Freitag, 1. März 2019

Es gibt nicht Gutes. Außer man tut es.

Ein Gastbeitrag von Ina Zeuch

Wir sind auf dem Rückweg von Massafr Yatta, wörtlich: das Hinterland von Yatta in den südlichen Hebronhügeln rund 35 Kilometer von Hebron entfernt. Der Bezirk ganz im Süden des Westjordanlandes ist seit den 1980er Jahren militärisches Sperrgebiet. Von der israelischen Armee wird es als Firingzone 918 bezeichnet.

Besuch bei Mohammed in Massafr Yatta
Gerade haben wir einen frisch aus der Haft entlassenen palästinensischen Schafhirten besucht, der einen israelischen Siedler mit seinem Hirtenstock verletzt hat, als er versucht hat, sich gegen die Drangsalierung und Vertreibungsversuche von seinem Land durch israelische Siedler zu wehren. Dafür hatte er 7 Monate Haft abgesessen.

Besuch bei Mohammed in Massafr Yatta
Unsere Stimmung ist gedrückt, als wir danach im Strom vieler Ausflügler, die das wärmer werdende Wetter und den freien Sonntag für einen Familienausflug genutzt haben, auf staubigen Pisten Richtung Yatta zurückfahren. Denn Massafr Yatta dient auch als Naherholungsgebiet für viele Palästinenser. Viele palästinensische Bauern haben dort Land, es ist das fruchtbarste der Region. Als die vollgestopften Autos mit ausgelassenen Frauen, die uns übermütig zuwinken und den vielen fröhlichen Kinder sehen, hellt sich unser Gemüt nach und nach wieder auf. Die israelische Besatzung, so scheint es, macht gerade Pause.

Schafhirte in Bir Al Id in Massafr Yatta

Auf einmal sehen wir im Gegenstrom der Rückkehrer zwei hochgewachsene junge Männer einherschreiten. Sie tragen kurze Hosen und weite, kurzärmelige T-Shirts. Das können unmöglich Palästinenser sein. Aber israelische Siedler zwischen all den palästinensischen Ausflüglern? Denn  Siedler treten üblicherweise zu mehreren auf und sind oft gut sichtbar mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Uns fällt auch auf, dass die beiden Männer ausgesprochen freundlich sind. Fröhlich winken sie den ausgelassenen Palästinensern zu - und obwohl sie eindeutig wie Israelis wirken, werden sie nicht behelligt. Die beiden winken auch uns fröhlich zu, bevor wir sie eingeholt haben und sie im Rückspiegel des Autos unseren neugierigen und fragenden Blicken entschwinden.

Da fällt unserem Fahrer ein, dass diese jungen Männer wahrscheinlich zu Comet-ME gehören. Jetzt gehen sie zu einer kleinen Ansiedlung gehen, um sie für eine zwecks Errichtung eines Strommastes zu inspizieren. Überall in den südlichen Hebronhügeln haben wir die Spuren von Comet-ME gesehen: Schlanke Strommasten, Wassertanks und Solarpanels vor den ärmlichen Behausungen der palästinensischen Bauern.

Mit ihrem Slogan "Help us keep the Lights on" oder "Harvesting the wind and the sun for the benefit of the people" arbeiten sie zusammen mit Palästinensern in den besetzten Gebieten, überwiegend in der de facto von Israel regierten C-Zone, wo Palästineser so gut wie keine Baugenehmigungen erhalten. Dort werden weder Schulen, medizinische Versorgungszentren oder Toiletten für öffentliche Einrichtungen akzeptiert. Sie erhalten - selbst wenn sie von der EU finanziert sind - die von allen Bewohnern so gefürchteten Anordungen zur Zerstörung (demolition orders).
Wassertank von Comet-ME bei Susiya

Die Aktivisten von Comet-Me setzen auf Kooperation, um die Barrieren von Hass und gegenseitigen Vorurteilen zu überwinden. Und wir wurden mehrfach Zeuge ihres Erfolgs. Bisher wurden sie von der israelischen Regierung noch nicht als anti-israelisch oder linksextrem bekämpft, wie es den israelischen Organisationen B'Tselem, Breaking the Silence oder den Combattants for Peace ergangen ist, die ebenfalls Aktionen gegen die Besatzung unternehmen.

"We believe in open source and grassroots collaborations", verkündet Comet-ME  auf ihrer Webseite. Dort wo sie waren, wird buchstäblich Licht, entsteht Strom zum Kochen, für Waschmaschinen und alle sonstigen elektrischen Geräte, die das mühselige Leben in der Westbank enorm erleichtern. Nichts ist so ideologiefern wie die Arbeit von Comet-ME und dabei so effektiv. Ebenso beneidenswert wie hochorganisiert - manpower und mindpower in schönster Harmonie vereint: Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.  

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