Mittwoch, 17. Dezember 2014

Schon längst wieder in der Offensive

Noch wird darüber diskutiert, wie Jean-Claude Juncker, der neue EU-Präsident sein Heimatland Luxemburg zu einer 1a Steuervermeidungsadresse modernen Zuschnitts umfunktioniert und einen europäischen Steuersenkungswettlauf mitverschuldet hat. Doch der ist schon längst wieder in die Offensive gegangen: Er reitet Attacken gegen Frankreich und Italien und erteilt den griechischen WählerInnen unerwünschte Ratschläge. (Alle drei Links G-News dt.)

Denn natürlich weiß Juncker, was er seiner Klientel schuldig ist. Und deshalb wird jetzt wohl auch die EU-Anti-Geldwäsche-Initiative vom Tisch verschwinden. Danach müssten künftig die tatsächlichen BesitzerInnen von Fimen in der EU offengelegt werden (BIJ), wobei es aber nur vordergründig um klassische Korruption geht.

Das Netzwerk Steuergerechtigkeit hatte sich Anfang Dezember in derselben Sache auch schon an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gewandt:
... die aktuelle Überarbeitung der EU-Anti-Geldwäsche-Richtlinie bietet eine einmalige Gelegenheit, der Tätigkeit von Kriminellen, Steuerflüchtlingen und Korrupten in Europa und der Welt einen Riegel vorzuschieben.
(...)
Mit einem Register hätten Ermittlungsbehörden, Öffentlichkeit, Medien und Wirtschaft in der EU und weltweit  einen besseren Überblick – auch aus Entwicklungsländern, von deren Eliten einige die Intransparenz in der EU ausnutzen.

Montag, 15. Dezember 2014

Ponte City: Urbane Träume aus Johannesburg

Wie der Eiffelturm das Wahrzeichen von Paris, so ist Ponte City - ein Hochhaus mit 56 Stockwerken und 255 Appartments - das Wahrzeichen von Johannesburg. Die Geschichte des Ponte spiegelt auch eine Teil der Geschichte Südafrikas: 1975 als Appartmenthochhaus für die weiße Mittelschicht erbaut, wurde es nach der Apartheid von afrikanischen Migranten genutzt. Der anschließende Niedergang des Gebäudes aufgrund von Drogenmissbrauch, Prostitution und organisiertem Verbrechen und schließlich der Neubeginn - gaben Anlass zu zahlreichen Etikettierungen und bildeten eine Basis der von vielen Weißen bereits liebgewonnenen Vorstellungen über ein kriminelles Südafrika nach der Apartheid.

Portätfotos von Mietern des Ponte von Mikhael Subotzky/Patrick Waterhouse
"Zimmer frei in der Hölle" (Süddeutschen Zeitung) oder "Im  bösesten Hochhaus der Welt" (Die Welt), aber auch der Wandel und Neubeginn von Ponte nimmt immer Bezug auf die kriminelle Phase seiner Geschichte. Erstaunlich, wie sehr Verbrechen thematisiert werden, wenn sie nur fassbar in einem einzigen Gebäude versammelt sind, während die Verbrechen einer ganzen Ära wie der Apartheid weit weniger medienträchtig zu sein scheinen.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Ärmste Länder wenig militarisiert

Der Globale Index 2014 der Militarisierung (PDF) vom Bonn International Center for Conversion (BICC) ist erschienen.

Zum ersten Mal sind fünf europäische Länder unter den Top-ten: Israel, Singapur, Armenien, Syrien, Russland, Zypern, Südkorea, Jordanien, Griechenland und Azerbaidschan. Deutschland liegt mit Rang 87 in der Mitte.

Unter die am wenigsten militarisierten Länder - Haiti, Costa Rica, Panama, Island, Papua Neuguinea, Liberia, Ost-Timor sowie Sierra Leone, Malawi und Niger - hat es leider nur ein europäisches Vorbild geschafft. Sieben sind dagegen (wen wunderts) allerärmste Entwicklungsländer. Eine komplette Rangliste hat das BICC auch.

