Sonntag, 27. September 2009

Bringt mir den Kopf von Hugo Chavez

Es kann ein Wunschtraum kolumbianischer Paramilitärs sein - viel wahrscheinlicher aber ist, dass wir die folgende Meldung sehr ernst nehmen müssen:
Der venezolanische Oppositionsführer hat offensichtlich ein Kopfgeld in Höhe von 25 Mio. US-Dollar auf Hugo Chavez ausgesetzt. Mit dieser Meldung wartet Telepolis auf.

Die Meldung geht auf eine Story von Al Jazeera zurück: Die Kollegen hatten kolumbianische Kopfgeldjäger zu dem Thema interviewt.

Hier noch die Google-Nachrichtenlage in deutscher und englischer Sprache. Es ist immer wieder erschreckend zu sehen, wie sich vor allem US-amerikanische Printmedien nicht scheuen, mit Unwahrheiten und Verunglimpfungen zu manipulieren.

Freitag, 25. September 2009

Boni und IWF-Stimmrechte: Pittsburgh-Nachlese

Pittsburgh - Ikone der einstigen Industrialisierung der USA, Stadt des Stahls und der Steinkohle - also eigentlich ein guter Ort, um ein G20 Treffen abzuhalten. Die deutsche Partnerstadt von Pittsburgh ist - recht treffend gewählt - Dortmund. Deshalb als Aufmacher hier die "Pittsburgh-Erklärung der Global Unions". Die Gewerkschafter erwarten, dass die Zahl der "arbeitenden Armen", deren Lohn nicht zum Leben reicht, weltweit auf 1,4 Milliarden steigt. Die Regierungsvertreter werden davon allerdings wohl nur wenig mitkriegen:

Hier nun eine Auswahl von Pressestimmen zum Gipfel:

Finanzmärkte
"Als letzte Chance, eine durchgreifende Regulierung der Finanzmärkte zu beschließen", betrachtet der Freitag den G20-Gipfel. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sieht das in der New York Times genau so: "Reform or Bust" lautet seine Einschätzung.
Den Hinweis, dass die Begrenzung der Boni ein "Nebenkriegsschauplatz allererster Güte" ist, kann man im ZEIT-Blog Herdentrieb finden. "Die Schwächen der Agenda von Pittsburgh" zählen (ebenfalls in der Zeit) Rainer Falk und Barbara auf.
Im Ergebnis werden die Schwellenländer aber immerhin mehr 5 Prozent mehr Mitspracherechte beim IWF erhalten.

Klimapolitik
War da was?

Entwicklungspoltik
"Arme haben in Pittsburgh keine Stimme", ist sich das Neue Deutschland sicher. Epo.de hat unter dem Titel "Die falsche Agenda" die wichtigsten Kritikpunkte deutscher Nichtregierungsorganisationen am aktuellen G20-Treffen zusammengestellt (2).

Proteste
Ein Vorab-Bericht von N24 der zur Hälfte aus Archivmaterial über die "Battle of Seattle" besteht. Über Auseinandersetzungen zwischen Militanten und der Polizei berichtete Glenn Brigaldino schon im vorletzten Blogeintrag. Die Stimmen der deutschen Online-Presse sind hier und die Attac-G20-Website ist hier zu finden..


Zu hohe Erwartungen dämpfte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua bereits im Vorfeld. Sie meint, dass schon die Bereitschaft zur Zusammenarbeit das wichtige politische Signal von Pittsburgh sei.
Ähnlicher Meinung ist auch die WoZ, aber sie zieht daraus eine andere Konsequenz: Lasst lieber mal die UNO ran, schlägt sie vor.

Fundstücke XXVI


Die Opfer der Giftmüllkatastrophe vor drei Jahren in der Elfenbeinküste sollen jetzt entschädigt werden.

Syrien beschuldigt Israel, Atommüll in den Golanhöhen einzulagern. Al-Ahram Weekly weiß mehr.

