Dienstag, 21. Juli 2020

Fundstücke CCLXXXIV

Uruguay kriegt ab sofort eine neoliberale Schocktherapie verpasst. Das Neue Deutschland hat's gemerkt. Doch ist die Darstellung einen Tick ungenau: Nicht eigentlich der neue (rechte) Präsident hat gute Arbeit geleistet, um Covid-19 einzuhegen, sondern vor allem seine Vorgänger, die ein gutes Gesundheitssystem aufgebaut haben (nicht vergleichbar mit Kanada wohl aber mit Costa Rica oder auch Kuba).
Von all dem steht natürlich kein Wort in einer aktuellen - eigentlich ganz nett gemachten - Zeit Reportage zu Covid-19 in Uruguay.

China: Wer mehr über Umfang und Qualität der chinesischen Entwicklungszusammenarbeit wissen möchte, kann sich hier (Studie) und hier (Überblick) schlau machen. Das Besondere an der erstgenannten Quelle: Es handelt sich um eine Untersuchung, für die Empfängerländer im Süden befragt wurden und nicht westliche oder chinesische Fachleute. Denn wie einer der AutorInnen bei FP2P sehr treffend anmerkt:
In giving aid, China should not be accountable to the Global North. It should be accountable to the Global South and the key issues the Global South cares about.

Mali: Dafür, dass im Moment fast 900 deutsche Soldaten in dem westafrikanischen Sahelstaat stehen, hören wir erschreckend wenig über die Ereignisse dort. Einzig Telepolis berichtet in guter Qualität; mehr der Vollständigkeit halber sind außerdem die Wiener Zeitung, die taz, die DW, und - sehr kursorisch berichtend - die NZZ und tagesschau.de zu nennen.
Die Regierung in Bamako spielt auf Zeit und lässt schon mal die Oppositionsführer verhaften, derer sie habhaft werden kann.
Proteste hatte es auch schon nach den Parlamentswahlen im April und im Juni (2) gegeben. Laut taz sind in Mali zwischen April 2019 und April 2020 fast 2.300 Menschen Konflikten zum Opfer gefallen. Al Jazeera porträtiert Mahmoud Dicko, der in D. zukünftig wohl als ("islamistischer Oppositionsführer") aufgebaut werden wird.

Bevölkerung: Für eine gewisse Aufregung hat eine neue Studie zur globalen Bevölkerungsentwicklung gesorgt, die für das Jahr 2100 eine Weltbevölkerung von 8,8 Mrd. prognostiziert - etwa 900. Mio. Menschen weniger als es im Maximum im Jahre 2064 werden sollen. Damit weicht die Rechnung um etwa 20 Prozent von den bisher vornehmlich genutzten, mittleren UN-Projektionen nach unten ab. Verlinkt ist hier der Beitrag von TP, weil er gründlich und nicht reißerisch informiert und mit einer Menge Links versehen ist. Vorgestellt wurden die Ergebnisse zuerst in Lancet.
MediaWatch möchte daran erinnern, dass das Problem mit Prognosen ist, dass sie Zukunft betreffen. Als Denkübung ist die Studie jedoch spannend. Denn die Zeiten, in denen die (Noch)MalthusianerInnen anfangen werden, zu jammern, weil die Wirtschaft aufgrund des versiegenden Nachschubs an frischem Menschenmaterial stagniert, liegen nicht mehr allzu fern.

Klimaschutz: Dänemark tritt an, zu beweisen, dass die "Corona-Krise" weder wirtschaftlich noch umweltpolitisch eine Bauchlandung werden muss. Die Regierung hat ein im Verhältnis zur Wirtschaftskraft des Landes riesiges Investitionspaket verabschiedet. Der Bussiness Insider hat Details.

Ökonomik: Die neoklassische Theroie kriegt scheint's überhaupt nix auf die Kette. Hier ein weiteres Beispiel - diesmal aus der ökonomischen Theorie wirtschaftlicher Entwicklung (Makronom). Besonders spannend ist dieser Beitrag für alle Entwicklungspolitikerinnen. Doch auch die zahllosen MerkelantistInnen und schwarzen Nullen sollten hier ruhig einmal genauer nachlesen:
Der erste grundlegende Fehler (...) liegt in der Annahme des neoklassischen Geldmarktes (...). Investitionen werden nicht aus Ersparnissen finanziert, sondern Banken finanzieren Investitionen durch die Schöpfung neuen Geldes während der Kreditvergabe. Banken verleihen eben nicht Geld von Haushalten weiter.
Der zweite grundlegende Fehler liegt in der Annahme, eine Volkswirtschaft könnte in Geld sparen, also ein Nettogeldvermögen aufbauen.
Für Entwicklungsländer heißt das: Wenn der Staat und die Haushalte sparen, bringt das mal garnix. Das zeigt sich auch empirisch: Ländern wie Botswana oder Nepal nützt es recht wenig, dass ihre Sparquoten in etwa so hoch sind wie die Norwegens oder Südkoreas. Einzig produktive Investitionen machen den Unterschied.


Lieferkettengesetz: Rechtzeitig zur Ankündigung eines entsprechenden Gesetzes hat die Initiative Lieferkettengesetz ein Briefing zum Lobbying der Wirtschaft gegen das Gesetz zur Beachtung von Menschenrechten und Umweltstandards in der Lieferkette vorgelegt.

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