Montag, 11. April 2016

Geschichten aus der Sklaverei (2)

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch 

Der transatlantische Sklavenhandel wurde zur größten Zwangsumsiedlung der Menschheit, bei der zwischen im 17.und 18. Jahrhundert schätzungsweise elf Millionen Menschen in die Neue Welt und nach Europa verschleppt wurden. Dieses immense Ausmaß konnte von den Opfern naturgemäß kaum dokumentiert werden. Dennoch gibt es einige wenig bekannte, spärliche Zeugnisse von Betroffenen. In einer mehrteiligen Serie zum Sklavenhandel und ihren unterschiedlichen Folgen möchte ich einige dieser Zeugnisse vorstellen. In ihnen wird dieses belastende Thema weg von der bloßen Aufzählung geschichtlicher Fakten hin zu anschaulichen Geschichten von Einzelschicksalen verlagert, die trotz ihrer Einzigartigkeit und ihrer unterschiedlichen Perspektiven erhebliche Teile des blutigen Geschäfts beleuchten. Nicht zuletzt begreift man über sie die tiefgreifenden und verstörenden Veränderungen, die sich in den westafrikanischen Königreichen durch Sklavenhandel vollzog.

Die Prinzen von Calabar - Teil 2

Wir hatten Ephraim und Ancona Robin-John an dem vielleicht entscheidensten Punkt ihres Lebens verlasssen - ihrer Gefangenahme und Versklavung in Folge eines Komplotts von Sklavenhändlern bei dem es um Handelsrechte und Preise ging.

Ankunft in Roseau, Domenica und Flucht nach Bristol
Auch auf den Sklavenschiffen gab es im Übrigen eine Arbeitsteilung: Die umgänglichsten Sklaven wurden als Quartiersmeister eingesetzt, um die Essenszuteilung zu überwachen und aufkommende Rebellionen zu melden. Vermutlich hatten die Prinzen eine solche Stellung inne und konnten deshalb Privilegien erwerben. Ein solches Privileg war, beim Anlegen des ersten Hafens in Domenicas Hauptstadt Roseau direkt auf dem Schiff verkauft zu werden, wo die ersten Käufer, meistens Mitglieder von Behörden, an Bord gingen und auf Empfehlung des Kapitäns ein Vorverkaufsrecht genossen, um die beste ‘Ware‘ abzugreifen. Nur so konnte man – wenn man guten Kontakt zum Kapitän hatte – erwirken, dass Familien oder Paare zusammen verkauft wurden. 
Umgebautes Sklavenschiff. Unbekannter Autor / wikimedia
Die Robin-Johns wurden also zusammen an einen französischen Arzt verkauft, bei denen es ihnen verhältnismäßig gut erging. Ihre Sprachkenntnisse in Englisch und verschiedenen afrikanischen Dialekten brachte ihnen erhebliche Vorteile ein. Außerdem kannten sie den gesamten Menschenhandel und begannen, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über die anliegenden Schiffe am Hafen zu informieren. Roseau erlebte zu dieser Zeit als britischer Freihafen einen erheblichen Boom. Sparks schreibt:
Händler aus den nordamerikanischen Kolonien schafften Holz, Nahrungsmittel, Vieh und andere Waren heran, die auf den karibischen Zuckerrohrplantagen benötigt wurden. (...) Die Wirtschaft der Insel hatte einen enormen Aufschub erhalten, als nach einem Erdbeben im Jahr 1727 tausende von Plantagenbetreibern das verwüstete Martinique verließen(…)Dieses Wirtschaftswachstum schlug sich unmittelbar in den Zahlen importierter Sklaven nieder: Waren es 1765 nur ein paar hundert gewesen, landeten drei Jahre später, als auch die Robin-Johns eintrafen, bereits 3.300 Sklaven auf der Insel.
Auf Deck eines Sklavendampfers im Kongogebiet. Fotografie von Sklaven
 auf dem Oberdeck eines Schiffes um 1900 von Conrad Alberti-Sittenfeld / wikimedia
Sieben Monate nach ihrer Landung in Roseau gelang es den Prinzen, sich Nachts an Bord des Seglers der Peggy zu schleichen, mit dessen Kapitän sie zuvor Kontakt aufgenommen hatten und der ihnen versprach, sie nach Old Calabar zurück zu bringen. Stattdessen aber fuhr er nach Virginia und verkaufte sie dort auf eigene Rechnung. Dort erging es ihnen weit weniger gut als auf Domenica. Sie mussten unerbittlich hart auf den Feldern arbeiten, wurden geschlagen und erfuhren die üblichen Erniedrigungen wie alle anderen Sklaven auch. Wieder gelang es ihnen zu fliehen. Sie entkamen schließlich nach Bristol.

