Freitag, 31. Oktober 2014

Fast 25 Millionen Menschen im Sahel bräuchten Lebensmittelhilfen

Die Ernährungssicherheit im Sahel nimmt rasant ab und Mangelernährung zu. Das meldet das Integrierte Regionale Informationsnetzwerk IRIN unter Berufung auf das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). Schuld an der Entwicklung sind vor allem die Konflikte in der Zentralfrikanischen Republik, Mali und im Norden Nigerias. Damit hat sich die Zahl der Menschen im Sahel, deren Ernährung nicht mehr gesichert ist, seit letztem Jahr etwa verdoppelt.

Für 6,5 Millionen Menschen zwischen Dakar und Asmara sieht es besonders düster aus: Sie haben jetzt die rote Linie (und dies ist wirklich eine) von unsicherer Versorgung mit Nahrungsmitteln "Phase 2" zu akuter Ernährungskrise "Phase 3" überschritten. Wer von den Fachleuten in "Phase 3" eingeordnet wird, ist bereits gezwungen das Saatgut aufzuessen oder Kredite auf die Ernte im nächsten Jahr aufzunehmen, um heute etwas zu Essen kaufen zu können.

Derzeit vegetieren mehr als 6,4 Millionen akut unterernährter Kinder unter 5 Jahren im Sahel vor sich hin - 1,4 Mio. mehr als Anfang des Jahres und darunter 1,6 Mio. mit schweren Mangelerscheinungen. Besonders hart trifft es die die Kleinkinder und Babies im Nordosten Nigerias, wo sich Boko Haram, die Armee und lokale Milizen blutige Schlachten liefern. Insgesamt sind dort etwa 1,5 Mio. Menschen auf der Flucht - viele sind auch ins Nachbarland Niger geflüchtet.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Wirtschaftswachstum ist nicht die einzige polit-ökonomische Dimension

Dilma Rousseff ist als Präsidentin Brasiliens wiedergewählt. Amerika21 macht darauf aufmerksam, dass sie sich einer erstarkten Opposition gegnüber sieht: "Im konservativsten Kongress seit 1964 haben konservative Kräfte die Mehrheit".

Die deutschsprachigen Qualitätsmedien haben dagegen außer unterschwelligen Vorwürfen, dass die brasilianischen WählerInnen Angst vor - natürlich dringend notwendigen - "Reformen" haben, kaum Substanzielles zum Wahlausgang zu bieten (SZ, FAZ, NZZ).

Wie ungleich genauer, ist dagegen - trotz aller Rhetorik - die Analyse in der Asia Times. Da geht es auch um Arbeitsplätze um Einkommensverteilung, um Staatsverschuldung und um die Frage, ob eine Regierung Neves den USA mehr Einfluss in Brasilien eingeräumt hätte.

Montag, 27. Oktober 2014

Fundstücke CXCVII

Der Economist ist begeistert: In Sao Paulo geht die Schickeria auf die Straße, um für Aécio Neves zu demonstrieren, den konservativen  Herausforderer von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff. Viel wichtiger: Zumindest im ersten Wahlgang waren die meisten Parteispenden noch an die Amtsinhaberin gegangen. Doch jetzt holt Neves vor allem mit Hilfe der Banken und der Äthanolindustrie auf (Reuters).

Zum Thema Ebola überlässt MediaWatch das Feld gerne Menschen, die sich wirklich mit dem Thema Gesundheit auskennen. Eine gute Diskussion und Zusammenschau gibt es bei Medico International. Besonders empfehlenswert: "Woher kommt Ebola? Die soziale Pathologie des Ebola-Virus und der Epidemie in Westafrika". Die EU hat sich jetzt dazu durchgerungen, eine Mrd. Euro zur Verfügung zu stellen (G-News dt.). Das Geld wird in der internationalen Zusammenarbeit anderswo fehlen (siehe weiter unten in diesem Posting).

