse über die Versorgungskette bei Phosphat (ein unersetzlicher Planzendünger) die Ernährungssicherung gefährden können. Die mit Abstand größten bekannten Reserven dieses Rohstoffs liegen übrigens in der von Marokko besetzten Westsahara. Wer sich für das Thema interessiert, kann auch einen Blick in den Rohstoffbrief der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe werfen..

Klimawandel: Einen kompetenten Artikel über Fort- und Rückschritte bei der "Großen Grünen Mauer" im Sahel hat Telepolis im Angebot.
Und? Schon Mal was vom Blob gehört? Das ist eine Hitzeanomalie der Meeresoberfläche des Nordpazifik vor den Küsten der USA und Kanadas (Spektrum der Wissenschaft). Wie El Ninjo scheint der nun zu einem regelmäßig wiederkehrenden Großwetterphänomenen der neuen Heißzeit zu werden - allerdings ist der Blob ein ziemlich tödliches Phänomen (Sciencealert):
It was nicknamed the Blob, after a horror film monster that consumes everything in sight. The heatwave, which lasted for several years, was an equally indiscriminate killer.
According to estimates, (...) the southern coast of Alaska lost more than 100 million Pacific cod. Thousands of seabirds were found washed up on the shore, and about half a million were decimated in total. In one year alone, populations of humpback whales dropped by 30 percent. Salmon, sea lions, krill, and other marine animals also vanished in astonishing numbers, as toxic algae bloomed.
The Blob caused ecosystems and industries alike immense losses - so much so that researchers from the US National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) are now closely tracking these events.

Montag, 26. August 2019

Eine neue Kooperation

Aufmerksame LeserInnen werden es vielleicht schon an der rechten Funktionsspalte im Blog  bemerkt haben: MediaWatch kooperiert ab sofort mit dem Bild- und Forschungsarchiv "Das Bild des Orients" zum islamischen, altorientalischen und christlichen Orient.

Das wird von Joachim Gierlichs betrieben, der Spezialist für Islamische Kunstgeschichte (Dr. phil) ist. Neben langjähriger Lehrtätigkeit (u.a. Freie Universität Berlin, Virginia Commonwealth University Qatar, Doha, Friedrich-Wilhelm Universität Bonn) und Projekt-, Museums- und Bibliothekstätigkeiten in Berlin, London und Doha, Katar war Gierlichs von September 2013 bis Oktober 2016 als Director Special Collections and Archives der Qatar National Library für die historischen Spezialsammlungen und Archive verantwortlich. Seit 2017 ist er auch als Kurator und Berater für Museums- und Ausstellungsplanung tätig.

Foto: Joachim Gierlichs, Das Bild des Orients

Montag, 19. August 2019

Fundstücke CCLXXIV

Naher und Mittlerer Osten: Ein gutes Feature über ein neues russisches Konzept für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen und Mittleren Osten bietet Telepolis.

Israel/Palästina: Al Jazeera lädt zu einem "Palestine Remix", bei dem die NutzerInnen das Archivmaterial des Senders für sich und andere zusammenstellen und vielleicht sogar bisher ungesehene Aspekte zutage fördern können. Drei Quizze gibt es außerdem.
Wer bereit ist, sich auf die Darstellung des Senders einzulassen, wird merken, dass der Konflikt nach wie vor jede Menge Zündstoff birgt.

Übrigens sind sowohl die englische Website als auch der Facebook- und der Twitter-Account der inoffiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur Maan seit Mitte Mai nicht mehr aktualisiert worden. Über die Gründe gibt praktisch keine Informationen. Lediglich die Electronic Intifada gibt einen Hinweis darauf, dass die der Fatah nahe stehende Agentur ihr Büro in Gaza schließen musste. Der arabische Dienst wird jedoch offensichtlich weiter betrieben.
Foto und Collage von Joachim Gierlichs, Das Bild des Orients

Vietnam/EU: Die Europäische Union und Vietnam unterzeichnen ein Verteidigungs(!)abkommen. Darauf weist die Asia Times hin. Vietnam ist tendenziell als Gegner Chinas einzustufen - einerseits aus historischen Gründen, andererseits wegen der Zwistigkeiten im Südchinesischen Meer. Ansonsten existieren solche Abkommen der EU im asiatisch-pazifischen Raum nur mit Staaten, die eindeutig dem westlichen Lager zuzuordnen sind: Australien, Neuseeland und Südkorea.

Kambodschas Wälder werden aufgeteilt und geplündert. Auch dazu liefert Al Jazeera spannende interaktive Online-Inhalte.

IWF: Der beste Kommentar anlässlich der Neubesetzung an der Spitze des Internationalen Währungsfonds in deutscher Sprache kommt von den Baustellen der Globalisierung.