Freilassung der Prinzen 
Bristol war der wichtigste Hafen des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert und Drehscheibe des transatlantischen Dreieckshandels zwischen Westafrika, Amerika und dem British Empire. Dort waren die entscheidenden Akteure des Sklavenhandels versammelt, allesamt beste Geschäftspartner der beiden afrikanischen Sklavenhändler.

Gefangener in Ubangi im französisch besetzten Kongo
von François Leray 1905 / wikimmedia
Der Kreis der Händler war klein und gut vernetzt. Um die Investitionen für den Handel mit Afrika aufbringen zu können, taten sich oft mehrere Bristoler Kaufleute zusammen, die wiederum intensive Beziehungen zu den afrikanischen Kollegen in Old Calabar hatten. Und so richteten die Robin-Johns einen Brief an Thomas Jones, der in Bristol ansässig war und in dem sie ihr Unglück beschrieben und um ihre Befreiung baten. Offensichtlich hatten sie bereits wieder gute Kontakte zu der Besatzung des Schiffes gewonnen, um diesen Brief schreiben und an Land schmuggeln zu können. Jones kannte beide Prinzen und wandte sich an seinen Kapitänskollegen Lace, der bei dem Massaker von 1767 dabei gewesen war und der ihm die Schilderungen der beiden Robin-Johns hätte bestätigen können. Das aber tat er nicht, denn die fast vollständige Ausrottung einer afrikanischen Handelsdynastie hatte erhebliche Unruhe gestiftet. Die beiden verschleppten Prinzen konnten zu wichtigen Zeugen in einer höchst unliebsamen Sache werden, die man besser nicht im Dunkeln belassen wollte. Thomas Jones aber ließ nicht locker und wandte sich deshalb an den Augenzeugen William Floyd, der als Erster Offizier das Abschlachten in Old Calabar miterlebt hatte. Sparks:
Die englischen Kapitäne hatten nach dem Blutbad eine Reihe von ‘Treffen & Beratungen‘ abgehalten und beschlossen, für die Gefangenen aus Old Town, die in die Sklaverei verkauft werden sollten, einen symbolischen Preis an die Händler von New Town zu zahlen. Die wenigen Kupferbarren lagen weit unter dem Marktpreis für Sklaven, aber die Kapitäne hofften, auf diese Weise ‚ der Transaktion einen Anschein von ehrbaren Handel zu verleihen, falls man sie beschuldigen sollte, die Bestimmungen des Parlaments über den Afrikanischen Handel verletzt zu haben.
Branding Slaves, um 1860. Internet Archive Book Images /wikimedia
Es gelang tatsächlich mit der finanziellen Unterstützung von Thomas Jones, den Fall der beiden Prinzen mit der Bitte um ihre Freilassung dem Obersten Richter des Vereinigten Königreichs in London vorzulegen und ihn davon zu überzeugen, dass es sich, obwohl an Bord eines Sklavenschiffes angekommen, hier nicht um Sklaven handelte. Die Robin-Johns verließen das Schiff schließlich als freie Männer und wurden von der Methodistengemeinde in Bristol aufs Herzlichste aufgenommen. Die Summe, die das gekostet und von Jones vorgestreckt worden war, sollten sie später zurückzahlen. Nach ihrer Freilassung lebten sie abwechselnd bei den Familien der beiden Brüder, wurden in der Folge zu bekehrten Christen und ein fester Bestandteil des Gemeindelebens. Die Wesleys waren als Missionare der Indianer in Georgia unterwegs gewesen und kannten das Elend der Sklaven aus eigener Anschauung. Diese Erfahrung machte sie zu glühenden Gegnern der Sklaverei.
Die Gemeinde der Methodisten und die Antisklaverei-Bewegung
Die Methodisten warfen viele der gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit über Bord, vor allem die Unterscheidung der Menschen in Rassen (...) Letztendlich verstanden die Methodisten ‘die Kraft Gottes als eine reale, gemeinschaftliche und Freiheit bringende Macht‘,
betont Sparks. Bristol als das Macht- und Handelszentrum der Sklaverei, von denen die Schiffe abfuhren und zurückkehrten und der Stadt unermesslichen Reichtum brachte, war gleichzeitig die Wiege des Methodismus und führte damit auch zur Antisklaverei-Bewegung. Für die Methodisten gab es war Christentum und Sklaverei nicht vereinbar. Allerdings betraf das nur die Christen, denn nur sie waren göttlicher Natur und somit in Gottes Hand und konnten damit nicht Besitz von anderen Menschen sein. Demgegenüber konnten aber Christen Heiden zu Sklaven machen, womit versucht wurde, den Widerspruch zwischen dem immensen Leid der Sklaven und christlichen Glaubens aufzulösen und zu legitimieren. Viele Sklaven traten deshalb zum Christentum über, um über diesen Umweg zu freien Menschen zu werden. 