Vielen mag die Beschreibung "ziemlich gerissener Diplomat ohne offiziellen Auftrag" für den Dalai Lama in den Fundstücken XXIV als zu hart gewählt erschienen sein. Diese Menschen seien darauf hingewiesen, dass der Mann jetzt gezielt jenen Teil Nordindiens besucht, um den ein Grenzstreit mit China anhängig ist. Die Story ist wieder in der Asia Times zu finden.

Wer sich über die HIV/Aids-"Impfung" informieren will, die dieser Tage für Schlagzeilen sorgte, ist wahrscheinlich am besten mit diesem Bericht aus dem New Scientist bedient. Übrigens haben aufgrund der Finanzkrise viele Geber ihre Hilfsleistungen für die Bekämpfung von HIV/Aids gekürzt, warnt Spiegel Online. Und meldet außerdem: In "Schwarzafrika" ließen sich die Leben vieler Mütter retten, wenn die Medikamente billiger wären.

Um sich Weltmarktanteile zu sichern, treibt die EU ihre (nicht "konkurrenzfähigen") Milchbauern in den Ruin. Davon ist die WoZ überzeugt.

Die taz hat das BMZ kritisiert "Das Marionetten-Ministerium" und anschließend eine Replik von Heidemarie Wieczorek-Zeul "Ja, es besteht Reformbedarf" veröffentlicht.

In Honduras nimmt die Repression der Putschisten nach der heimlichen Rückkehr des amtierenden Präsidenten zu. Dass dabei auch hochmoderne nicht-letale Waffen zur Aufstandsbekämpfung eingesetzt werden, ist ein neuer Aspekt, den Telepolis ausgegraben hat.

Nicht wirklich zum Schmunzeln: Der irische Independent meint "We can't abandon Africa to cannibalism and genocide." Mediawatchblog meint, dass wronging rights diesen Lapsus zu Recht zur Schlagzeile der Woche erkoren hat.

"NO BAILOUT NO CAPITALISM": Greetings from Pittsburgh

AP reports:
PITTSBURGH - Police threw canisters of pepper spray and smoke at marchers protesting the Group of 20 summit Thursday after anarchists responded to calls to disperse by rolling trash bins and throwing rocks. The march turned chaotic at just about the same time that President Barack Obama and first lady Michelle Obama arrived for a meeting with leaders of the world's major economies. (see: http://ca.news.yahoo.com/s/capress/090924/world/g20_summit_protests)
Finally some news worth reporting on yahoo! (reposted, of course as real journalism is only a cost factor for so-called ‘content providers”).

Dienstag, 22. September 2009

Wenn Tierliebe zu weit geht

Während sich Hirtennomaden Feuergefechte um die schwindenden Rinderherden liefern, stellt die FTD erschreckt fest, dass die Dürre auch ein "Dramatisches Sterben in Kenias Naturparks" auslöst. Aber zum Glück gibt es ja Wildhüter, die zufüttern und "versuchen, das Schlimmste zu verhindern".

Das Ergebnis der Suche bei Google News war niederschmetternd: Neben der ARD hat nur der Newsticker.de eine Meldung gebracht, die auf die jüngsten menschlichen Opfer der katastrophalen Dürre abzielt.

Epo.de
und Finanznachrichten.de kolportieren eine Pressemitteilung der Deutschen Welthungerhilfe (mit Spendenaufruf) zu dem Problem.

Alle anderen Meldungen machen Schlagzeilen mit toten Tieren, die auf eine Serie von Pressemitteilungen des WWF zurück gehen.

Freitag, 18. September 2009

Klima des Protektionismus

Frankreich und Deutschland wollen Strafzölle verhängen, wenn China und Indien bei den Klimaverhandlungen nicht so mitspielen, wie man das gerne hätte. Ist das die neue Klimagerechtigkeit oder nur ein willkommener Anlass für eine neue Runde Protektionismus? Immerhin erfahren wir so, wie die Industrieländer wohl Druck auf die Schwellenländer machen werden,wenn die Verhandlungen um den Kyoto-Folgevertrag in Kopenhagen beginnen.

