Dienstag, 16. August 2022

Hunger 08

Deutschland: Ein Kilo Weizenmehl kostet im Supermarkt jetzt wieder 45 Eurocent. War da was? Nachdem die neue Rapsernte eingebracht ist, liegen die Preise für einen Liter Rapsöl beim Discounter jetzt bei 2 Euro. Das sind immer noch etwa 70 Eurocent mehr als letztes Jahr, aber deutlich weniger als die Fantasiesummen, die weiterhin für Sonnenblumenöl gefragt werden (alle Preise für konventionell erzeugte Ware).

Die Nahrungsmittelexporte aus der Ukraine werden beschleunigt. Am 9. August waren zwölf Schiffe in See gestochen - eines davon nach Südkorea (Reuters). Andere Frachter hatten nach China, in die Türkei und nach Italien abgelegt (Euronews). (Vgl. auch "Kein Schiff wird kommen" bei Overton.)
Von der Bekämpfung des Welthungers ist denn auch keine Rede mehr obwohl ein Schiff mit Weizen für das Welternährungsprogramm dabei war.
Die Ukraine erhofft sich Einnahmen von insgesamt etwa zehn Mrd. US-Dollar.
Das meiste Getreide, das noch in der Ukraine lagert, sei als Tierfutter deklariert, betont AP.

Aber:

Montag, 8. August 2022

Eine Geschichte von zwei Planstädten

Ibu Kota Negara Nusantara heißt die neue Hauptstadt Indonesiens, deren Errichtung an der Ostküste Kalimantans (dem indonesischen Teil von Borneo) gerade startet. „Nusantara“ ist einerseits ein geopolitischer. Begriff: Ursprünglich stand er für die das Königreich Majapahit, des letzten hinduistischen Großreichs in der Region, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 14. Jahrhundert dem Staatsgebiet des modernen Indonesien bereits verblüffend ähnelte. Andererseits ist Nusantara ein kultureller Begriff, mit dem die malaiische Kultursphäre bezeichnet wird. 

Damit ist der programmatische Charakter der Stadtgründung umrissen: Nusantara soll die offiziell multiethnische und multireligiöse Tradition des modernen Indonesiens (Pancasila) symbolträchtig fortsetzen. Dafür steht auch der von dem in Bandung lebenden Künstler und Architekten Nyoman Nuarta entworfene Präsidentenpalast. Dessen Form ist an die des Garuda entlehnt, den mythischen Riesenvogel und Wappentier Indonesiens. Zudem wird die neue Hauptstadt weit näher am geographischen Zentrum der Inselgruppe liegen als die heutige Hauptstadt Jakarta.

Über Nusantara und die New Administrative Capital Ägyptens bitte weiterlesen bei telepolis.

Dienstag, 2. August 2022

Fundstücke CCCXIII

Ecuador: Nach einem 18-tägigen Generalstreik von Indigenen, gibt es nun Verhandlungen mit der Regierung über die erhobenen Forderungen (amerika21).

Lateinamerika: Bolivien, Chile und Argentinien wollen mit dem für Batterien unverzichtbaren Lithium viel Geld verdienen. Die Aussichten dafür sind gut, denn der Preis für das weiße Metall ist von 10 auf über 60 US-Dollar pro Kilo(!) gestiegen. naked capitalism hat die Details. Auch Mexiko und China sind an dem Thema dran. Es gibt Hinweise darauf, dass Staaten mit größeren Lithium-Vorkommen sich zu einer Art "Lithium-OPEC" zusammentun wollen.
Die USA werden wohl weiterhin - und mit den bekannten Mitteln - zu verhindern suchen, dass ihnen die Felle in Lateinamerika wegschwimmen. Und Deutschland mischt kräftig mit:

In June, the US government signed, to minimal fanfare, a “minerals security partnership” (MSP) with some of its strategic partners, including the European Commission, Canada, Australia, Japan, the Republic of Korea and the UK.

(Hervorh. die Red.) Eine Verlautbarung der EU zu diesem Vorgang war allerdings nicht zu finden und auch das US-State Department hält sich sehr bedeckt. Allerdings nennt die Behörde Frankreich und Deutschland als Partner und nicht die Kommission.  

Philippinen: Ferdinand Marcos Jr. bleibt der Linie seiner Familie treu und wendet sich dem Westen (respektive Japan) zu

Saudi Arabien hat grad signalisiert, dass es auch bis 2027 "nur" höchstens 13 Mio. Barrel Öl pro Tag (bpd) fördern kann (derzeit sind es rund zehn Mio. bpd). Damit scheint festzustehen, dass die OPEC+ auch weiterhin etwa eine Mio. bpd unter ihrem eigenen Produktionsziel bleibt.
Ist das jetzt der "peak oil" wie einige meinen, eine Situation, die manche schon vor über zehn Jahren prognostiziert haben? Und könnte die Nachfrage nach dem schwarzen Gold sogar noch schneller zurückgehen als das Angebot?

