Montag, 15. Dezember 2014

Ponte City: Urbane Träume aus Johannesburg

Wie der Eiffelturm das Wahrzeichen von Paris, so ist Ponte City - ein Hochhaus mit 56 Stockwerken und 255 Appartments - das Wahrzeichen von Johannesburg. Die Geschichte des Ponte spiegelt auch eine Teil der Geschichte Südafrikas: 1975 als Appartmenthochhaus für die weiße Mittelschicht erbaut, wurde es nach der Apartheid von afrikanischen Migranten genutzt. Der anschließende Niedergang des Gebäudes aufgrund von Drogenmissbrauch, Prostitution und organisiertem Verbrechen und schließlich der Neubeginn - gaben Anlass zu zahlreichen Etikettierungen und bildeten eine Basis der von vielen Weißen bereits liebgewonnenen Vorstellungen über ein kriminelles Südafrika nach der Apartheid.

Portätfotos von Mietern des Ponte von Mikhael Subotzky/Patrick Waterhouse
"Zimmer frei in der Hölle" (Süddeutschen Zeitung) oder "Im  bösesten Hochhaus der Welt" (Die Welt), aber auch der Wandel und Neubeginn von Ponte nimmt immer Bezug auf die kriminelle Phase seiner Geschichte. Erstaunlich, wie sehr Verbrechen thematisiert werden, wenn sie nur fassbar in einem einzigen Gebäude versammelt sind, während die Verbrechen einer ganzen Ära wie der Apartheid weit weniger medienträchtig zu sein scheinen.

Der Ansatz der beiden Künstler Mikhael Subotzky (geb.1981, SA) und Patrick Waterhouse (geb.1981, UK) aber ist ein deutlich anderer. Ihre sechsjährige Recherche des Wohnturms (2008 - 2014) war als Fotodokumentation bis 11. November im Fotomuseum Antwerpen zu sehen und kommt im Frühjahr 2015 ins MMK Frankfurt.

Foto aus der Ausstellung "PONTE CITY"
Die Fülle der Details dieser Recherche wird auch in der Hängung der Ausstellung deutlich: So komplex kann ein Gesamtbild eines einzigen Phänomens wie dem Ponte City sein, wenn man nur an seiner Vielfalt interessiert ist. Die Dinge selbst sprechen zu lassen, ohne den vorgegebenen Rezeptionsmustern zu erliegen, auf die man ja bequem und bildgewaltig hätte aufsetzen können, war ganz offensichtlich das Anliegen des Künstlerduos. Also begaben sich die Künstler vor allem erst einmal auf Augenhöhe seiner Bewohner. Die verschiedenen Fotoserien wie "The Leftover Chrysalis", "Afterimages" oder "Flat 3607" ergeben ein Puzzle, dass sich mehr und mehr zu einem Bild verdichtet, das die erwähnten Klischees weit hinter sich lässt.

Subotzky, der selbst in Johannesburg wohnt, hat zusammen mit seinem Partner Waterhouse zahlreiche Mieter interviewt und fotografiert. Daneben gibt es viele Fotos von leerstehenden Wohnungen zum Beginn ihrer Recherche von 2008. Die Hinterlassenschaften dieser Appartments ("Leftover") wie Filmplakate, Familienfotos etc. bis hin zu einzelnen Zetteln werden akribisch gesammelt und in der Ausstellung präsentiert. Lässt man sich tatsächlich auf sie ein, ergeben sie eine Fülle von Informationen über Einzelschicksale, die geradezu schwindelerregend ins Leere führen. Man wird nie erfahren, was aus diesem oder jenem Menschen geworden ist.

Sammlung von Hinterlassenschaften eine lerrstehenden Appartments im Ponte
Nach der ersten Phase des Ponte als schicke Residenz für willkommene Migranten aus Europa und den USA kamen afrikanische Migranten, die das Land nach der Apartheid als ihr El Dorado aufsuchten. Vor allem Menschen aus dem Kongo und Nigeria fanden hier nach dem Rückzug der Weißen Zuflucht. Innerhalb von ungefähr einem Jahrzehnt war das Ponte überbelegt, verwohnt und renovierungsbedürftig. Die kiminelle Ära und die zahlreichen Polizeieinsätze hatten das Ponte in Verruf gebracht.  Investoren scheuten sich, auch nur einen Cent in das marode Bauwerk inmitten eines Vietels zu setzen, dass neben seinem Namen Hillbrow auch Lagos City genannt wurde. Aber 2007 war tatsächlich ein Investor mit einem Konzept für eine umfassende Renovierung gefunden, der vor allem die mangelnde Logistik im Fahrstuhlsystem und bei der Müllentsorgung beheben sollte.

Fundstücke aus einem verlassenem Appartement
In einem Gebäude von 56 Etagen ist der Fahrstuhl existentiell, wenn man zum Beispiel nicht zu den Mülltonnen kommt. So wurde der Müll einfach in den Hohlraum des Gebäudes entsorgt -  ein Problem, dass die Weißen nicht gehabt haben dürften, da zu ihrer Zeit im Basement des Gebäudes eine Heerschar von servants untergebracht waren, die für sie zum Abruf bereit standen. Das Müllproblem, das im Laufe der Zeit bis zu 5 Stockwerke des Hohlraums anfüllte, war denn auch das Lieblingsthema in vielen Presseberichten. 2007 begann der Auszug der Mieter, um die Renovierung vorzunehmen. Die Hälfte der Appartments stand zum Beginn der Recherche leer und war so der erste Ansatzpunkt für die Dokumentation. Aber noch im selben Jahr ging der Investor wegen der Bankenkrise pleite.