Spiegel Online stellt Sarkozy als den Hauptverantwortlichen dar und weist darauf hin, dass Deutschland solche Maßnahmen bisher strikt abgelehnt habe. Leider enthalten uns die Kollegen vor, was den Sinneswandel der Bundesregierung so kurz vor der Bundestagswahl herbeigeführt hat und wer dafür verantwortlich zeichnet.

Offensichtlich kommt die neue Linie aber nicht aus heiterem Himmel. Die Neue Zürcher schreibt:
Deutschland und Frankreich wollen nach den Worten Sarkozys in einigen Tagen eine Initiative für einen solchen Klimazoll vorlegen. «Deutschland und Frankreich werden fordern, einen Mechanismus an den Grenzen Europas einzurichten für den Fall, dass es keine Einigung in Kopenhagen gibt», betonte Sarkozy

Fundstücke XXV

Nigeria will den Niger regulieren, damit der riesige Fluss im Unterlauf besser schiffbar wird. Das Projekt soll mit weniger als 250 Mio. US-Dollar auskommen. Es betrifft die letzten rund 570 km Flusslauf von Baro bis Warri. Die BBC weiß genaueres.

In Somalia ist die humanitäre Hilfe fast völlig eingestellt worden, meldet die WoZ. Damit ist der "Krieg gegen den Terror" zumindest in dem ostafrikanischen Land auf der Nulllinie angekommen.

Sturmwolken über Sudan macht die ägyptische Al-Ahram Weekly aus. Dann bietet die Zeitung noch einen kommentierenden Bericht über die Reise des israelischen Außenministers nach Afrika. Das (lt.Google) einzige deutschsprachige Informationsangebot zu der diplomatischen Mission (2) kam von Israelnetz.com.

Während die Unruhen in Uganda in deutscher Sprache kolportiert wurden (2), muss man bei den mindestens zehn Toten im Norden von Kenia nach einer blutigen Auseinandersetzung um Vieh auf englischsprachige Quellen zurückgreifen. Fraglich ist, ob es sich hier um Opfer des Klimawandels handelt - in der Region herrscht eine schwerste Dürre.

Auch die Tehran Times sorgt sich um den Klimawandel. Der Artikel bietet eine interessante Liste von Klimaanomalien im Nahen und Mittleren Osten.

Neue Gespräche der fünf Staaten im Sicherheitsrat und Deutschland (5+1) mit dem Iran sind ab 1. Oktober anberaumt. Hier die Google-Auswahl in deutsch und in englisch, (2), (3) und die Meldungen der Tehran Times (2) sowie in Aljazeera.

Die UN hat mittlerweile ihren Bericht über den Gaza-Krieg Israels von Anfang des Jahres veröffentlicht und wirft Israel - und der Hamas - darin Verletzungen des Völkerrechts vor. Hier die Google-Auswahl zum Thema, aus der auch hervorgeht, dass Israel eine Klage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag fürchtet.

Ok, jetzt ist es also amtlich: Massive Wahlfälschung in Afghanistan. Politische Konsequenz: Mehr deutsche Soldaten nach der Bundestagswahl (2)? Angeblich kümmert es ja eh keinen. Wirklich? Dem Freitag ist das Thema "Abzug aus Afghanistan bis 2011" eine LeserInnendebatte wert.

Indiens Wasserkrise, die (wie den Mediawatchblog-LeserInnen bekannt ist) durch einen unzureichenden Monsun verschärft wird, beschäftigt den Economist.

Chiles Ministerpräsidentin Michele Bachelet will das "Kupfergesetz" abschaffen, das den chilenischen Steitkräften seit der Pinochet-Diktatur 10 Prozent der Einkünfte aus dem Kupferbergbau sichert.