Im Osten der DR Kongo sind Warlords unter islamistischer Flagge unterwegs und massakrieren die Zivilbevölkerung. (Telepolis).

Ein guter Hintergrundartikel über die (selbstverständlich nicht uneigennützigen) diplomatischen Bemühungen Chinas im Südsudan bietet China Brief. So kann Außenpolitik auch aussehen - im Westen scheint das mittlerweile vergessen.

Pakistanische Gegensätze....
88 % "Kollateralschaden": Nach 400 US-Drohnenangriffen in Pakistan konnten nur 295 der 2.379 Todesopfer als Mitglieder (irgend)einer bewaffneten Gruppe identifiziert werden. Das hat das Bureau for  Investigative Journalism in jahrelangen Recherchen herausgefunden.
In Peshawar haben findige Ingenieure eine solarbetriebene Fahrradrikscha zusammengeschraubt und bieten das Modell jetzt für umgerechnet 3.000 US-Dollar an (DAWN). MediaWatch wünscht jede Menge Erfolg!

"Der Krieg ist immer noch da", erinnert wenigstens die Zeit an die Situation in Gaza.

Im Falles eines Krieges gegen Nordkorea hatten die USA laut Ex-CIA-Chef und US-Verteidigungsminister Leon Panetta den Einsatz von Atomwaffen in Betracht gezogen (G-News engl.). Vergleichbare Überlegungen waren vor etwa zehn Jahren auch für den Irak angestellt worden. Elf Atombomben haben GIs übrigens schon irgendwo verläppert....

Die UN-Mitgliedsstaaten hungern das UN-Büro für Menschenrecht aus. Der neue UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Prinz Zeid Ra’ad al-Hussein aus Jordanien, hat diesbezüglich schwere Vorwürfe erhoben. (IPS, hat tip Global Policy Forum).

Dazu passt: Frankreich und die Europäische Union streichen die Entwicklungshilfe drastisch zusammen. Frankreich kürzt seine diesbzüglichen Ausgaben um 20 Prozent; die EU will Einsparungen von insgesamt 1,5 Prozent des Gesamthaushalts vor allem auf Kosten der Bereiche Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe verwirklichen (Euraktiv.de).

Darüber, "Warum Jean Tiroles Arbeit wichtig ist" klärt der Freitag gut verständlich auf. Im Interview bei der FAZ gibt es erfreuliche Überraschungen - zum Beispiel Tiroles Forderung, Unternehmen stärker zu besteuern, wenn sie Menschen entlassen:
Wenn ein Unternehmen heute Mitarbeiter entlässt, verursacht es Kosten für die Arbeitslosenversicherung. Gleichzeitig finanzieren jene Unternehmen, die ihre Belegschaft erhalten, die Leistungen der Arbeitslosenversicherung durch ihre Arbeitgeberbeiträge. Das sind keine guten Anreize. Tatsächlich wird (...) Personalabbau also von jenen Unternehmen finanziert, die keinen (...) betreiben. Die Gegenmaßnahmen wurden schon von Präsident Roosevelt in den dreißiger Jahren in den Vereinigten Staaten eingeführt. Davon ließen wir uns inspirieren.
Deutschland: Kleine Geschenke unter Freunden... Die Bundesregierung räumt Israel nun doch einen 300 Mio. Euro Preisnachlass auf zwei raketenbestückte Fregatten ein. Wegen seiner Siedlungspolitik hatte Israel eigentlich den vollen Preis von 1,1 Milliarden Euro zahlen sollen (Press TV / Haaretz). Das Geschäft über die Kriegsschiffe war im Juli 2013 vereinbart worden (Jerusalem Post).

Das Prinzip Teflon-Partei - die Grünen tun immer da radikal, wo es grad nicht weh tut. "Grünen-Fraktionschef: Hofreiter wirft EU Verrat an Klimaschutz vor" (SPON).

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Die Nachrichtenlage glätten

Nur ein, zwei kurze Bemerkungen zu Kobani: Kurden und Islamisten hätten es sich wohl nie träumen lassen, dass sie einen wochenlangen Stellvertreterkrieg (wikipedia) für zwei NATO-Länder (USA vs. Türkei; 2) führen würden.

