Dienstag, 1. Oktober 2019

China - eine unbekannte Literaturlandschaft

Wie immer bestehen die Reisevorbereitungen Ihres/Eures ergebensten MediaWatch-Redakteurs vor allem in der Erkundung des literarischen und filmischen Schaffens, das im Zielland bedeutend erscheint. Selbstverständlich ist dieser Blick in Bezug auf China (denn da soll es dieses Mal hingehen) sehr stark eingeschränkt: Da spielt vor allem der Sprachfilter eine große Rolle, auch wenn Übersetzungen ins Englische mitgerechnet werden, die häufiger sind als ins Deutsche. Hinzu kommt, dass westliche Verlage bevorzugt kritische und/oder indizierte Werke (häufig von AutorInnen, die im Exil leben) veröffentlichen, so dass insgesamt ein schräges Bild der chinesischen Literatur- und Filmlandschaft entsteht.

Will man das moderne China ein wenig verstehen lernen, ist die Lektüre von Mo Yan außerordentlich wertvoll. Der Literaturnobelpreisträger (MediaWatch gratulierte seinerzeit) hat sich zu einer ganzen Reihe von Themen geäußert, die die Menschen (nicht nur) in China bewegen. Hier eine Auswahl wichtiger Werke:
Bekannt ist hierzulande auch Yu Hua, der vor allem mit seinem Roman Leben! berühmt geworden ist (von dem es auch eine extrem sehenswerte Filmfassung gibt). Darin wird die wechselvolle Geschichte eines Bauern (und seiner Frau) erzählt, der erst seinen Besitz verzockt und dann in die Kriegs- und Nachkriegswirren gerät, aus denen das moderne China hervorgeht. Weitere wichtige Werke von Yu Hua sind Brüder (hier geht es um die Kulturrevolution und die anschließend einsetzende Öffnung des Landes) sowie Der Mann, der sein Blut verkaufte (eine Praxis armer Menschen - längst nicht nur - in China, um die Kasse aufzubessern). Auch Schreie im Regen und Die sieben letzten Tage behandeln die immer noch weit verbreiteten Armutsprobleme Chinas. Sein Essayband China in zehn Wörtern steht derzeit auf dem Index.

Beeinsdruckt hat Ihren/Euren MediaWatch-Redakteur Die Salzstadt von Li Rui in der es um eine Frau geht, die im Laufe der Verwerfungen zwischen dem Ende der Kaiserzeit und dem Beginn der Kulturrevolution sich für den Erhalt ihrer Familie aufopfert und alles, wirklich alles verliert.

Allen Fans der tibetischen Kultur sei der überaus ernüchternde Roman Roter Mohn von Alai wärmstens empfohlen. Brutale Feudalherren, kleinliche Lamas, Intrigen, Fehden und laufend wechselnde Allianzen mit den oder gegen die Han-Chinesen prägen das Bild. Alai hat auch zum bemerkenswerten Erzählband An dem Lederriemen geknotete Seele beigetragen, in dem verschiedenste Facetten des modernen Lebens in Tibet angesprochen werden - einschließlich der  lebensfeindlichen und auch heute noch bedrohlichen Umwelt.

Auch in der DDR-Buchreihe Erkundungen ist 1984 ein spannender Band mit 16 lesenswerten chinesischen Erzählungen veröffentlicht worden. Als Begründer der modernen chinesischen Literatur gilt übrigens Lu Xun von dem Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur den Erzählband Applaus kennt, der die bedeutenden Stories Wahre Geschichte des Ah Q und Tagebuch eines Verrückten enthält.

Die chinesische Literatur weist ein riesiges Konvolut klassischer Werke auf, dass den Vergleich mit Europa nicht zu scheuen braucht und im Zeitraum zwischen 200 vor bis 1600 nach Christus wahrscheinlich noch bedeutender war als das hiesige Schaffen.

Am kurzweiligsten sind wahrscheinlich die Merkwürdigen Kriminalfälle des Richters Di (womit hier aber die Übersetzung von van Gulik gemeint ist und nicht seine Romane). Richter Di geht auf einen historischen, am 11. November 700(!) gestorbenen, Beamten zurück, dessen Scharfsinn und Gerechtigkeitsempfinden ihn zum Volkshelden gemacht haben. Die ihm nachgesagten Leistungen wurden schließlich rund 1.000 Jahre später von einem anonymen Autor aufgezeichnet.

Als die klassischen Romane der chinesichen Literatur gelten Die Räuber vom Liangshan-Moor (eine Art Robin-Hood-Story), Die Reise nach Westen, Die Geschichte der Drei Reiche und Der Traum der Roten Kammer, die sämtlich zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert aufgeschrieben wurden. Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur kennt noch keines dieser Werke. Dennoch sei hier der Hinweis erlaubt, dass das historische Motiv der drei streitenden Reiche (etwa zwischen 180 und 280 n.Chr.) sich durch die gesamte literarische Tradition Chinas zieht und bis heute - nicht zuletzt in zahlosen chinesischen Eastern und Actionfilmen - eine wichtige Rolle spielt. Mit Spannung hat Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur dagegen das Jin Ping Mei, einen Sittenroman aus dem 16. Jahrhundert (in stark gekürzter Fassung) verschlungen. Das Buch bietet intime Einblicke in den Haushalt und Harem eines reichen Chinesen der früüühen Neuzeit, in dem die Beteiligten höchst lebendig und kampflustig vor den - oft entgeisterten - Augen der Lesenden agieren.

Neuerdings kommt auch interessante und bemerkenswert gute Science-Fiction aus dem Reich der Mitte zu uns. Deren herausragender Protagonist ist natürlich Cixin Liu, der mit seinem richtungweisenden, dreibändigen (1), (2), (3) Trisolaris-Werk für Aufsehen sorgte. Es ist wichtig, alle drei Bände zu lesen, denn die Steigerungen von Band zu Band sind wirklich atemberaubend. Mittlerweile sind auch Kurzgeschichten von ihm erschienen, von denen Die wandernde Erde in China bereits ziemlich beachtlich und kommerziell erfolgreich verfilmt wurde.

P.S.: Diese Zusammenschau erhebt keineswegs den Anspruch, repräsentativ zu sein. Anders als bei (west)afrikanischer Literatur hat sich Ihr/Euer MediaWatch-Redakteur nie systematisch um Bücher aus China bemüht. Diese kommentierte Liste ist lediglich eine minimalistisch gehaltene Aufzählung eines Teils des Kanons der historisch und kulturell bedeutsamstenen Werke aus China - ergänzt um wenige Einsprengsel aus dem privaten Fundus.

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