Venezuela rüstet wegen der us-amerikanischen Militärpräsenz in Kolumbien auf. Telepolis hat die Story.

Duncan Green hat interessante Anmerkungen zur Reform der Entwicklungszusammenarbeit der USA in's Netz gestellt.

Dienstag, 15. September 2009

Klammheimlich beerdigt

Außer epo.de haben im deutschen Sprachraum laut Google News nur noch Welt Online und Jesus.de den Hinweis im Trade and Development Report 2009 der UN-Konferenzz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) aufgegriffen wonach die UN-Milleniumsziele mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verfehlt werden.

Auch in englischer Sprache ist die Google-Ausbeute extrem mager. Was aber wichtiger ist: Fast nur die großen Blätter aus Entwicklungsländern berichten. Und auch diese heben die Wirtschaftsprognosen für ihr Heimatland in den Vordergrund. Die westlichen Internet-Medien - auch die Nachrichtenagenturen - schweigen.

Eigentlich hat die internationale Gemeinschaft ja noch fünf Jahre Zeit, die im September 2000 beschlossenen UN-Millenniums-Entwicklungsziele zu erreichen. Doch scheint sich langsam der Frust darüber breit zu machen, dass die Finanzkrise und mangelndes Wirtschaftswachstum den - gar nicht so hoch gesteckten - Zielen bereits jetzt den Garaus bereiten.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeitselbst verschweigt diesen Hinweis von UNCTAD glatt. Und das obwohl die Umsetzung der acht Ziele zum Kern der BMZ-Politik der letzten Jahre gehörten.

Also wird die ganze Angelegenheit wohl bald klammheimlich beerdigt.

Montag, 14. September 2009

Leider wohl keine Räuberpistole

Es klänge wie eine Räuberpistole, wenn die Details nicht so verdammt gut zusammenpassen würden: Bereits vor einigen Wochen fiel der Spiegelfechter mit berechtigten Zweifeln an den widersprüchlichen offiziellen Darstellungen zur angeblichen Entführung der Artic Sea bis vor die Kapverdischen Inseln positiv auf.

Nun, nach Netanjahus Blitzbesuch in Moskau wird ein Schuh draus, behaupten verschiedene Blätter (FAZ, FTD, Asia Times). Angeblich soll der israelische Geheimdienst Mossad verhindert haben, dass Russland ein Raketenabwehrsystem an den Iran liefert. Und Netanjahu musste den Russen am 7. September die Aktion jetzt wohl erläutern. Bestimmt hat er seinen gesprächspartnern auch an's Herz gelegt, eine derartige Aufrüstung an ihrer südwestlichen Flanke in Zukunft zu unterbinden. Moskau hat natürlich dementiert.

Warum sich der Mediawatchblog um derlei Latrinengerüchte kümmert? Nun, wenn die Geschichte stimmt, wäre sie ein untrügliches Indiz dafür, dass "Israel die militärische Option nicht aufgegeben hat" wie die FAZ nur allzu treffend bemerkt. Das Blatt meldet zudem, dass der Deal über die S-300 (NATO-Bezeichnung SA-12 Gladiator/Giant) schon 2006 abgeschlossen wurde. Hier noch der Nachrichtenüberblick.

Zuzutrauen ist es den Spezialisten vom Mossad durchaus. Der Dienst hat sich im Lauf der Jahrzehnte durch eine Reihe spektakulärer Aktionen einen besonderen Nimbus erarbeitet.

Freitag, 11. September 2009

3wwww2


Erfreulich ist, dass der Kollege Karl Rössel derzeit so viel Aufmerksamkeit für die Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" erhält. Diese wurde genau 70 Jahre nach Kriegsbeginn am 1.9.2009 in Berlin-Neukölln eröffnet.

Dass es Leute gibt, die Schwierigkeiten mit dem differenzierten und widersprüchlichen Bild haben, das bei einem solch umfassenden Ansatz der historischen Betrachtung wie dem Rössels entsteht, ist nur natürlich. Traurig ist aber, dass die Ausstellung in den Wedding umziehen musste, damit sie komlett gezeigt werden kann.