"The HouseThat Jeff Built" von 1863 by David Claypoole Johnston / wikimedia
Wie wir aus der Geschichte der Sklaverei wissen, ging diese Rechnung für die meisten nicht auf. Vielmehr lösten sie einen enormen Schub der Kreolisierung aus, einer vermischten Kultur von christlichem Heilsglauben und auf das Jenseits verlagerten Befreiung allen irdischen Leids und diesseitiger afrikanischer Auslegung von konkreter Freiheit als Befreiung vom Sklavenjoch. In Virginia konnten Afrikaner und Indianer ihre Freiheit bereits bis 1667 durch die christliche Taufe erlangen, was dann per Gesetz unterbunden wurde. Die Vereinbarkeit von Christen, die Sklaven waren bzw. blieben, war von da an ein beständiger Stachel des Zweifels gläubiger Christen. Sparks betont:  
Die wichtige Rolle, die das Christentum zur Entfachung von Sklavenaufständen im 18. und 19. Jahrhunderts spielte, ist ein deutliches Zeichen, wie tief die Verbindung von Glaube und Freiheitsdrang im afroamerikanischen Christentum verwurzelt blieb.
Auch die Robin-Johns bekehrten sich zum Christentum, obwohl sie bereits frei waren. Zum einen waren sie von den Wesley-Brüdern privat bis auf unbestimmte Zeit aufgenommen worden, bis das Geld für die Überfahrt nach Old Calabar für sie durch Spenden zusammen kam, zum anderen waren sie in die kirchliche Gemeinde der Methodisten eingebunden und von ihr vollkommen umgeben. Sparks präzisiert:
Ihre Konversion befreite sie von dem Stigma der Andersartigkeit und eröffnete ihnen den Zugang zum inneren Kreis der Methodisten, wo sie wirkliche Anteilnahme und Unterstützung erfuhren.“ S. 152) Wie viele schlugen sie sich “auf die Seite des einzigen Glaubenssystems (…), das der herrschenden rassistischen Ideologie zuwider lief.
Bei ihrer Aufnahme in die Gemeinde spielte zudem ihr Prinzenstatus eine große Rolle. Denn auch hier genossen sie die Privilegien einer ‘edlen’ Herkunft, die einem entlaufenen Feldsklaven bei aller Christenliebe zweifellos nicht zugekommen wäre. Sparks sieht diesen Umstand nicht ohne Ironie:
Das Thema des versklavten Afrikaners edler Herkunft wurde Ende des 18.Jahrhunderts von fast allen berühmten britischen Schriftstellern aufgegriffen (…) Für die Millionen Sklaven in der Neuen Welt und die Tausende versklavter oder in völliger Armut lebender Schwarzen im eigenen Land hatten die Engländer nicht einen Funken Mitgefühl übrig. Es mussten schwarze Prinzen sein oder, wie ein Gelehrter einmal ausgedrückt hat: ‘Die bürgerlichen Briten haben es schon immer geliebt, sich in einen Adligen hineinzuversetzen, vor allem wenn es ein unglücklicher Adliger war.‘
Nach sechsjähriger Odyssee konnten die Robin-Johns tatsächlich heimkehren. Auch danach setzte sich die Korrespondenz mit den Wesley-Brüdern fort. Um ihre Schulden bei Thomas Jones zu begleichen, der zum Prozess ihrer Freilassung geführt hatte und auch ein Schiff für sie ausgerüstet hatte, das sie zurückbringen sollte, wollten sie wieder in das Sklavengeschäft einsteigen. Das belegt einer ihrer Briefe an die Wesleys. Das erscheint geradezu als widersinnig. Aber erstens entsprach das ihrer afrikanischen Identität als Sprösslinge einer Handelselite. 
Probably a photography of slaves in chains, 
somewhere in East-Africa, Odhiambo Atieno, wikimedia
Außerdem kehrten sie trotz aller Erfahrungen in der Neuen Welt und in Europa in die Efik-Gesellschaft zurück, in der sie als Sklavenhändler bekannt waren. Genau wie die Europäer hatte auch die Efik-Gesellschaft kein Problem mit der Rechtmäßigkeit von Sklaverei, wenn nur alle Gesetze der jeweiligen Gesellschaft eingehalten wurden. Das verdeutlicht den ungeheuren Rechtsbruch, den der Komplott von 1767 darstellte. Denn wie für viele Christen - auch vieler Methodisten - war die Versklavung anderer Afrikaner für sie durchaus rechtmäßig, während nur einige wenige wie die Prinzen von Calabar für sie zu Unrecht zu Sklaven geworden waren. Diese Ausnahmen untermauerten geradezu die Sklaverei und waren lange Hindernis dafür, alle Sklaven zu befreien.

Wie lange Sklaverei letztlich auch noch mit den Menschenrechten vereinbar war, belegt ein neues Buch von Rainer Roth “Sklaverei als Menschenrecht“, zu dessen für uns widersprüchlichen Titel er ein ausführliches Interview auf den Nachdenkseiten gab.

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