Montag, 21. Oktober 2013

Die Zukunft der Erdölförderung

"Brisant" findet Focus das neue Geschäft, das Brasilien und das staatliche Ölförderunternehmen Petrobras nun für das in bis zu 7.000 Meter Tiefe (davon 2 km Wasser und ebenso viel Salz) offshore liegende schwarze Gold des Campo des Libra eingefädelt haben.

Was Focus so verwerflich findet? Nun - die Petrobras ist scheinbar nicht in der Lage, die technisch und finanziell extrem anspruchvolle Exploration und Ausbeutung der mit geschätzten 12 Milliarden Barrel riesigen Lagerstätte allein zu stemmen. Deshalb holt man sich die Hilfe ausländischer Firmen.

Brasilien will aber natürlich dennoch die Kontrolle über die Reserven und die Investitionsentscheidungen behalten. Die Reserven verbleiben im Besitz Brasiliens, verkauft werden nur Förderrechte. Zudem wird die staatliche Petrobras an allen Projektphasen mit einer Sperrminorität von 30 Prozent beteiligt. Diese Konstruktion war noch unter der letzten Regierung Lula gegen den heftigen Widerstand der Lobby Gesetz geworden.

Für die Petrobras sind die kommenden Investitionen ein schwerer Brocken. Denn der Konzern muss im Auftrag der Regierung importiertes Öl unter Weltmarktpreis auf dem heimischen Markt verkaufen, was seine Gewinne schmälert. Zudem werden die für Investitionen benötigten Anlagen sinnvollerweise aus Brasilien bestellt, wo sie allerdings häufig teurer sind als in den traditionellen Industrieländern. (Es sollte niemanden erstaunen, wenn Brasilia das Potential des Ölgiganten strategisch zum Aufbau eigener Industrien nutzt.) Das Wall Street Journal hält zur Umschreibung dieser Situation denn auch ein paar prächtige Formulierungen bereit (Hervorhebung die Red.):
(...) Anleger sollten sich klar darüber sein, dass sie nicht nur darauf wetten, dass Petrobras seine riesigen Ressourcen rechtzeitig und zu tragbaren Kosten erschließen kann. Sie wetten außerdem auf die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung Brasiliens und auf mögliche politische Richtungswechsel. (...) Petrobras hat das Potenzial, um langfristig attraktive Renditen zu liefern. Doch die Geschichte zeigt, dass der Hauptaktionär [der Staat Brasilien] dieses Potenzial meist größtenteils für sich selbst ausschöpfen will.
Unter anderem treten die niederländische Shell und Total aus Frankreich als Bieter an sowie staatliche Firmen aus China (CNOOC), Indien (ONGC) und Malaysia (Petronas). Chevron und Exxon rechnen wohl nicht mit einem baldigen neoliberalen Rückfall in Brasilien, denn sie sind nicht beim Bieterwettstreit vertreten. Dass BP nicht dabei ist, kann man nach dem Deepwater Horizon Debakel wohl nur als Glücksfall bezeichnen.

Die Auktion wird von einem großen Aufgebot an Militär und Polizei geschützt, denn die Arbeiter bei Petrobras sind gegen den Verkauf der Förderrechte. Sie streiken und haben Demonstrationen angekündigt.

MediaWatch meint, dass die neue Zeit diesen Geschehnissen ihren Stempel schon sehr deutlich aufdrückt: Wer irgend kann, schützt seine Rohstoffe und Ressourcen vor dem ungehinderten Zugriff durch Dritte. Zudem wird ihre Gewinnung anspruchsvoller. Einen Peak Oil, wird es zwar nicht geben - zumindest nicht in der Form, wie von Manchen noch vor Kurzem vorhergesagt (telepolis). Öl und Gas werden noch eine Weile fließen. Aber billiger wird der Stoff nicht mehr. Wer's nicht glaubt, starte gerne die unten eingebundene Petrobras-Animation (engl.). Die sollte eigentlich ehrfürchtig machen.



