Mittwoch, 19. September 2012

Nervöse Zuckungen

Die Angst, die viele Politikerinnen auf einmal vor dem Druck der Straße haben, wenn es um eine mögliche Ausstrahlung des Films "Innocent Muslims" in Deutschland, erstaunt. Die Begründung, dass ein Verbot erwogen werde, um die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden, macht diese nervösen Zuckungen erst richtig gefährlich. Da muss man dem Tagesspiegel leider Recht geben:
"Je aggressiver sich jene aufführen, die sich durch Wort, Ton, Bild oder Schrift beleidigt fühlen, desto eher können sie ein Verbot (...) bewirken. Gewalt wird belohnt."
Und auch darin muss man der Zeitung aus Berlin zustimmen, dass sich Merkel im Falle der Mohamed-Karikaturen schon als Wächterin der Meinungsfreiheit aufgespielt hat - natürlich erst, nachdem die Aufregung sich längst gelegt hatte und es nichts mehr kostete, am rechten Rand nach Wählerstimmen zu fischen.


Selbstverständlich hegt MediaWatch auch keinerlei Sympathie für islamfeindlichen Schmutz a la "Die Unschuld der Muslime". Und der Missbrauch der Meinungsfreiheit durch xenophobe Spinner wie "Pro Deutschland", um eine bedeutende bundesrepublikanische Bevölkerungsgruppe zu provozieren, geht eigentlich gar nicht.

Aber es sollte doch möglich sein, zusammen mit unseren muslimischen MitbürgerInnen friedlich gegen derartige rechtsradikale Provokationen zu demonstrieren (vgl. auch Tagesspiegel). Es hat schon mehr als einmal geklappt, Neonazi-Aktionen mit friedlichen Mitteln zu verhindern. Die Zeit macht sich die Mühe, ein etwaiges Szenario ein wenig genauer zu beschreiben.

Die Meinungsfreiheit ist zu wichtig, um sie Neonazis und verängstigten PolitikerInnen zu opfern. Und auch, wenn die Gefahr diesmal eindeutig von Rechts droht: Es könnte - siehe das Gezerre um Salman Rushdie - durchaus auch wieder Fälle geben, in denen das Recht auf freie Meinungsäußerung unbedingt auch gegen religiöse Eiferer verteidigt werden muss.

P.S.: Wie wenig die Proteste in den islamischen Ländern die Beziehungen zum Westen trotz brennender Botschaften tatsächlich trüben, belegt ein Beitrag im Danger Room: "U.S. Did Tech Deals With Egypt and Libya While Embassies Burned". Auch die Zeit warnt mit ziemlich guten Argumenten vor Hysterie: "Dies ist kein Flächenbrand". Die Asia Times stellt lapidar fest, dass jetzt deutlich werde, was der Gipfel der Blockfreien in Teheran nicht habe vermitteln können: Die Dominanz des Westens werde von vielen abgelehnt.

Im Übrigen gehen die Meinungen über Zensurmaßnahmen in solchen Fällen auch in muslimischen Ländern deutlich auseinander: In Dawn entschieden sich in einer Internet-Umfrage immerhin knapp die Hälfte der teilnehmenden LeserInnen (47 Prozent) gegen, die Sperrung von Youtube in Pakistan (G-News dt.).

Kommentare:

  1. Wer sich mit der Übernahme von Wertungen aus dem Katalog Julius Streichers ("Schmutz") hervortut, liegt doch schon mit der neuen völkischen Mitte im Bett.

    Was um alles in der Welt ist an "Die Unschuld der Muslime" islamfeindlich, und seit wann wird die Flut alljährlich erscheinender Bücher und Filme anhand irgendwelcher Feindlichkeiten beurteilt? Quentin Tarantino ist menschenfeindlich, Bram Stoker balkanfeindlich, Monthy Python idiotenfeindlich und Charles Chaplin reichsdeutschenfeindlich. Alice Schwarzer ist männerfeindlich usw. usf.

    Und nein, dieser Film ist nicht mal handwerklich schlecht gemacht. Das sind die normalen Stilmittel des Theaters, wie sie auf allen Bühnen der Welt bejubelt werden. Effektkino mit großem Budget ist nicht alles. Nur Kulturbanausen, die nie im Theater waren, krakeelen über diesen Film wie ihre Vorläufer in den deutschen 30ern. Entartete Kunst...

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    1. Natürlich ist der Streifen Schmutz - aber nicht weil er so mies gemacht ist. Unzureichende Ästhetik, selbst Dummheit würde einen solchen Vorwurf niemals rechtfertigen.

      Das Video ist deshalb so unter aller Würde, weil es eben nicht die Auseinandersetzung sucht. Es ist widerlich, weil seine Macher systematisch bezweckt haben, Menschen muslimischen Glaubens zu beleidigen, zu provozieren und zu verletzen.

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