Montag, 8. Dezember 2014

Fracking schon am Ende?

Ein kluger Artikel der Krautreporter analysiert die Lage der Fracking-Firmen in den USA. Der Text legt den Schluss nahe, dass die derzeit recht niedrigen Ölpreise (~70 US-Dollar/Barrel) nicht nur für die armen Förderländer (Nigeria, Venezuela, Angola etc.) sondern auch für die US-Fracking-Industrie sehr schmerzhaft und existenziell bedrohlich sind. Paul Krugman weist darauf hin, dass die USA trotz des Fracking Booms das OECD-Land mit dem höchsten Anteil an Ölimporten gemessen an der Wirtschaftsleistung geblieben sind. (Derzeit liegt diese Rate bei etwa zwei Prozent.)

Und auch, wenn MediaWatch die Dynamik des Fracking-Booms in den USA unterschätzt hatte, brauchen wir uns mit unserer Analyse dieser Fragen vom Januar 2013 nicht zu verstecken. 

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Elend in Pink

Eine Ausstellung mit afrikanischen Kriegsbildern - diskutiert von Ina Zeuch

Man stelle sich einmal vor, ein afrikanischer Videokünstler wäre in den Bürgerkrieg Jugoslawiens gezogen, um dort viel aus fahrenden Autos heraus wirres Kriegsgeschehen, Tote und  verzweifelte Menschen in überfüllten Flüchtlingscamps oder Massengräber und sterbende Kinder abzufilmen. Und er hätte diese Szenearien in Infrarot gefilmt und die Vegetation wäre nicht mehr grün, sondern pink und damit neben allem Elend auch ein prächtiger Farbstreifen, eben Kunst. Und damit wäre er dann auf eine der renommiertesten Biennalen Afrikas eingeladen worden und hätte nach dieser Schau obendrauf von einem großen Finanzdienstleister einen Fotopreis erhalten. Das wäre dann das Europabild der Afrikaner oder zumindest ihrer Eliten, eben jenen, die solche Biennalen in Afrika besuchen.
Foto von Richard Mosse aus der Ausstellung "The Enclave"

Montag, 1. Dezember 2014

Fundstücke CXCIX

Die Auswirkungen des Kriegs in Syrien werden auf einen Blick sichtbar, wenn man Satellitenbilder vergleicht, die Nachts von der Region aufgezeichnet wurden (ScienceDaily).

Notstand und Überflutungen in Gaza. Menschen, die nur Deutsch lesen, kriegen davon nichts mit (G-News).... Übrigens: Der 23.11. war der Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk. Da herrscht brüllendes Schweigen - nur die deutschsprachigen Kanäle aus dem Ausland berichten. Und das von den UN für 2014 ausgerufene Jahr der Solidarität mit dem palästinensischen Volk? Demnach hätten dieses Jahr folgende Themen eigentlich "ganz oben auf der internationalen Agenda" stehen sollen:
(a) The core themes regarding the question of Palestine, (...) such as (...) the right to self-determination and independence, and support for the peace process towards a permanent settlement in accordance with international law and the relevant resolutions of the United Nations;
(b) Developments regarding obstacles to the ongoing peace process, particularly those requiring urgent action, such as settlements, the situation in Jerusalem, the blockade of Gaza and the humanitarian situation in the Occupied Palestinian Territory;
(c) Mobilization of international, regional and national action towards the achievement of a comprehensive, just and lasting solution to the question of Palestine.
Im Süden Indiens hilft neuerdings ein SMS-Dienst, Konflikte zwischen Menschen mit Elefanten zu vermeiden, die durch besiedeltes Gebiet in ein anderes Waldstück ziehen (DAWN).Das scheint eine kleine Chance für das längerfristige Überleben der Dickhäuter in Asien außerhalb von Zoos zu bieten. Die Unfälle, bei denen immer wieder Menschen sterben, werden nun hoffentlich deutlich seltener.

Nach Ost-Timor will nun auch Melanesien (der zu Indonesien gehörige Teil Papuas) in die Unabhängigkeit. Jakarta hält dagegen (Asia Times).