Die arabischen "Verbündeten" haben zudem ganz eigene Ambitionen und Vorstellungen dazu, wie die Region in Zukunft aussehen soll. (Project Syndicate):
Qatar, along with Turkey, backs grassroots Islamist movements like the Muslim Brotherhood and its offshoots in Gaza, Libya, Egypt, Tunisia, Iraq, and the Levant. That pits it against Saudi Arabia and countries like the United Arab Emirates, Egypt, and Jordan, whose rulers view such movements as an existential threat, with some, including the House of Saud, investing in propping up autocratic regimes like their own.
Mit Sicherheit ist diese Darstellung zweier arabischer Lager - so clever sie ist - jedoch ebenfalls stark vereinfacht.

Interessant: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist bei weitem nicht so gut darin, die Nachrichtenlage für die Bundesbürger zu glätten, wie die Redaktion der Tagesschau. Dabei heißt es doch immer, die PolitikerInnen seien die dreistesten LügnerInnen. Na, egal.

Übrigens: Was ist eigentlich aus der angeblichen militärischen Unterstützung der arabischen Länder gegen das Kalifat (IS oder ISIS) geworden, die vor wenigen Wochen noch so hämisch abgefeiert wurde?

Montag, 20. Oktober 2014

Neues Nachrichtenportal bei MediaWatch


Als neuen Service hat sich Ihr/Euer ergebenster MediaWatch-Redakteur ein RSS-basiertes Nachrichtenportal innerhalb des Blogs ausgedacht. Insbesondere in den nächsten Monaten, in denen nicht so viele Postings geboten werden können, soll Ihnen/Euch dieser Service helfen, zügig an interessante oder gewünschte Informationen zu gelangen. Wie immer bei MediaWatch ist auch dieser Nachrichten-Stream etwas gegen den Strich gebürstet. Wenn dieser Post von der Einstiegsseite verschwunden ist, kann man jederzeit von dem Link "Das Nachrichtenportal von MediaWatch" in der rechts stehenden Rubrik "Wir und die Anderen" zum dem neuen Angebot gelangen.

Wer andere interessante RSS-Angebote kennt - vor allem deutschsprachige Angebote für einzelne Weltregionen - die gut in diese Seite hereinpassen, kann sich gerne bei der Redaktion melden (uwe.kerkow (at) gmail.com) oder unten kommentieren.

Bei der Erstellung des Nachrichtenportals hat MediaWatch den Feedwind Code genutzt. Bitte ein klein wenig Geduld beim Aufrufen der Seite mitbringen. Es dauert meist etwas, bis alle Feeds abgerufen sind. Hakt es etwas, kann die Seite noch einmal neu aufgerufen werden.

Freitag, 17. Oktober 2014

Fundstücke CXCVI

Kenia richtet einen staatlich gemanagten Fond für Gelder ein, die aus den neuerdings anfallenden Öl- und Gaseinnahmen hereinkommen (East African).

Nun wo die Franzosen wieder abgezogen sind, greifen die militanten Dschihadisten in Mali die UN-Friedenstruppen an (Telepolis). Die Vereinten Nationen haben mittlerweile 31 Soldaten im Rahmen der MINUSMA verloren.

