Freitag, 6. April 2012

Weit, weit dringlicher als 'Al Kaida im Maghreb'

"Bricht Mali auseinander?", fragt Aljazeera. Sogar G-News dt. bietet schon Treffer unter "Mali" + "Teilung". Auch wenn MediaWatch nicht an eine Sezession des Sahel-Staates glaubt: Nachdem jetzt praktisch der ganze Norden in die Hände der Tuareg übergegangen ist, wirkt die Überlegung nicht mehr abwegig.

Doch die Tuareg stellen nur sieben Prozent der Bevölkerung Malis. Und eine Stadt wie Timbuktu oder Gao angesichts der momentanen Schwäche Bamakos zu erorbern, ist eine Sache. Sie zu halten (und zu versorgen) eine ganz andere. Allerdings leben auch im benachbarten Niger viele Tuareg, die sich jetzt durchaus zu einer Wiederauflage ihrer eigenen Rebellion bemüßigt fühlen könnten. Und wie in Mali haben die libyschen Zerfallserscheinungen auch im Niger deutlich spürbare Auswirkungen gehabt. Eine anständige Zusammenfassung der jüngeren ziemlich gewaltvollen Geschichte der Tuareg gibt's bei wikipedia.

Libyen ist nicht nur für die Genese des Konfliktes in Mali wichtig (MediaWatch berichtete, sehr interessant in diesem Kontext die SZ). In dem Land wird es auf absehbare Zeit wohl keine starke Zentralregierung mehr geben. Notiz nimmt man in den Mainstream-Medien noch - wenn überhaupt - von den Kämpfen, die sich an der Mittelmeerküste abspielen (Reuters) und den Bemühungen der Region Bengasi um Autonomie (oder Unabhängigkeit?) (1), (2). Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit toben erbitterte Kämpfe um Kufra im Süden Libyens. Schon seit ein paar Wochen kommt von dort ein dünnes Rinnsal (teils unzuverlässiger) Nachrichten (1), (2). Auch für die Zukunft der Konfliktszenarien im Sahel wird die mangelhafte Ordnung in Libyen wohl weiterhin eine Rolle spielen.

Gewaltvoll vorgetragene Sezessionsbestrebungen in teils schwer zugänglichen Regionen zweier ohnehin schon schwacher Staaten, dazu die nun zu befürchtende militarisierte Sanktionspolitik von Franzosen und vielleicht US-Amerikanern im Rahmen des Kriegs 'gegen den Terror'. In diesem Zusammenhang ist es ein ungutes Signal, dass sich Miguel Berger, der deutsche UN-Botschafter und UN-Unterstaatssekretär Lynn Pascoe schon öffentlich Sorgen darüber machen, dass Al-Kaida nahestehende Gruppen Teile Malis kontrollieren.* Eine wesentlich plausiblere Erklärung dafür, dass die einstmals vergleichsweise liberalen Tuareg jetzt die Fahne des politischen Islam hochhalten, liegt darin begründet, dass sie für diese Politik die größte und nachhaltigste Zustimmung in der Bevölkerung erwarten können. (Wer das nicht glaubt, vergegenwärtige sich einfach die Wahlergebnisse in Tunesien und Ägypten.)


Das alles wirkt wie die Zutaten zu einem perfekten Sturm, der sich aus stetig zerbröckelnder Staatlichkeit, Gewaltbereitschaft, Flüchtlingselend sowie einem erheblichen Zustrom von Waffen zusammenbraut. Westafrika hat üble Erfahrungen mit diesen zähen und blutigen Auseinandersetzungen machen müssen: Liberia, Sierra Leone, Elfenbeinküste. Nun kommt vielleicht auch noch Mali hinzu. Und in Nordafrika macht das algerische Beispiel auch nicht grade Hoffnung für Libyen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen schätzt, dass in Mali schon jetzt 200.000 auf der Flucht sind - vor allem nach Mauretanien, Burkina Faso und Niger. Nebenbei entfaltet sich in der Region auch noch eine Hungerkatastrophe von der über zehn Mio. Menschen betroffen sind. Solche Heimsuchungen abzuwenden, ist nach der unmaßgeblichen Auffassung von MediaWatch weit, weit dringlicher als die Bekämpfung von 'Al Kaida im Maghreb'.

Dieser Vorwurf wurde ursprünglich von der (inzwischen weggeputschten) Regierung in Bamako erhoben.

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