Bleibt zu hoffen, dass die Petrobras und ihre Partnerkonzerne verantwortungsvoller arbeiten als BP. Es gibt eine gewisse Hoffnung dafür: 2001 gab es das letzte Mal einen größeren Petrobras Unfall (1,4 Mio. Liter Öl ausgetreten, wikipedia engl.). Kleinere Zwischenfälle gibt es natürlich immer wieder. Zum Vergleich: Die Exxon Valdez verlor zwischen 40 und 120 Mio. Liter (wikipedia engl.) und Deepwater Horizon mindestens 800 Mio. Liter Öl (SZ).

P.S.: Den Zuschlag erhalten haben Shell und Total sowie die chinesischen staatlichen Multis CNPC und CNOOC (SZ).

Kommentare:

  1. Bleibt nur die Frage, was Petrobras, seine Arbeiter und vor allem MediaWatch vom Klimawandel halten. Für die ersten beiden existiert er vermutlich nicht, für MediaWatch immerhin als Label. Aber da hätte ich mir auch eine Auseinandersetzung im Text gewünscht. Letztlich weiß ich auch nicht, wie sich öko und sozial verbinden lassen. Aber es müssen wenigstens erst mal die Fragen auf den Tisch kommen.

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    1. MediaWatch hält den Klimawandel für real. Die derzeitige CO2 Konzentration in der Atmosphäre hat gerade 400 Teile pro Million (0,4 Promille) überschritten - das ist der höchste Wert seit etwa drei Millionen Jahren und entspricht einem Wasserstand, der 60 Meter höher ist als der heutige. Grönland war damals eisfrei.... (http://www.tagesspiegel.de/politik/klimawandel-hoechststand-bei-co2-gehalt-in-der-atmosphaere/8190608.html) Es kommen also extrem schwierige Zeiten auf künftige Generationen zu, und es kann sein, dass die uns noch ganz schön verfluchen werden.

      Nur ist der obige Beitrag ein Text über aktuelle Versuche, natürliche Ressourcen für nachholende Entwicklung verfügbar zu machen. Der Tag Klimawandel dient hier lediglich als Erinnerungsstütze bzw. als Einladung, die geschilderten Ereignisse auch durch diese Brille zu sehen. MediaWatch ist dabei allerdings der Meinung, dass die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern genauso das Recht haben, ihre und unsere Umwelt zu verschmutzen, wie wir das auch tun (und das schon 200 Jahre lang). Und es wird kein Verzicht erwartet und gepredigt, den unsere Industriegesellschaft nicht auch zu leisten bereit ist. Last not least ist klar, dass Umweltschutz und vor allem ein rationeller Umgang mit Ressourcen nur denen möglich ist, die nicht mehr um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen und die Wahl haben.

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  2. Deutschland ist das Brasilien-feindlischte Land Europas, aber zugleich sind in Deutschland die hektischsten Hyreriker/inen welche sich um Alles in Brasilien aufregen! Brasilien ist eine Nation welches aus drei verschiedenen Rassen im entsteht und 22 mal grosser als BRD, welche man auf der Weltlandkarte suchen muss. Lateinamerikaner sind Erwachsene - Millionen haben Universitaetsbildung (auch von Harvard, Sorbonne, Oxford - und manche sind dort Professoren/inen!). Also nehmt Euch doch bitte - POR VAROR - nicht zu ernst: Die Welt und Lateinamerika kann auch ohne kluge Deutsche funktionieren. Macht erst den BER Flughafen in Berlin usw.....

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  3. Klar, Brasilien und die Welt funktionieren auch ohne neunmalkluge Deutsche. Aber die Welt wird nicht mehr lange funktionieren ohne kluge Leute, die sich in ihrem Land (egal wo) für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen. Das wird in Harvard, Oxford und an der Sorbonne nicht als Hauptfach gelehrt. Wirklich klug wäre es dann vielleicht, den BER in Berlin NICHT zu machen.

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