Aufräumtrupp der Müllentsorger im Ponte
In der Ausstellung finden die bildträchtigen Höhepunkte des Niedergangs wie die 'Müllgeschichte' zwar ihren Platz, aber sie sind nur Teil eines Ganzen, in dem vor allem über die Bewohner erzählt wird - und zwar in ihren eigenen Worten oder indirekt durch die Sammlungen der Hinterlassenschaften. Letztere sind wie abgerissene Bilder von Abwesenden,  die einem durch  Reste von Familienalben, Briefen und Notizzettel wie "Don't forget to lock the door" nahe rücken. Damit entsteht eine Parallele zur Fotografie, die ebenfalls Momentaufnahmen einfriert und im besten Fall die Fantasie freisetzt, um das Bild fortzuspinnen. Besonders eindrücklich ist der Fall eines Kongolesen aus dem damaligen Zaire, heute DR Kongo. In seinem verlassenen Appartement ("Flat 3607") fanden die Künstler Briefe, Asylanträge für Südafrika, später Kanada sowie mehrere Skizzen, in denen er seine Fluchtgründe aus dem Kongo in verschiedenen Varianten beschreibt - jedes Mal gab er sich dabei einen anderen Namen, der aus seinen drei Namen immer neu kombiniert wurde. Alle Versuche, dem inprovisierten Leben zu entfliehen, scheiterten offensichtlich. Man fand auch die Ablehnungsbescheide von SA und Kanada, sowie seinen 3. Versuch, als politischer Flüchtling vom UNHCR anerkannt zu werden.

Dokumente und Briefe auf einem alten Foto, das ein Flüchtlingsschiff auf der Überfahrt zeigt.
Natürlich bildet ein Teil der Schau auch das Bauwerk selbst ab, das in der Tat imposant ist, aber es widersteht der Verlockung, in den üblichen spektakulären Architekturfotografien zu schwelgen, die nur das Bauwerk selbst abfeiern. Stattdessen nehmen die Reihungen von Türen, Fenstern, Fluren, leeren Appartments einen weit größeren Raum ein. Eine Bildsequenz zeigt flüchtig leergeräumte Appartments, zerstörtes Mobiliar  und ähnliches, in denen die Fotos ehemaliger Mieter appliziert sind. Diese vermutlich von den Mietern selbst zur Verfügung gestellten Fotos zeigen sie in demselben Ambiente, als sie noch dort wohnten:

Foto eines ehemaligen Mieters in seinem ehemaligen, leerstehenden Appartment.
Am eindrücklichsten aber sind die Porträts der Mieter im Fahrstuhl, vor ihren Türen und in ihren Wohnungen.  Offensichtlich haben sich die beiden Künstler mit einigen Mieten angefreundet, waren bei hren Parties zu Gast oder zum Essen eingeladen, was während der sechs Jahre, die sie für diese Ausstellung arbeiteten, nicht verwunderlich wäre.

Fotos von Mietern
Der Katalog mit 17 Beiheften listet weiteres Dokumentationsmaterial auf: Neben zahlreichen Zeitungsartikel aus der südafrikanischen Presse, Architekturzeichnungen und Werbetexten zur Aquise von Mietern enthalten sie auch einen wichtigen Hinweis auf die Idee der Künstler, die hinter ihrer Arbeitsweise steckt. Denn eines der Begleithefte ist dem französischen Schriftsteller Georges Perec gewidmet, der 1995 den amerikaniichen Traum vieler Migranten in seinen Recherchen zu Ellis Island aufzeichnete, einer Insel, die gegenüber der Skyline von New York liegt. Hier sahen die Künstler eine Parallele zu Ponte City, in dem viele Migranten ähnliche Träumen vom Neubeginn träumten. In Perec's guidelines zur Annäherung an das Phänomen Ellis Island legt er fest, sämtliche Gefühlsäußerungen, Vermutungen und also sämtliche Adjektive zu streichen, stattdessen mit einer Aufzählung von Dingen zu beginnen, sie zu benennen "as banal as possible, ... as precise as possible", um den Wiederholungen zu entgehen, die die Geschichte eines solchen Phänomens immer wieder in Abwandlungen erzählt, in den immergleichen Klischees, den immer gleichen festgefrorenen Bildern. Diese Richtlinien haben sich auch Waterhouse/Subotzky zu eigen gemacht.


Privatparty im Ponte
Ihre Fotoserien sind Aufzählungen, die  selbst als eine Art Hochhaus in strenger Reihung gehängt sind und bilden das Sujet so noch einmal in symbolischer Form ab. Die Weißen kommen in dieser Rezeption nur am Rande vor. Sie haben in der Wahrheitskommissionen gelogen, geleugnet und nichts bereut, die die Verbrechen der Apartheid aufkären sollten, den Tätern aber Straffreiheit zusicherte. Diese Weißen sind Untote der Geschichte. Ponte City ist ein Symbol für die schwarze Geschichte Südafrikas geworden.

Priester beten vor dem Gelände des Ponte

Alle Fotos aus der Ausstellung von Ina Zeuch

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