Dienstag, 20. September 2022

Gedankensplitter von den MacherInnen der dokumenta fifteen

Hier einige wenige Impressionen von der dokumenta fifteen.  Die AusstellungmacherInnen aus verschiedenen Entwicklungsländern haben einige aufschlussreiche Einblicke in ihre Gedanken zur Produktion und Ausstellung von Kunst gewährt.
Davon hier eine - frei zusammengestellte - Auswahl als Bilderserie:

Dienstag, 13. September 2022

Hunger 09

Klimakatastrophe:
Weitere Ernten fallen Dürrekatastrophen zum Opfer, die in den USA so schlimm wie seit 1200 Jahren und in Europa so verheerend wie seit 500 Jahren nicht mehr waren. Raps und Getreide sind rechtzeitig gereift, aber der Mais hat die Trockenheit mit Ernteausfällen quittiert - und zwar sowohl in Europa als auch in den USA.
Nun wird Mais fast ausschließlich an Tiere verfüttert ("Veredelung" im Fachjargon) doch ist abzusehen, dass Fleisch, Eier und Molkereiprodukte noch deutlich teurer werden dürften. 

Dürre- und Hitzewellen haben auch den weltweiten Reisernten zugesetzt. Neben Indien (MediaWatch berichtete) hat es auch China und die USA getroffen.

Agrar heute liefert die passende Bildstrecke dazu: "Der Wüstenplanet".

Am Horn von Afrika (Äthiopien, Kenia, Somalia) herrscht der schwerste Wassermangel seit 40 Jahren (UN OCHA). 20 Millionen sind akut von Hunger bedroht. Doch anders als früher wird auch angesichts solcher Meldungen nicht mehr zu Spenden aufgerufen (ARD).
 
Ukraine: 
Unterdessen rechnet der der russische Präsident Wladimir Putin der Weltöffentlichkeit vor, wie die Wirklichkeit der vom NATO-Land Türkei organisierten, ukrainischen Nahrungsmittelexporte aussieht:
„Von 87 Schiffen, die ukrainische Häfen mit Getreide verlassen haben, sind 32 in die Türkei gefahren [...]. Drei Schiffe sind nach Südafrika, drei nach Israel, sieben nach Ägypten, 30 in die Europäische Union und nur zwei in die ärmsten Länder des UN-Nahrungsmittelprogramms, nach Jemen und Dschibuti gegangen. Das sind 60.000 Tonnen, nur 3 Prozent.“
Wer will - und wer kann - die "Propaganda" des personifizierten Gottseibeiuns widerlegen? Das Interesse daran dürfte hierzulande gering sein, und "wir" sind ja auch gar nicht angesprochen. Putin hat diese Rechnung nicht der "Goldenen Milliarde" sondern den sieben Milliarden Menschen aufgemacht, die nicht im Westen respektive in einem NATO-Land leben. 
 
Düngemittel 
Der "fertilizer crunch" geht weiter. Die Auswirkungen von (zu) teuer gewordenen Düngern treffen in unterschiedlicher Schwere und Form so verschiedene Länder wie Bangladesch (wo auch illegales Horten die Preise treibt), Brasilien, Indien, die Philippinen und Peru aber auch viele afrikanische Staaten
 
Weltweit kaufen FarmerInnen derzeit weniger Dünger, weil sie ihn schlicht nicht bezahlen können. Das wird die nächsten Ernten überall geringer ausfallen lassen und den Hunger weltweit antreiben. Eine rasche Besserung der Lage ist nicht in Sicht, denn viele Unternehmen nutzen Erdgas zur Herstellung von Dünger, und das wird auf absehbare Zeit (zumindest in Europa) sehr teuer bleiben. 

In Deutschland hatte SKW Piesteritz die Produktion von Ammonium und Harnstoff schon gestoppt. Jetzt muss der Staat einspringen, damit zumindest Adblue weiter hergestellt und der LKW-Verkehr aufrecht erhalten werden kann.
Ob auch die Herstellung von Stickstoffdünger subventioniert werden wird, ist allerdings unklar.

