Montag, 7. Oktober 2019

China: Aus dem Filmschaffen

Wer an chinesische Filme denkt, dem/der wird wohl meist das Eastern-Genre in den Sinn kommen, dass über Jahrzehnte vor allem von Produkten aus Hongkong geprägt war. Speziell Bruce Lee und Jackie Chan sind weltweit berühmt geworden und wurden (und werden) von vielen Millionen regelrecht verehrt.

Tatsächlich lässt sich trefflich streiten, inwieweit das Kino vor allem in Shanghai von Produktionen aus Hongkong beeinflusst wurde - und zwar teils schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Heute sind Kooperationen zwischen Firmen aus Hongkong und vom Festland selbstverständlich. Das lässt sich auch an der Entwicklung des wuxia-Genres in den letzten 20 Jahren ablesen. Die Filme wurden aufwendiger, komplexer (wie Crouching Tiger, Hidden Dragon oder House of Flying Daggers), auch humorvoller (wie die späteren Streifen von Chan oder das sehr sehenswerte Genre-Crossover Kung Fu Hustle) und bekamen eine stärker nationalistische Färbung. Letzteres lässt sich besonders gut an Once Upon a Time in China (mit Jet Li) und Ip Man (mit Donnie Yen) ablesen.

Aber das chinesische Kino hat sehr viel mehr zu bieten als Actionfilme.


Zum einen existiert die komplette Genre-Palette - vom klassischen Zeichentrickfilm über Mangas und Monumentalstreifen bis hin zu Arthouse-Produktionen. Ebenso breit ist die Themenpalette, in der so gut wie alles vorkommt (außer vielleicht traditionellen Western). Krimis, Historiendramen, Science Fiction (z.B. The Wandering Earth) und Fantasy (z.B. A Chinese Ghost Story) sind selbstverständlich; Komödien und Familienfilme dringen wahrscheinlich einfach nicht so oft nach "draußen" weil sie für das hiesige Publikum vermutlich nicht sehr spannend sind und der chinesische Humor hier nicht so gut ankommt.

Traditionelle Themen spielen immer noch eine bedeutende Rolle im chinesischen Kino. Das zeigt etwa der oben eingebettete Trickfilm Uproar in Heaven (der an Motive aus dem Buch Die Reise nach Westen angelehnt ist) oder auch die Geschichte von Nezha, einer mythologischen Gestalt und Schutzgottheit. Die Geschichte von Mulan, der mongolischen (oder nordwestchinesischen) Kriegerin, dürfte aus der Disney-Adaption bekannt sein. Die chinesische Fassung des Themas ist weit weniger süßlich. Dass Frauen ebenso gut kämpfen können wie Männer gilt hier als normal. Der Film bietet zwar auch eine Liebesgeschichte, widmet sich aber vor allem der Frage, was Verantwortung in einer Konfliktsituation bedeutet.

Historische Themen sind ebenfalls prominent verteten: Über die Zeit der Drei Reiche wurden immer wieder Filme gedreht - erwähnt sei hier nur Red Cliff, worin es um eine entscheidende Schlacht zwischen den streitenden Reichen geht. Doch auch die jüngere Geschichte ist selbstverständlich Gegenstand chinesischen Filmschaffens. Im Westen besonders bekannt geworden und sicherlich  besonders interessant sind die Filme Leben! (To Live, mit Gong Li, Vorlage Yu Hua) und Red Sorghum (ebenfalls mit Gong Li, Vorlage Mo Yan), die die Zeit zwischen 1912 und 1960 aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Gänzlich andere Perspektiven auf das Ende des Kaiserreiches (1920er Jahre) bieten Die Rote Laterne und die chinesisch-japanische Ko-Produktion Ju Dou. Beide Filme sind besonders sorgfältig und kunstvoll gemacht. Shanghai Triad ist ein Crossover aus Krimi Actionfilm und Sittengemälde - ebenfalls in Arthouse-Qualität. (Und auch in den drei letztgenannten Filmen spielt Gong Li mit.) Aber natürlich darf keine auch noch so lückenhafte Liste des modernen Filmschaffens in China Wong Kar Wai vergessen, der mit einer ganzen Reihe aufsehenerregender Filme Furore gemacht hat. Besonders liebt Euer/Ihr MediaWatch-Redakteur In the Mood for Love.

Antikriegsfilme - vor allem solche, die die japanische Besatzung thematisieren - sind ebenfalls fester Bestandteil des chinesischen Kinos. Deutschen Cineasten sei insbesondere der Vergleich zwischen der chinesischen Produktion Nanjing! Nanjing! und dem deutschen Streifen John Rabe empfohlen. Beide Filme wurden vor zehn Jahren gedreht.

Und auch kritisches Kino ist in China möglich, und kritische Filme werden offensichtlich leidenschaftlich diskutiert. Li Yang etwa hat hochbrisante Filme gedreht, unter anderem Blind Shaft und Blind Mountain, in denen es um Morde im Bergarbeitermilieu und um Menschenhandel geht. Scheinbar harmlos kommt Shanghai Dreams von Xiaoshuai Wang daher. Der ruhige Film handelt von einer gut gebildeten Familie, die in den 1980er Jahren mit staatlicher Unterstützung aus Shanghai weggegangen ist, um in einer Stadt im Inland die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen. Mit Beijing Bicycle und So Close to Paradise hatte Xiaoshuai Wang davor schon zwei international bekannte Werke vorgelegt, die sich mit den Herausforderungen befassen, die Neuankömmlinge in den großen Metropolen an der Küste erwartet. Dieses Jahr ist mit So Long, My Son ein Film von ihm über die Auswirkungen der Ein-Kind-Politik auf die Leinwand gekommen. Eine internationale Berühmtheit ist mittlerweile Jia Zhang-ke, dem mit A Touch of Sin ein ganz großer Wurf gelang - sowohl inhaltlich als auch von der Bildsprache her. Wichtige Werke sind zudem Still Live über den Drei-Schluchten-Staudamm sowie Platform über die Kulturrevolution. 2018 ist Ash is Purest White fertig geworden - ein Film, der sich keinem Genre wirklich zuordnen lässt.

Bleiben noch die Krimis ... Dieses Genre hat in letzter Zeit aus verschiedenen Gründen die Aufmerksamkeit auch des westlichen Publikums erregt. Da ist zum einen etwa der kompromisslose und brutale aber auch komplexe Drug War. Detective Dee and the Four Heavenly Kings mixt dagegen Krimielemente mit Fantasy und wuxia und kommt als ziemlich opulenter Kostümfilm daher. Und sogar im Zeichentrickgenre sind Krimis erschienen - und ziemlich schwarze dazu - wie zum Beispiel Have a Nice Day.

P.S.: Diese Auswahl erhebt keinen Anspruch darauf, chinesisches Filmschaffen auch nur in groben Zügen zu umreißen. Sie fußt lediglich auf Entdeckungen, die jedeR aufmerksame ZeitungsleserIn machen kann. Alle hier erwähnten Filme sind sehenswert, die meisten sehr sehenswert. Verlinkt wurde i.d.R. auf Rotten Tomatoes, weil das "Tomatometer" oft eine bessere Einschätzung der filmischen Qualitäten eines Werks bietet als die mittlerweile zu Amazon gehörige IMDb  ...

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