Tafeln, die zeigen dass Menschen aus der Dritten Welt mit den Nazis kollaboriert haben, wollten die Macher in Neukölln dem Publikum nicht zumuten. Oder sie glaubten, es nicht zu können, weil sie sie mit dem Opfern des Faschismus und mit den farbigen Befreiern gleichgestellt sahen. Bestimmt sind ihre Absichten sehr ehrenvoll. Doch eines sollten sie wissen: Mit der Zensur ist es wie mit Sch.... - wenn es nach Zensur riecht, wie Zensur aussieht und sich wie Zensur anfühlt, ist es auch welche.

Solche Fehlleistungen bieten immer denen eine Steilvorlage, die völlig andere Ziele verfolgen: Welt Online hat es geschafft, eine Schilderung der Auseinandersetzung um die Ausstellung zu veröffentlichen, in der
  1. verschwiegen wird, wer all die Fakten zusammengetragen hat und was die Ausstellung eigentlich soll.
  2. der Autor - und das wiegt schwerer - sich außerdem erneut an dem millionenfachen Leid der Betroffenen vergeht. Denn er schüttet Häme über den Zensur-Diskurs aus, anstatt der Opfer - und Befreier - ehrend zu gedenken.
Wesentliche zusätzliche Fakten zum Streit um die Austellung enthält ein Bericht im Tagesspiegel. Es lohnt sich auch, in die derzeit fast 90 Kommentare reinzuschauen, die hierzu von den LeserInnen eingestellt wurden. Ein Interview mit Karl Rössel zur Frage der Kollaboration von Menschen aus der Dritten Welt mit den Nazis bietet der Freitag.
epo.de hatte bereits vorab von der Ausstellungseröffnung berichtet.

P.S.: Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich selbst übrigens eine Buchbesprechung zum Reader 3www2 verfasst, die bei epo.de erschienen ist. Diese als Unterrichtsmaterialien konzipierte Materialsammlung bietet das Rheinische JournalistInnenbüro auch als PDF zum Download an.

Mittwoch, 9. September 2009

Die Katastrophe von Kundus


Eine schöne Zusammenfassung dessen, was in der aktuellen deutschen Debatte über den Krieg in Afghanistan alles so aus dem Ruder läuft, bieten die Nachdenkseiten.

Vergessen haben die KollegInnen eine begleitende Dolchstoßlegende, die vom Bundeswehrverband verbreitet wurde. So nach dem Motto: 'Die Kritik der NATO ist eine "Retourkutsche" (2), weil bisher wir die Verbündeten immer so viel kritisiert haben'.

Und dann ist es ein fataler Irrtum, zu glauben, die Bundesregierung sei "kopflos" in den Afghanistan-Krieg gestolpert. Ex-Außenminister Joseph Fischer hat das Land systematisch an seine neue Rolle als 'Mittelmacht' herangeführt. Dieses Kind eines mit Menschenrechten verbrämten Machiavellismus vergammelt nun im Brunnen, und wir werden das so vergiftete Wasser noch auf unabsehbare Zeit trinken. Im Laufe der Jahre wird das aber vergessen werden. Es hört sich ja jetzt schon fast ganz natürlich an, wenn der amtierende Außenminister Frank Walter Steinmeier daran erinnert, dass „das Nein zu Irak und das Ja zu Afghanistan zusammengehören“. Na klar: Man kauft sich von dem einem Einsatz mit einem anderen frei - tolle Logik.

Der letzte Irrtum der Nachdenkseiten ist, zu glauben, ein Abzug der Truppen von dort (oder von irgendwo anders) sei "nicht einfach". Oh doch er ist es: Man muss es einfach tun. Und zwar möglichst, bevor einen der Gegner dazu nötigt. Denn sonst ist der "Gesichtsverlust" (2) (auch so eine Nebelkerze) so sicher wie der Morgenruf des Muezzin.