Jemen: Mehr und mehr US Soldaten werden in der ressourcenreichen ostjemenitischen Provinz al-Mahrah gesichtet (Press TV). Auch andere Quellen berichten über us-amerikanische Anstrengungen, die dortigen Ölquellen zu kontrollieren. Die ARD lässt diesen Umstand gänzlich unerwähnt.

Malis Militärregierung ist weiterhin bemüht, die militärische Souveränität über das westafrikanische Sahelland zurückzuerlangen: Jetzt hat Bamako die Rotation ausländischer Einsatzkräfte untersagt (ARD). Auch geplante und bereits angekündigte Wechsel bei den UN-Kräften soll es vorerst nicht mehr geben. Ganz praktisch bedeutet das, dass die Soldaten zwar noch auf Heimaturlaub gehen, neue Blauhelme aber nicht mehr in die Stützpunkte einrücken können.
Zuvor schon hatten malische Sicherheitskräfte 49 MINUSMA-Soldaten aus der Elfenbeinküste als "Söldner" festgenommen. Die Männer hatten nicht zur offiziellen UN-Blauhelmtruppe gehört.

Ghana möchte einen Kredit vom Internationalen Währungsfonds. Der fordert - wie immer - Austerität, was - wie fast immer - Proteste hervorruft (allafrica.com). Der ghanaische Gewerkschaftsbund TUC hält dies für einen "tragischen Fehler" (Ghanaian Times mit weiteren Details).
Mit deutschen Krediten wird übrigens ein Teil der Eisenbahn in dem westafrikanischen Land wieder in Gang gesetzt. Das Projekt wird von einem deutsch-südafrikanischen Konsortium realisiert.

BRICS: Nach Argentinien (MediaWatch berichtete) könnten demnächst Ägypten, die Türkei und Saudi Arabien in den Klub der Schwellenländer aufgenommen werden (MEMo). Vielleicht stößt auch Indonesien noch zu der Staatengruppe.

Wissenschaftsgeschichte: naked capitalism stellt ein Buch zur Weltgeschichte der Wissenschaft vor, das über die selbstbezogene westliche Sicht hinausweist: “Horizons: A Global History of Science”, von James Poskett.

Montag, 25. Juli 2022

Hunger 07

Na bitte, geht doch: Die Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei hat die Ausfuhr von ukrainischen Agrarprodukten über die verbliebenen (weiterhin verminten) Schwarzmeerhäfen möglich gemacht (ARD). Die Weizenpreise in Frankfurt haben daraufhin leicht nachgegeben und stehen mit Datum 22. Juli 2022 in etwa wieder da, wo sie im Februar 2022 vor Beginn des Ukraine-Krieges standen. Die Schiffe werden von beiden Kriegsparteien und zusätzlich von der Türkei auf versteckte Waffenlieferungen kontrolliert (RT.com).

Die Redaktion des MediaWatchBlog ist jedoch überzeugt, dass die Welternährung weiterhin höchst fragil ist. Zu viele fundamentale Faktoren sprechen gegen eine baldige Entspannung: wachsende wirtschaftliche Ungleichheit, Konflikte, hohe Energiepreise, hohe Düngemittelpreise und gefährdete Ernten (Stichwort Klimaüberhitzung). Die Welternährungsorganisation (FAO) bietet dazu eine hervorragende Animation auf Grundlage ihres aktuellen Berichts zur Welternährung:

This year’s report should dispel any lingering doubts that the world is moving backwards in its efforts to end hunger, food insecurity and malnutrition in all its forms. (...) The intensification of the major drivers behind recent food insecurity and malnutrition trends (i.e. conflict, climate extremes and economic shocks) combined with the high cost of nutritious foods and growing inequalities will continue to challenge food security and nutrition.

Mittwoch, 13. Juli 2022

Sri Lanka ist richtig, richtig pleite

Die Mainstream-Medien zeigen Bilder aus den Sozialen Medien, wie Menschen in Colombo im Präsidentenpalast herumspazieren, Selfies knipsen und/oder ein Bad im Swimmingpool nehmen. Wenig Berichte gab es dagegen zur aktuellen wirtschaftlichen Lage der südasiatischen Inselrepublik, die etwa so groß ist wie Bayern.

Dabei hatte der natürlich auch der jetzt zurückgetretene Präsident Gotabaya Rajapaksa schon versucht, eine Restrukturierung der sri-lankischen Auslandsschulden von insgesamt umgerechnet 51 Milliarden US-Dollar zu erreichen - allerdings vergeblich. Von dieser Summe wird knapp die Hälfte bis 2026 fällig. (Das Land hat 22 Millionen Einwohner.)

