Sonntag, 22. Februar 2015

Der Gott des Cricket

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch über
eine Ausstellung in der National Gallery of Modern Art in Mumbai


Drei Millionen Götter zählt der Olymp der Hindus und jetzt noch einen mehr: ein Gott des Kricket ist hinzugekommen. Eine ganze Ausstellung in der National Gallery of Modern Art ist dem genialen Cricketspieler Sachin Tendulkar gewidmet, der so viele Siege für das indische Team herausgespielt hat wie kaum ein anderer und den jedes Kind in Indien kennt (vgl. etwa Hindustan Times). “Deconstructed Innings“ heißt die Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar läuft .

Manjunath Kamath: “Arrival of a Cricket God

Wie weggefegt sind die üblichen Bilderreihen in schweren Rahmen der Generationen der 1940-60er Jahre - einer Generation, die sich noch abmühte, Anschluss an die westliche Moderne zu finden und die bislang ihren festen Platz in den Nationalgalerien behauptete. “Deconstructed Innings“ ist sowohl vom Konzept als auch seiner Präsentation einfach nur eine sehr gute Ausstellung, die sich nicht mehr am westlichen Kunstkanon abarbeiten muss.

Geradezu genial wurde die runde Konstruktion des Museums von allen KünstlerInnen genutzt. So sind zwei große Fotoarbeiten der Künstlerin Hema Udadhyay in der Eingangshalle des Museums ganz in das Rondell der Wand eingepasst. Ihre zweiteilige Arbeit basiert “on the concept of Gaze, Look, Glance and Expression and explores the presence of the audience…” – so der Begleittext dazu. Für sie ist der Cricketstar Teldukar über seine außergewöhnlichen Leistungen hinaus vor allem ein Phänomen des Zusammenspiels von ‘Held‘ und Publikum.

Hema Udadhyay: “Completion of Oneself Through the Other“ (Ausschnitt)

Ebenfalls ganz in die Umgebung eingepasst ist das überraschende Video von Sunil Gawde. Es spielt hinter dem vergitterten Teil einer Säule des Museums, die Gawde als Projektionsfläche nutzt und als solche erst einmal gar nicht erkennbar ist. Er filmte die unscheinbare Hausfassade eines grauen Hinterhofs in Mumbai, in dem plötzlich eine Scheibe mit lautem Klirren zerbricht. Erst wegen dieses scharfen Geräusches wird man erschrocken auf seine Arbeit aufmerksam: Ein Cricketball, der sich verirrt hat und lautes Schimpfen von einer Frau nach sich zieht. So wird der indische Nationalsport auf der Ebene einer Kindheitserinnerung reflektiert - den nachmittäglichen Spielen in beengten Hinterhöfen und wo das zufällig involvierte Publikum eher genervt als begeistert ist.

Sunil Gawde: “Pause

Ganz nüchtern in einer reizvollen Installation kleiner penibler Zeichnungen geht Shreyas Karle vor. In einer intensiven Kommunikation mit Tendulkar erstellte er eine Art visuelles Wörterbuch in mathematisch bis wissenschaftlich anmutenden Zeichnungen. Teils auf Papier von Schulheften zeichnet er die Regeln und die Pädagogik des Spiels nach, das in den Straßen und auf Plätzen in den indischen Städten teils ganz anders gespielt wird als nach denen des internationalen Sports. Er verbindet diese Aufzeichnungen mit denen von Kindheitserinnerungen in familiärer Atmosphäre, wo offensichtlich jedes indische Kind einmal seinen ersten Kricketschläger in der Hand hatte und so im Familienalbum verewigt wurde.

Shreyas Karle:
Notes from a Terrace - The Kachha Nimbu observations archives

In der ersten Etage des Museums dann wird es langsam sakral. Vibha Galhotra hat auf neun hochpolierten goldenen Metallplatten Auszüge aus dem Leben des Sportlers festgehalten und präsentiert diese auf Podesten, die im Halbkreis aufgestellt sind und an denen man weihevoll entlangflaniert. Diese geben nicht nur Einblicke in Tendulkar’s Sportlerleben, sondern beschreiben ihn auch als Sohn, Ehemann und Vater. “Other than being a legendary hero and legend, Sachin has also been a son, a husband, a father and a human being like all of us”, schreibt Galhotra dazu. Wenn der Betrachter sich in den Metallplatten spiegelt, so ihr Anliegen, gebe es “a mirroring of recognition and reflection of their personal stories layered with a legend’s.” Wie bei Udadhyay entsteht das maßgebliche Phänomen also erst im Zusammenwirken von Sportler und Fans, von Kunstwerk und Betrachtenden.

Vibha Galhotra: “Reflection

Von solch überlegenen, aber noch leisen Tönen ist Manjunath Kamaths opulentes Bild “Arrival of a Cricket God“ weit entfernt (komplettes Bild am Anfang des Textes). Er verlegt die Cricketlegende endgültig in den Olymp der Götter, sicher nicht ohne Ironie. Ganz im Stil der europäischen Renaissancemalerei entfaltet Kamath ein Szenario, das auch kitschige Kalenderblätter zu den hinduistischen Erzählungen des vielfältigen Göttertreibens einverleibt. Mit seinem Triptychon gestaltet er wirklich jede Fantasie von Sachin Tendulkar als Cricketgott aus, den er mit den Zügen des Sportlers als Kind porträtiert. In einer pompösen Fusion von asketisch wirkenden, christlichen Figuren und hinduistischen Göttern spielt Tendulkar als sorgenfreies Kind unter dem Gesang abendländischer Cherubime zum Kricket auf. Diese Vereinnahmung westlicher Ikonen ist ohnehin in der Hindureligion angelegt. Denn dort kommen wir alle irgendwie vor und auch Jesus ist dort einfach nur der Sohn eines der zahlreichen Götter im großzügigen Amalgam des Hindukosmos.

Manjunath Kamath: “Arrival of a Cricket God“ (Detail)

Aber auch Kamaths’s Kunst kann tatsächlich noch getoppt werden. Völlig losgelöst von Raum und Zeit sieht Riyas Komu den Kricketstar in seiner Installation in der Empore der obersten Etage, dem Wandelgang des kolonialen Gebäudes. Der ganz in blau gehaltene Raum und die Strahler, die seine aufgereihten Skulpturen von Händen, die den imaginären Kricketschläger halten, magisch anstrahlen, bieten nun endgültig eine quasi religiöse Atmosphäre - diesmal scheinbar ganz ohne Ironie.

Riyas Komu: “Legacy Beyond Centuries

… a hundred centuries … the achievements of Sachin Tendulkar is a legacy whose history lives already in the memory of the future”, so heißt es im enthusiastischen Text zu Riyas Installation. Die Träume und Hoffnungen – zwei Begriffe, die sich durch die ganze Ausstellung ziehen und die in Gestalt von Tendulkar Wirklichkeit wurden – scheinen hier die Grenzen zur normalen Existenz endgültig zu sprengen. Als einen Beitrag zum Archiv der Zukunft möchte Riyas Komu seine Arbeit verstanden wissen und hebt die indische Cricketlegende so weit über seinen kulturellen Rahmen hinaus. Mehr Bollywood in Form von bildendender Kunst geht nicht. “Let’s hope that this legacy echoes beyond centuries“, so der ‘Abspann‘ des Textes. Lebt überhaupt noch irgend jemand der über sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten, ohne diesen Ausnahmesportler zu kennen? Sachin Teldukar hat seine aktive Karriere Ende 2013 beschlossen.

Riyas Komu: “Legacy Beyond Centuries“ (Detail)
Alle Fotos von Ina Zeuch.

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