Donnerstag, 18. August 2022

Fundstücke CCCXIV

Brasilien wird gerade Zeuge von landesweiten Protesten und Mobilisierung für die Präsidentschaftswahlen im Oktober. Dabei geht es vor allem darum, dass viele BrasilianerInnen befürchten, der amtierende Präsident Jair Bolsonaro könnte den Urnengang manipulieren (amerika21 (2); vgl. auch Common Dreams) oder seine Niederlage ggf. nicht anerkennen und sich mit einer Bitte um 'Hilfe' an das Militär wenden.

Kolumbiens neue linke Regierung mit Gustavo Petro Urrego und Francia Márquez an der Spitze hat ihren ersten, sehr ambitionierten Fünfjahresplan vorgelegt. Eine Analyse von amerika21 legt das Programm ausführlich dar.
Darin auch von einer Einkommenssteuerreform mit progressiver Ausrichtung die Rede, die umgerechnet zusätzliche 15 Mrd. US-Dollar für die Staatskasse erbringen soll. Der MediaWatchBlog wünscht allen nur denkbaren Erfolg. Ob aber die - ohnehin schon zunehmende - Kapitalflucht durch Kapitalverkehrskontrollen eingehegt werden soll (und kann) ist in dem Beitrag allerdings nicht deutlich gemacht worden.

Bangladesch wendet sich "vorbeugend" ("precautionary grounds to deal with future uncertainties") mit Bitte um ein Darlehen an den Internationalen Währungsfonds (Financial Express).

Nigeria: The Intercept berichtet von verdecktem US-amerikanischen Vorgehen in Westafrika, im Zuge dessen die nigerianische Armee 2017 zusammen mit 160 Intern Vertriebenen (IDPs) auch acht humanitäre HelferInnen getötet und weitere 120 Menschen verletzt hat. Der Bericht liefert erfreulicherweise auch wesentliche Hintergründe.

Tschad: Kritisch beäugt die ARD ein Friedensabkommen, dass 42 von 47 "Rebellengruppen" mit der Militärregierung ausgehandelt haben.  Die wird geführt von Mahamat Idriss Déby Itno (ein Stiefsohn des langjährigen Herrschers Idriss Déby) - der ein reiner Militär ist und sowohl in N'Djamena als auch in Frankreich ausgebildet wurde. Letzteres wird im Tschad derzeit wohl eher ungern vernommen, weshalb sein offizieller Lebenslauf seinen Aufenthalt an der Militärakademie von Aix en Provence denn auch verschweigt.
Auf dem Begräbnis von Idriss Déby (der - äußerst ungewöhnlich für ein Staatsoberhaupt - bei einem Militäreinsatz ums Leben kam) musste der französische Präsident Emmanuel Macron einsehen, dass die neue Garde im Tschad nach Alternativen zur Zusammenarbeit mit Frankreich sucht (The Africa Report). Wegen der Schwierigkeiten Frankreichs (und der EU) in Mali aber auch in Burkina Faso und der Zentralafrikanischen Republik will die US-Regierung jetzt direkt tätig werden. Natürlich hat Africom schon längst jede Menge Personal in der Region. Doch scheint es fast so, als wollten die USA die traditionelle "Arbeitsteilung" zwischen Paris und Washington in Westafrika jetzt schrittweise aufheben.

Die USA haben sich eine neue Strategie für das subsaharische Afrika gegeben. Das Papier: "represents a reframing of Africa’s importance to U.S. national security interests." Afrikanische Länder sollen unter anderem dabei unterstützt werden "to more transparently leverage their natural resources for sustainable development". Auch müsse man mit Alliierten und regionalen Partnern daran arbeiten, "to stem the recent tide of authoritarianism and military takeovers".

Allafrica.com kommentiert:

While Blinken denied in an interview in Johannesburg that the purpose of the visit was to counter Russia's influence in Africa, South Africa's foreign minister, Naledi Pandor [...] criticised unnamed European countries and the U.S. Congress for what she called their patronising and bullying attitudes to Africa.

Großbritannien lässt seine SoldatInnen in Kenia mit weißem Phosphor üben. (Declassified UK; hat tip Consortium News.)