Mittwoch, 6. Juli 2022

Hunger 06

Das Welternährungsprogramm meldet in seinem Anfang Mai erschienenen Jahresbericht eine deutliche Zunahme des akuten Hungers schon in 2021:

Aus dem Dokument geht hervor, dass im Jahr 2021 rund 193 Millionen Menschen in 53 Ländern oder Gebieten von akutem Hunger auf Krisenniveau oder schlimmer (IPC/CH Phase 3-5) betroffen waren. Dies bedeutet einen Anstieg um fast 40 Millionen Menschen im Vergleich mit dem Höchststand 2020. (...)
In den "regelmäßig und besonders schwer betroffenen Regionen" habe sich die Zahl der Hungernden seit 2016 "fast verdoppelt". 

Der Weizenpreis ist von seinen Höchstständen zurückgefallen (aber nur ein bisschen). Das kann natürlich kein Grund zur Entwarnung sein:

Dienstag, 5. Juli 2022

Fundstücke CCCXII

Indiens Hauptstadt Delhi geht - wie mittlerweile jedes Jahr - das (Trink)Wasser aus (Indian Express). Das muss dann in LKWs aus dem Umland herangekarrt werden. Jetzt hoffen alle auf den Monsunregen. In der nordindischen Megacity leben 28 Millionen Menschen.
Nachdem die indische Armee drei Jahre lang nicht rekrutiert hat, will Delhi nun auf die billige Tour an das benötigte Menschenmaterial kommen: Statt 15-jähriger Dienstverpflichtung mit lebenslanger Pension für Soldaten kommt nun Agnipath, das wesentlich schlechtere Bedingungen bietet. Viele junge Männer, die Soldaten werden wollen, haben militant gegen die neuen Regeln demonstriert (2), (3) (Indian Express).

Ukraine: Das osteuropäische Land war schon vor dem Krieg das Armenhaus Europas. Egal, wie der Konflikt endet, die Ukraine wird das Schicksal von Irak, Syrien und Libyen teilen. Zudem ist unwahrscheinlich, dass das Land und/oder die EU überhaupt noch in ihrer jetzigen Form existieren werden, wenn der Moment für den EU-Beitritt Kiews irgendwann einmal gekommen sein könnte.

Handel: Die aktuellen Konferenzen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) umfasste nicht nur Fragen des Patentschutzes (und dessen zumindest vorübergehender Aussetzung etwa wg. Covid-19). Es ging darüber hinaus für Entwicklungsländer um die Möglichkeit, die eigene landwirtschaftliche Produktion zu fördern und um Fischereirechte (naked capitalism; vgl. etwa Indian Express).
Focus on the Global South hat einen Reader zum Scheitern der Verhandlungen aus Sicht der Entwicklungsländer veröffentlicht: "Envisioning a Better World Without the WTO". 

Internationales Finanzsystem: Warum der US-Dollar auf absehbare Zeit als Welt-Reservewährung nicht abgelöst werden wird/kann, sollten Interessierte unbedingt bei naked capitalism nachlesen!

Ausländische Direktinvestitionen (FDI) in Entwicklungs- und Schwellenländern haben sich im zweiten Covid-19 Jahr erholt und teilweise neue Rekordstände erreicht.Die UN Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) berichtet detailliert zu Asien, Afrika und Lateinamerika - leider ohne Hinweise auf die Herkunftsländer der Investitionen.

Energiewende absagen? Fast wirkt es wie ein Abgesang, wenn man liest, wie teuer vor allem metallene Grundstoffe mittlerweile geworden sind: Eisenerz: +50 %; Kupfer: +100%; Lithium: +432% (naked capitalism). 

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte: Boris Johnson geht den Weg Wladimir Putins.

Migration: Mehr als 200 Menschen haben sich organisiert und versucht, gemeinsam den Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Exklave Melilla zu überwinden. Dabei starben lt. ARD 18 Menschen. Der Guardian zählt 23 Opfer. AktivistInnen sprechen von 27 Toten und einem Massaker (Telepolis). Sie kritisieren die Sicherheitskräfte wegen unmäßiger Gewaltanwendung und unterlassener Hilfeleistung. Der endgültige bodycount ergibt dann 37 Tote (Overton; unbedingt lesen).
Ja. Ganz offensichtlich ein Massaker. So etwas passiert nicht aus Versehen.
Dazu passt: Auch was Amnesty International aus Litauen über die Misshandlung von MigrantInnen zu berichten hat, ist höchst unerfreulich (hat tip German-Foreign-Policy.com). Die ARD meldet erneut Probleme in Griechenland. Dort sollen Flüchtlinge dazu gezwungen worden sein, andere MigrantInnen wieder über die Grenze zurückzuzwingen ("pushback").
Irgendwann wird der feuchte Traum der AFD wohl doch noch wahr und der Einsatz von Schusswaffen an den Außengrenzen der EU für "nötig" befunden werden, weil unregulierte Migration künftig als "hybride Bedrohung" gilt. Und mit dieser Befürchtung ist die Redaktion vom MediaWatchBlog keineswegs allein (2).