Die NZZ berichtet über den mühseligen und gefährlichen Kampf der AktivistInnen für Menschenrechte in Saudi-Arabien. Auch Amnesty International wirft Riad eine "systematische und rücksichtslose Kampagne" vor, die "jegliche Kritik am Staat" abwürgt.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die berühmte Hilfsbereitschaft des Westens, wenn Mediziner, die sich in Westafrika mit Ebola infizieren, von der Weltgesundheitsorganisation und Europa im Stich gelassen werden und vor Ort sterben. Details über diese unwürdige Geschichte sind beim Freitag (aus dem Guardian) nachzulesen. Und ganz zu Recht schimpft Jens Berger in den Nachdenkseiten über die erbärmlich geringfügigen Hilfsleistungen von offizieller deutscher Seite:
Geradezu erbärmlich ist vor allem die kaum vorhandene Hilfe der deutschen Regierung. 17 Mio. Euro, 50 Feldbetten und jede Menge heißer Luft – mehr hat Afrika aus dem reichen Deutschland offenbar nicht zu erwarten. Was soll das ganze dumme Gerede von einem Deutschland, das „nicht abseits stehen darf“ und „internationale Verantwortung tragen muss“? Offenbar versteht die politische Elite unter „internationaler Verantwortung“ lediglich das Führen von Kriegen und den Export von Waffen.
Die 25 wichtigsten unterdrückten Nachrichten für 2014 präsentiert Project Censored. MediaWatch empfiehlt dieses Jahr drei davon:
Der Pinocchio-Preis für die gelungsten Unternehmens-Lügen im Bereich nachhaltige Entwicklung wird wieder vergeben. Wer mitmachen will, wird dazu von Les Amis de la Terre / Friends of the Earth ausdrücklich eingeladen. Man kann zwischen neun Unternehmen in drei Kategorien wählen. Wer die meisten Stimmen bekommt, erhält auch die Schmähpreise.

Deutschland: "Berlin sagt ‚Verantwortung übernehmen‘, meint aber ‚Macht ausüben‘." Zur neuen deutschen Großmannssucht gibt's ein gutes Interview bei den Nachdenkseiten.

Die große Mehrheit der BundesbürgerInnen möchte, dass die Regierung mehr Geld für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse hier auf einen Blick:

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Viel Armut - viel Krieg - viel Hunger

Die Hungerkrise im Südsudan entwickelt sich offenbar nicht ganz so schrecklich wie befürchtet (BBC). Von Hunger und Unterernährung betroffen sind derzeit 1,5 Mio. Menschen. Befürchtet worden waren 4 Mio. Hungernde. Doch die Risiken bleiben hoch und im nächsten Jahr könnte die Zahl der Hungernden wieder auf 2,5 Mio. ansteigen. Rund 1,3 Mio. Flüchtlinge und intern vertriebene Menschen leben im Südsudan (UN-Flüchtlingshilfe).
Weltweit haben Flucht, Vertreibung und Bürgerkriege drastische Auswirkungen auf die Ernährungssituation. Zwei Milliarden Menschen hungern im Verborgenen, stellt die Welthungerhilfe in ihrem gerade erschienenen Welthungerindex 2014 fest. Titel: "Herausforderung Verborgener Hunger" (digitale Pressemappe (zip) und Pressemitteilung).

SPON zeigt, wie es gar nicht geht: Das Hamburger Magazin macht die WHI-Geschichte mit einer vermeintlich guten Nachricht auf (die keine ist, weil immer noch lediglich die Folgen der Preissprünge 2008 - 2010 und der folgenden Finanzkrise abgearbeitet werden müssen; vgl. Food Insecurity in the World 2006 Grafik auf S.5 );
- zeigt trotzdem das Schockerbild eines Kindes, dem ein Schlauch in die Nase gelegt wurde und
- stellt zu allem Überfluss auch noch den immer wieder gerne unterstellten - dadurch jedoch keinesfalls zutreffender werdenden - Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Hunger her. Doch es bleibt dabei: Wer kein Geld hat, kann nix kaufen - auch kein Essen.

Die schlechte Nachricht zum Schluss. Während weltweit eifrig um militärische Einsätze gegen den IS gestritten wird, beginnen sich die wirklichen Versäumnisse der internationalen Staaten"gemeinschaft" in vollem Umfang abzuzeichnen. Die Hilfsleistungen des Welternährungsprogramms in Syrien und für die Flüchtlinge in den Nachbarländern Libanon und der Türkei müssen aus Geldmangel um 40 Prozent gekürzt werden (Süddeutsche).