Der Wähler wird die Bundesregierung übrigens nicht dazu zwingen. Das merkt man auch daran, dass die ganze Debatte den Grünen nicht schadet. Ebenso wie die Atomkraft ist dieser Krieg in Deutschland nicht wahlentscheidend - sonst würde er nicht geführt. Vielleicht hilft die Katastrophe von Kundus aber, der Linken grad so viele Stimmen zu verschaffen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder mit der SPD koalieren 'muss'.

Wahrscheinlich der wichtigste Aspekt aus den Nachdenkseiten:
Zentrale Fragen und Antworten werden verschwiegen: Ist unser Land und unser Leben durch das militärische Engagement am Hindukusch sicherer geworden?
Die Antwort lautet eindeutig nein. Mit jeder Woche Krieg wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass es auch hierzulande zu Anschlägen kommt. Das gilt insbesondere dann, wenn noch mehr solcher schrecklicher Fehlleistungen folgen sollten.

Es ist dennoch leider nicht abzusehen, dass einer der verantwortlichen PolitikerInnen in Deutschland einmal klar benennt, welche politischen - oder auch wirtschaftlichen (!?) - Nachteile die Bundesrepublik wirklich zu bewältigen hätte, wenn der Abzug tatsächlich Weihnachten abgeschlossen wäre.

Im Übrigen kann man bei Spiegel Online schon nachlesen, wer wahrscheinlich das erste Bauernopfer werden wird.

Weitere Hinweise zur aktuellen Debatte auch in diesem Kommentar zum Blog-Eintrag "Keine wirklich neuen "Trends"".

Fundstücke XXIV

Bemaltes Haus bei Bolgatanga, NordghanaIndien geht brasilianische Wege mit der Weigerung, ein Patent für das anti-HIV/Aids (antiretrovirale, ARV) Medikament Tenofovir zu erteilen. Über den Erfolg von SEWA, einer riesigen indischen Frauen-NRO, freut sich die WoZ.

Öffentlich mucken, heimlich ducken: Die EU will ein Assoziierungsabkommen mit Honduras verhandeln und der IWF einen Millionenkredit an die Putschisten auszahlen. Mehr bei Telepolis. Im November wird dort gewählt und dann Schwamm drüber. Aber was in Honduras einen Putsch ausgelöst hat (nämlich Bemühungen des amtierenden Präsidenten um eine dritte Amtszeit) wird in Kolumbien mehr oder minder ungestört über die Bühne gehen - auch wenn unter anderen der Freitag das nicht so richtig gut findet.

Eine interessante Form der Online-Vermarktung natürlicher Ressourcen hat sich die Uganda Wildlife Authority ausgedacht: friend a gorilla.org. Der East African berichtet.

China legt zum ersten Mal Bonds in Renminbi auf. Die FTD wertet das als Angriff auf den US-Dollar.
Die Asia Times klärt darüber auf, dass China eine neue Journalistenschule gegründet hat - nicht zuletzt, um das geringe Ansehen des chinesischen Journalismus zu verbessern.
Was in Deutschland unmöglich erscheint, gelingt der Asia Times: Die Beschreibung des Dalai Lama als ziemlich gerissenen Diplomaten ohne offiziellen Auftrag. "Dalia Lama tests Taiwan-China ties". Auch der Economist hat sich des Themas angenommen.

Die aktuelle New York Review of Books enhält einen Hintergrund über den Krieg in der DR Kongo, der drei Buchbesprechnungen zum Thema einschließt.

In einem Kommentar in der Zeit gibt Dirk Messner einen Überblick über die kommenden Herausforderungen in der Entwicklungspolitik.
Und ebenfalls in der Zeit - allerdings unter der Rubrik Studium - findet sich einer der seltenen Projektberichte. Im Zentrum des Beitrags stehen jedoch zwei Deutsche - angehende Wasserbauingenieure. