Montag, 18. Mai 2015

Ist Nepals Verschuldung nach dem Erdbeben noch "tragfähig"?

Wenn die Politik Nepal beim Wiederaufbau wirklich unterstützen wolle, sollte sie dem Land im Himalaya zunächst vor allem zumindest einen Teil der 3,8 Mrd. US-Dollar Schulden erlassen, die derzeit in den Büchern stehen (Foreign Policy in Focus). (Vgl. auch Jubilee Campaign.) Den Löwenanteil halten mit jeweils 1,5 Mrd. US-Dollar die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank. 2013 musste das zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (LDCs) gehörende Nepal insgesamt 217 Mio. US-Dollar zurückzahlen. 2015 werden wieder 210 Mio. fällig. Dem steht jedoch im Wege, dass Nepal Verschuldung derzeit als "tragfähig" gilt und das Land nicht zu den hochverschuldeten armen Ländern (HIPCs) zählt. Genaue Zahlen finden sich bei erlassjahr.de.

Montag, 11. Mai 2015

Fundstücke CCVII

Brasilien: Die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich verlangsamt (IDW). Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des ZEF in Bonn. 2014 wurden noch 4.656 Quadratkilometer abgeholzt, während es 2004 noch 27.772 km2 gewesen waren. (Zum Vergleich: Das Saarland umfasst 2.650 km2.) Das Erfolgsrezept sei dasselbe wie bei der Bekämpfung von Raserei im Straßenverkehr: viele Kontrollen und empfindliche Strafen.
Zwischen 2000 und 2012 hat die Verwendung von Pestiziden in der brasilianischen Landwirtschaft allerdings um 162 Prozent zugenommen (BrasilNews). Das ist mit fast 825.000 Tonnen jährlich Weltspitze. Zu allem Überfluss sind 22 der 50 in Brasilien zugelassenen Gifte in vielen anderen Ländern bereits verboten.

Nigeria: Wichtige Etappen des langen Weges zu demokratischen Verhältnissen werden in dieser sehr guten Nachlese zur Präsidentschaftswahl in Nigeria von Africa Confidential sichtbar.

Burundi: Im Vorfeld der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen wachsen die Spannungen , (2) (East African).

Europa/Afrika: Nein, es geht ausnahmsweise einmal nicht um Flüchtlinge; es geht um die Mafia. Denn die verdient gut mit am afrikanischen Boom berichtet CORRECT!V. Das Recherchenetzwerk hat herausgefunden, dass der Mafia Diamantenminen, Nachtclubs und Grundbesitz in Afrika gehören – erworben mit der Hilfe von korrupten Regimen. Unbedingt lesen!

Bangladesch: Drei Monate politischer Generalstreik der Opposition, schon über 100 Tote und kein Ende in Sicht. Die NZZ bietet einen Überblick.

Indien macht sich Sorgen, dass der Monsun im aktuellen El Nino-Jahr wieder spärlich ausfallen könnte (Hindustan Times).

Finanzen I: Die Europäische Investitionsbank (EIB) unterstützt Steuerflucht aus Entwicklungsländern (Tagesspiegel). Konkret vergibt sie Kredite an Firmen in Steueroasen für Projekte in Entwicklungsländern. Grundlage des Berichts ist eine Studie von Counter Balance (PDF).

Finanzen II: Totgesagte leben länger - oder doch nicht? Attac macht darauf aufmerksam, dass die Umsetzung der Finanztransaktionssteuer (Tobin Tax) in eine entscheidende Phase getreten ist. Gleichzeitig hat das Netzwerk Finanzstaatssekretär Dr. Michael Meister kürzlich über eine Million (!) Unterschriften aus vielen Ländern für eine FTS übergeben.

Deutschland: Der Preis der  Deutsche Unternehmen belegen einen Spitzenplatz bei der Ausbeutung von Menschen weltweit (Tagesspiegel) - wer hätte auch ernsthaft etwas anderes erwartet. Es entspricht der Rolle Deutschlands als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik hat eine Umfrage zur Berichterstattung über die Ukraine durchführen lassen. Danach fühlen sich 58 Prozent der BürgerInnen - darunter vor allem jüngere Menschen - von den Medien nicht ausgewogen informiert.

Zu guter Letzt: Für Ali al-Naimi, den Erdölminister Saudi Arabiens entspringen Marktmechanismen göttlichem Willen: "Niemand kann den Ölpreis festsetzen, der hängt von Allah ab" (Independent). Hat tip Angry Arab.

Freitag, 8. Mai 2015

"Strategie-Simulation" für Milchmädchen

Angenommen, es ist ein trüber Novembertag 2013.... "Wie würden Sie mit Putin umgehen?" fragt Spiegel Online und lädt die LeserInnen zu einer "Strategie-Simulation" ein. Wenn man auf weitere Verhandlungen wegen des EU-Assozierungsabkommens mit der Ukraine setzt ("Sie lassen sich drauf ein") bekommt man "ernste innenpolitische Probleme". Bleibt man dennoch weiter auf Verhandlungskurs, gehen die Umfragewerte sofort in den "freien Fall" über. Das wird wunderschön mit einer Bundeskanzlerin illustriert, die hinter einem zugeregneten Fenster ihrer Dienstlimousine scheinbar melancholisch zur Seite schaut.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Besser spenden