Die Deutsche Welle fasst den APEC Gipfel nur in einigen Punkten treffend zusammen - in Bezug auf Chinas Punktsieg gegenüber Japan und in Hinblick auf die Freihandelspolitik. Es fehlen: Der nächste große russisch-chinesische Gasdeal (der übrigens in Yuan und Rubel abgewickelt wird) und die üppigen chinesischen Kredite für den Seidenstraßen-Fonds. Und wie so oft verbreiten unsere Medien lieber Blödsinn (G-News dt.), statt sachgerechte Analysen zu liefern.... Welche Hoffnungen Moskau an die asiatischen Entwicklungsanstrengungen knüpft, kann man sehr gut bei Russia Today nachlesen.

In eigener Sache: Schon zum zehnten Mal hat Euer/Ihr ergebenster MediaWatch Redakteur am deutschsprachigen Weltbevölkerungsbericht mitgearbeitet. Dieses Jahr geht es um die Benachteiligung der 1,8 Mrd. jungen Menschen auf dem Planeten.

Deutschland. Ebola und das ISIS-Kalifat machen es möglich: Die ursprüngliche Haushaltsplanung hatte real eine Schrumpfung des Etats des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vorgesehen (MediaWatch berichtete). Doch nun soll es doch noch in etwa einen Inflationsausgrleich geben. 65 Mio. Euro - ziemlich genau ein Prozent - wird das BMZ mehr bekommen. Davon profitiert auch die HIV/Aids- Bekämpfung. Beim Umwelt- und Klimaschutz werden - dem Zeitgeist entsprechend - Abstriche gemacht.

Man liest es, aber man glaubt es nicht. Der folgende Text ist bei German-Foreign-Policy zu finden.  :
Die Bundesrepublik verweigert einer UN-Resolution gegen die Verherrlichung von Nationalsozialismus und NS-Kollaboration ihre Zustimmung. In der vergangenen Woche hat das Dritte Komitee der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet, in der etwa die Errichtung von Denkmälern für NS-Funktionäre und die Stilisierung von NS-Kollaborateuren zu "Freiheitskämpfern" massiv kritisiert werden. Deutschland und die übrigen EU-Staaten enthielten sich; die USA, Kanada und die Ukraine stimmten sogar gegen das Dokument ...
So eine Resolution können unsere Politiker natürlich nicht unterstützen, weil der Text von Feind (Russland) entworfen wurde.

Samstag, 29. November 2014

Grüße aus der Hölle

Eine Ausstellung zum Desaster der Erdölförderung im Nigerdelta - besprochen von Ina Zeuch

Nicht wir leben in der Hölle, sondern die anderen. Aber was wir damit zu tun haben, zeigt eine Freiburger Ausstellung noch bis zum 25. Januar 2015: "Letzte Ölung Nigerdelta" ist der befremdliche Titel im Freiburger Museum Natur und Mensch, die vom Staatlichen Museum für Völkerkunde München ausgerichtet und nun von den Freiburgern übernommen wurde.

Noch befremdlicher ist das Ausstellungsplakat. Im strahlend rotblau-gemusterten Kaftan  steht ein Mann im Mittelgrund des Bildes mit einer ebenso strahlend kobaltblauen Plastikschüssel mit Wasser darin. In einer theatralisch wirkenden Geste wäscht er sich das Gesicht, die Tropfen hängen eingefroren wie kostbare Perlen in der Luft. Hinter ihm eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Landschaft mit Resten von Zivilisation - es könnte die Inszenierung eines zeitgenössischen Theaterstücks über den Weltuntergang sein. "Das Drama der Erdölförderung in zeitgenössischen Fotografien" heißt die Ausstellung im Untertitel und das Foto auf dem Plakat ist von Akintune Akinleye, Mitkurator der Ausstellung. Es ist am Tag nach einer Pipeline-Explosion am 26. Dezember 2006 entstanden, bei dem in einem Vorort von Lagos mindestens 269 Menschen verbrannten. Der Mann hatte beim Löschen des Feuers geholfen und wäscht sich nun den Ruß vom Gesicht.