Dienstag, 16. August 2022

Hunger 08

Deutschland: Ein Kilo Weizenmehl kostet im Supermarkt jetzt wieder 45 Eurocent. War da was? Nachdem die neue Rapsernte eingebracht ist, liegen die Preise für einen Liter Rapsöl beim Discounter jetzt bei 2 Euro. Das sind immer noch etwa 70 Eurocent mehr als letztes Jahr, aber deutlich weniger als die Fantasiesummen, die weiterhin für Sonnenblumenöl gefragt werden (alle Preise für konventionell erzeugte Ware).

Die Nahrungsmittelexporte aus der Ukraine werden beschleunigt. Am 9. August waren zwölf Schiffe in See gestochen - eines davon nach Südkorea (Reuters). Andere Frachter hatten nach China, in die Türkei und nach Italien abgelegt (Euronews). (Vgl. auch "Kein Schiff wird kommen" bei Overton.)
Von der Bekämpfung des Welthungers ist denn auch keine Rede mehr obwohl ein Schiff mit Weizen für das Welternährungsprogramm dabei war.
Die Ukraine erhofft sich Einnahmen von insgesamt etwa zehn Mrd. US-Dollar.
Das meiste Getreide, das noch in der Ukraine lagert, sei als Tierfutter deklariert, betont AP.

Aber:

Montag, 8. August 2022

Eine Geschichte von zwei Planstädten

Ibu Kota Negara Nusantara heißt die neue Hauptstadt Indonesiens, deren Errichtung an der Ostküste Kalimantans (dem indonesischen Teil von Borneo) gerade startet. „Nusantara“ ist einerseits ein geopolitischer. Begriff: Ursprünglich stand er für die das Königreich Majapahit, des letzten hinduistischen Großreichs in der Region, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 14. Jahrhundert dem Staatsgebiet des modernen Indonesien bereits verblüffend ähnelte. Andererseits ist Nusantara ein kultureller Begriff, mit dem die malaiische Kultursphäre bezeichnet wird. 

Damit ist der programmatische Charakter der Stadtgründung umrissen: Nusantara soll die offiziell multiethnische und multireligiöse Tradition des modernen Indonesiens (Pancasila) symbolträchtig fortsetzen. Dafür steht auch der von dem in Bandung lebenden Künstler und Architekten Nyoman Nuarta entworfene Präsidentenpalast. Dessen Form ist an die des Garuda entlehnt, den mythischen Riesenvogel und Wappentier Indonesiens. Zudem wird die neue Hauptstadt weit näher am geographischen Zentrum der Inselgruppe liegen als die heutige Hauptstadt Jakarta.

Über Nusantara und die New Administrative Capital Ägyptens bitte weiterlesen bei telepolis.

Dienstag, 2. August 2022

Fundstücke CCCXIII

Ecuador: Nach einem 18-tägigen Generalstreik von Indigenen, gibt es nun Verhandlungen mit der Regierung über die erhobenen Forderungen (amerika21).

Lateinamerika: Bolivien, Chile und Argentinien wollen mit dem für Batterien unverzichtbaren Lithium viel Geld verdienen. Die Aussichten dafür sind gut, denn der Preis für das weiße Metall ist von 10 auf über 60 US-Dollar pro Kilo(!) gestiegen. naked capitalism hat die Details. Auch Mexiko und China sind an dem Thema dran. Es gibt Hinweise darauf, dass Staaten mit größeren Lithium-Vorkommen sich zu einer Art "Lithium-OPEC" zusammentun wollen.
Die USA werden wohl weiterhin - und mit den bekannten Mitteln - zu verhindern suchen, dass ihnen die Felle in Lateinamerika wegschwimmen. Und Deutschland mischt kräftig mit:

In June, the US government signed, to minimal fanfare, a “minerals security partnership” (MSP) with some of its strategic partners, including the European Commission, Canada, Australia, Japan, the Republic of Korea and the UK.

(Hervorh. die Red.) Eine Verlautbarung der EU zu diesem Vorgang war allerdings nicht zu finden und auch das US-State Department hält sich sehr bedeckt. Allerdings nennt die Behörde Frankreich und Deutschland als Partner und nicht die Kommission.  

Philippinen: Ferdinand Marcos Jr. bleibt der Linie seiner Familie treu und wendet sich dem Westen (respektive Japan) zu

Saudi Arabien hat grad signalisiert, dass es auch bis 2027 "nur" höchstens 13 Mio. Barrel Öl pro Tag (bpd) fördern kann (derzeit sind es rund zehn Mio. bpd). Damit scheint festzustehen, dass die OPEC+ auch weiterhin etwa eine Mio. bpd unter ihrem eigenen Produktionsziel bleibt.
Ist das jetzt der "peak oil" wie einige meinen, eine Situation, die manche schon vor über zehn Jahren prognostiziert haben? Und könnte die Nachfrage nach dem schwarzen Gold sogar noch schneller zurückgehen als das Angebot?

Jemen: Mehr und mehr US Soldaten werden in der ressourcenreichen ostjemenitischen Provinz al-Mahrah gesichtet (Press TV). Auch andere Quellen berichten über us-amerikanische Anstrengungen, die dortigen Ölquellen zu kontrollieren. Die ARD lässt diesen Umstand gänzlich unerwähnt.

Malis Militärregierung ist weiterhin bemüht, die militärische Souveränität über das westafrikanische Sahelland zurückzuerlangen: Jetzt hat Bamako die Rotation ausländischer Einsatzkräfte untersagt (ARD). Auch geplante und bereits angekündigte Wechsel bei den UN-Kräften soll es vorerst nicht mehr geben. Ganz praktisch bedeutet das, dass die Soldaten zwar noch auf Heimaturlaub gehen, neue Blauhelme aber nicht mehr in die Stützpunkte einrücken können.
Zuvor schon hatten malische Sicherheitskräfte 49 MINUSMA-Soldaten aus der Elfenbeinküste als "Söldner" festgenommen. Die Männer hatten nicht zur offiziellen UN-Blauhelmtruppe gehört.

Ghana möchte einen Kredit vom Internationalen Währungsfonds. Der fordert - wie immer - Austerität, was - wie fast immer - Proteste hervorruft (allafrica.com). Der ghanaische Gewerkschaftsbund TUC hält dies für einen "tragischen Fehler" (Ghanaian Times mit weiteren Details).
Mit deutschen Krediten wird übrigens ein Teil der Eisenbahn in dem westafrikanischen Land wieder in Gang gesetzt. Das Projekt wird von einem deutsch-südafrikanischen Konsortium realisiert.

BRICS: Nach Argentinien (MediaWatch berichtete) könnten demnächst Ägypten, die Türkei und Saudi Arabien in den Klub der Schwellenländer aufgenommen werden (MEMo). Vielleicht stößt auch Indonesien noch zu der Staatengruppe.

Wissenschaftsgeschichte: naked capitalism stellt ein Buch zur Weltgeschichte der Wissenschaft vor, das über die selbstbezogene westliche Sicht hinausweist: “Horizons: A Global History of Science”, von James Poskett.

Montag, 25. Juli 2022

Hunger 07

Na bitte, geht doch: Die Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei hat die Ausfuhr von ukrainischen Agrarprodukten über die verbliebenen (weiterhin verminten) Schwarzmeerhäfen möglich gemacht (ARD). Die Weizenpreise in Frankfurt haben daraufhin leicht nachgegeben und stehen mit Datum 22. Juli 2022 in etwa wieder da, wo sie im Februar 2022 vor Beginn des Ukraine-Krieges standen. Die Schiffe werden von beiden Kriegsparteien und zusätzlich von der Türkei auf versteckte Waffenlieferungen kontrolliert (RT.com).

Die Redaktion des MediaWatchBlog ist jedoch überzeugt, dass die Welternährung weiterhin höchst fragil ist. Zu viele fundamentale Faktoren sprechen gegen eine baldige Entspannung: wachsende wirtschaftliche Ungleichheit, Konflikte, hohe Energiepreise, hohe Düngemittelpreise und gefährdete Ernten (Stichwort Klimaüberhitzung). Die Welternährungsorganisation (FAO) bietet dazu eine hervorragende Animation auf Grundlage ihres aktuellen Berichts zur Welternährung:

This year’s report should dispel any lingering doubts that the world is moving backwards in its efforts to end hunger, food insecurity and malnutrition in all its forms. (...) The intensification of the major drivers behind recent food insecurity and malnutrition trends (i.e. conflict, climate extremes and economic shocks) combined with the high cost of nutritious foods and growing inequalities will continue to challenge food security and nutrition.