Sonntag, 14. August 2011

Was soll und kann der Markt?

Der faire Handel boomt: 2010 wuchs der Gesamtumsatz der Branche um 28 Prozent auf 413 Millionen Euro. Das ist ein Plus von 91 Mio. Mehr bei Entwicklungspolitik online.


Die Bemühung, den ProduzentInnen "gerechte" Preise für ihre Produkte zu zahlen, ist ehrenwert und das rasche Wachstum des Segments eine gute Nachricht. Pragmatisch gesehen, kann der Faire Handel den teilnehmenden und daher privilegierten Gruppen Einkommenssteigerungen ermöglichen. Auch weitere positive Auswirkungen sind denkbar - allerdings ist Skepsis angebracht. Im Folgenden werden vier Punkte aufgegriffen, die 2010 in einer Broschüre des FFH (http://www.forum-fairer-handel.de/#1, direkter Link zum Download leider nicht möglich) veröffentlicht wurden:
1.: Qualitätsverbesserungen in der Produktion (...) erleichtern den Zugang zu lokalen, nationalen und internationalen Märkten.
2.: Verlässliche, faire Preise (...) sichern die Arbeitsplätze von abhängig Beschäftigten. Durch den Aufbau von Verarbeitungskapazitäten auf dem Land erhöhen die KleinproduzentInnen ihren Anteil an der Wertschöpfung.
Dies sind eigentlich Aufgaben staatlicher Handels-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpoltik. Natürlich spielt Privatinitiative im Wirtschaftsleben immer eine bedeutende Rolle. Unbestritten ist auch, dass die vertikale Integration von Landwirtschaft und (proto)industrieller Produktion - vulgo die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte - die Wertschöpfung steigert und ein wichtiger Anstoß zur Industrialisierung sein kann. Aber ohne den staatlichen Schutz bestimmter strategisch bedeutender Wirtschaftszweige vor überlegener Konkurrenz, sind die oben beschriebenen Effekte nicht zu erzielen. Der faire Handel erreicht diesen Schutz zwar teilweise über erhöhte Preise, kann aber staatliche Regulierung nicht ersetzen.

Zudem setzt der faire Handel mit der überwiegenden Förderung agrarischer Erzeugnisse Prioritäten, die etwaigen öffentlichen Planungsstellen - und den Betroffenen - auf den zweiten Blick vielleicht garnicht zweckmäßig erscheinen. Auch bleibt die Frage, ob die vom Fairen Handel bevorzugte kleinbäuerlich-handwerkliche Struktur der Erzeugergruppen nicht eher westlichen Idealvorstellungen geschuldet sind als den wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten vor Ort. (Um besser zu verstehen, was damit gemeint ist, hilft ein Blick auf die Machart der in diesem Posting verlinkten Grafiken.)

Mit dem nächsten Punkt der Aufzählung verhält es sich ähnlich. Unter günstigen Bedingungen kann der Faire Handel auch folgende Wirkung haben:
3.: Die zusätzlich gezahlte Fair-Handels-Prämie wird häufig in Gesundheitsstationen und Bildungseinrichtungen investiert (...). (...) Verbesserungen der Infrastruktur, wie zum Beispiel Elektrifizierung oder Wasserversorgung sowie (...) Umweltschutz kommen (...) der gesamten Gemeinde zugute.
Doch gehören die Bereiche Bildung, Gesundheit und Infrastruktur eindeutig zu den originär staatlichen Aufgaben und können im Windschatten privater Initiative nicht nachhaltig sein. Auch Wasserversorgung und Umweltschutz sind Politikziele, die ohne starke öffentliche Komponente nicht zu verwirklichen sind. Allenfalls Elektrifizierung (und Kommunikationsinfrastruktur) sind Branchen, in denen öffentliches Engagement verzichtbar ist.

Und auch beim letzten Punkt darf bezweifelt werden, ob Überschüsse, die in subventionierten Marktnischen erzielt werden, eine geeignete Förderstruktur darstellen. Eigentlich scheinen dafür solidarische Organisationsformen wie etwa Gewerkschaften geeigneter:
4.: Qualifizierungsmaßnahmen sowie Organisationsentwicklung stärken das Selbstbewusstsein der Individuen sowie die Verhandlungsmacht ihrer Organisationen. (...)
Im Zweifel können sich die Erzeuger zu Erreichung dieses Ziels in Genossenschaften zusammenschließen. Aber dann ist es in erster Linie die Genossenschaft, die die Verhandlungsmacht der Einzelnen stärkt. Und wenn eine solche Organisation stark genug ist, wird sie immer versuchen, sich aus der Abhängigkeit von Marktnischen zu lösen.

Der Faire Handel soll hier nicht verurteilt werden. Auch wird keinesfalls bestritten, dass die oben aufgezählten positiven Auswirkungen des Fairen Handels möglich sind. Insbesondere als Starthilfe in die wirtschaftliche Unabhängigkeit scheint der Faire Handel ein interessantes Instrument zu sein (Punkt 1.). MediaWatch ist jedoch der Meinung dass der Faire Handel  - wie der Markt insgesamt - nicht geeignet ist, gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Das gilt auch mit Blick darauf, dass der Absatz fair gehandelter Waren immer vom guten Willen (oder dem schlechten Gewissen) einer finanziell solide ausgestatteten Mittelschicht in den Industrieländern abhängig bleiben wird.

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