Das katastrophale Erdbeben in Nepal hat erneut die Frage aufgeworfen, wie und wohin man/frau am besten spenden kann. Chris Blattman hat ebenfalls über dieses Problem nachgedacht und weist auf einen Beitrag im GiveWell-Blog hin, der viele Lektionen der Vergangenheit sehr produktiv in guten Rat umgesetzt hat:
  • Bei akuten Ereignissen ist Geld meist nicht der limitierende Faktor - das ist meist erst später der Fall (Ausnahmen bestätigen die Regel).
  • Deshalb sollte man ohne Zweckbindung spenden und nur an 
  • professionelle transparent arbeitende Organisationen mit geringen Verwaltungskosten. (Das DZI-Spendensiegel hilft hier ein wenig weiter.)
  • Es sollte Geld gespendet werden. (Zwar helfen Altkleider- und Blutspenden auch seriösen Organisationen wie dem Roten Kreuz tatsächlich weiter, doch lässt die Transparenz bei diesen Spendenarten erheblich zu wünschen übrig.)
  • Wenn man eine Zweckbindung wünscht, sollte man gezielt für weniger bekannte Problemlagen und/oder Regionen spenden.
  • Organisationen mit Direktmarketing (am Telefon oder auf der Straße) sollten eher kein Geld erhalten.

Montag, 27. April 2015

Splitter - Theorieausgabe

Finanzen: Schafft ein, zwei, viele Griechenland?! Wie oft Staaten in der Vergangenheit schon pleite gegangen sind, ist in sehr aufschlussreichen wikipedia-Tabellen belegt (1), (2). Bei Katapult hat man eine ganz wunderbare Karte aus den Daten gebaut. Hat tip NDS.
Übrigens zeigt Paul Krugman in nur zwei leicht verständlichen Grafiken, welche wahrhaft titanischen Anstrengungen Griechenland schon vollzogen hat, um den Forderungen der Gläubiger nachzukommen: 20 Prozent des Bruttonationaleinkommens wurden in Sparleistungen gesteckt und die Löhne im Vergleich zum EU-Durchschnitt um 30 Prozent gekürzt.
Und unser Lieblingsökonom weist darauf hin, wie Wachstumsschätzungen ex post mittels Algorhythmen manipuliert werden ("Überhitzung"), um ökonomische Krisen zu "erklären". Das ist wichtig, weil derartige Rechenmethoden automatisch auf scheinbare finanzpolitische Unverantwortlichkeit zu verweisen scheinen!

Geschichte I: Heiner Flassbeck fasst die Entwicklung der wirtschaftspolitischen Diskurse in verschiedenen Schlüsselbereichen zusammen und berichtet auch von seinen Erfahrungen bei der UN Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Lesenswert!

Geschichte II: Die Welt legt in ihrer Print-Ausgabe dar, dass Deutschland die atomare Bewaffnung Israels "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" mit etwa zwei Milliarden D-Mark finanziert hat: "Aktion Geschäftsfreund". (Die Kaufkraft entspräche heute knapp 17 Mrd. Euro; allerdings ist die deutsche Wirtschaftskraft im Vergleich viel größer als 1960.) Zuständig war Konrad Adenauer, das Know-how kam offensichtlich aus Frankreich. Das Ganze lief als "Förderung von Entwicklungsländern" und wurde über die KfW abgewickelt. Die Mittelverwendung wurde selbstverständlich nie geprüft.

Freitag, 24. April 2015

"Photographs of Rural India"
- eine Ausstellung von Jyoti Bhatt in Mumbai

Der Fotograf Jyoti Bhatt (2), (3) ist zweifellos ein Meister seines Fachs. Seine Fotos  zum ländlichen Indien der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre waren in der Stiftung Tasveer in Mumbai zu sehen, die die Hälfte ihrer Räumlichkeiten der Ausstellung den Fotografien Bhatts widmete und diesen temporären Kunstraum Artisans  nannte.
Jyoti Bhatt: "A woman drawing a manadana design", Rajasthan, 1980
Alle Fotos sind in schwarz-weiß. So hat Jyoti Bhatt unter anderem die kontrastreichen und kunstvollen Kolams fotografiert, Ornamente, die in großen Teilen Indiens mit weißem Pulver auf dem Boden gestreut werden. In Gujarat und Rajasthan, wo Bhatt Zugang zu den Innenhöfen der Häuser und ihrer Bewohner bekam, gab es offensichtlich eine ausgedehnte Kultur dieser Ornamentik auch als Wandmalerei. Diese kunstvolle Ausgestaltung des Alltags und der teils sehr karg wirkenden Behausungen war und ist bis heute den Frauen vorbehalten, und sie sind wahre Künstlerinnen darin.

Mittwoch, 22. April 2015

Menschenleben rettet man nur, indem man Menschenleben rettet

Was ist das für eine schreckliche Denke, die unsere PolitikerInnen angesichts der humanitären Katastrophe im Mittelmeer da an den Tag legen?  DPA meldet:
Nach den jüngsten Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer müssen Schleuserbanden mit harten Konsequenzen rechnen. Die EU-Kommission machte heute deutlich, dass sie vom Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs grünes Licht für Pläne zur gezielten Zerstörung leerer Schleuserschiffe erwartet. In Italien wurden nach dem Unglück vom Wochenende mit vermutlich 800 Toten der Kapitän und ein Besatzungsmitglied festgenommen. Bei einer Verurteilung in Italien müssen sie sich auf lange Haftstrafen einstellen.
"Schleuser" sollen bitte gerne bestraft werden und auch die Halunken, die sich von ihnen anheuern lassen. Ihr Arbeitsgerät zu zerstören, ist auch ok - schließlich werden sichergestellte Drogen auch vernichtet.

Nur muss klar sein: Diese Aktivitäten werden nichts "nützen". Sie werden die Flüchtlinge nicht aufhalten sondern nur die Preise und die Profite für die Passage in die Höhe treiben. Gleichzeitig wird das steigende Risiko wohl zur Verwendung noch armseligerer Boote und noch feigerer "Seeleute" führen - mehr, nicht weniger Tote sind also vorprogrammiert.