Süd-Süd-Kooperation: Ram Nath Kovind, der indische Präsident, war in Westafrika. Dort hat er Benin, Gambia und Guinea besucht.
Nordkorea beklaut die Krypto-Spinner (Reuters). Na, wenigstens eine Seite, die ordentlich Gewinn macht: Immerhin zwei Mrd. US-Dollar sollen die Fischzüge in 17 Ländern laut UN immerhin gebracht haben. Dabei ist die Blockchain angeblich doch sooo sicher....

Das Letzte zum Schluss: Das ausgerechnet der bayerische Landesvater Markus Söder vorschlägt, den Klimaschutz ins Grundgesetz zu schreiben, zeigt lediglich, wie wenig Respekt diesem Text noch gezollt wird. Kost ja nix, wird er sich gedacht haben, und bis so etwas en detail durchgeklagt ist, vergehen viele, viele Jahre.

Montag, 12. August 2019

Continuity-Agreements verzweifelt gesucht

Die UN Konferenz für Handel und Entwicklung macht darauf aufmerksam, dass ein ungeordneter Brexit auch für viele Entwicklungsländer Folgen haben könnte:
a no-deal Brexit would significantly alter market access conditions to the UK. In such a scenario, EU preferential trade agreements with third countries will abruptly cease to apply. And imports to the UK could end up taking place on Most Favored Nation (MFN) terms (...). There are already indications that some MFN tariffs will be reduced, as the UK government may want to contain inflationary pressures from higher import tariffs.
Als mögliche Gewinner eines No-Deal-Brexits macht UNCTAD vor allem Schwellenländer aus: China, Thailand, Südafrika, Brasilien und Vietnam. Zu den Verlierern könnten Kambodscha und Pakistan aber auch die Türkei und einige der am wenigsten entwickelten Länder (LDCs) wie Madagaskar, Mosambik, Myanmar und Nepal gehören.

Viele Länder haben bereits ein sogenanntes Continuity-Agreement mit London ratifiziert. Jene, die das bisher versäumt haben, könnten Schwierigkeiten mit ihren Exporten nach Großbritannien bekommen:
the many countries that have still not signed continuity agreements are expected to bear high costs from Brexit. Countries like Nicaragua, Ghana and Honduras would see their exports to the UK fall by nearly 40% without a continuity agreement.

Donnerstag, 8. August 2019

Islamischer Staat, Westafrikanische Provinz

Wer sich ernsthaft für die Entwicklung von Boko Haram interessiert, sollte unbedingt die beachtenswerte Analyse im New Humanitarian (vormals IRIN) lesen. Darin wird die Abspaltung eines IS-Zweiges von Boko Haram dargelegt und geschildert, wie die jetzt ISWAP (Islamic State West Africa Province) genannte Gruppe vorgeht, um ein veritables Staatswesen am Tschadsee zu begründen.
Whereas orthodox Boko Haram (...) is an exclusivist movement that regards everyone living outside its zone of control a legitimate target (...) ISWAP sees the political value in not slaughtering potential future citizens of the more inclusive state they are trying to build, based on sharia law, in the Lake Chad region.
Selbstverständlich liefert auch ISWAP den Sicherheitskräften erbitterte Gefechte. Es scheint aber, als habe ISWAP die Tugenden der früheren Guerilla-Bewegungen wiederentdeckt. Sie versuchen der Bevölkerung mittels einer rudimentären Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Alternative zu bieten:
ISWAP levies taxes on fishermen and farmers and in return digs wells, provides security, rudimentary healthcare, price caps on basic food items and trader-friendly policies to encourage the flow of goods. Until mid-last year, life was hard on the islands [im Tschad-See, die Red.], but ISWAP’s success in clearing military bases along a corridor to the Niger border has boosted business.

Bedenkt man den ziemlich erbärmlichen Zustand, in dem sich die Anrainerstaaten des Tschadsees (vor allem betroffen: Nigeria, aber auch Kamerun und Niger; das östlich gelegene Tschad ist weniger berührt) aus verschiedensten Gründen allesamt befinden, stellt die neue politische Ausrichtung der Islamisten wohl eine viel größere Herausforderung dar, als die lediglich militärische durch Boko Haram:
Out of the eight people in total from Baga that I interviewed in Maiduguri, none supported jihadist violence. They all wanted this war to be over, had suffered too much in the name of religion, and enthusiastically hated Shekau [den Anführer von Boko Haram, die Red.]. But when asked if they would support ISWAP if it was a political party that renounced violence but retained support for sharia law, there were near unanimous nods of agreement.
It is the inability of successive Nigerian governments to care for its citizens fairly and justly that was regarded as the foremost problem.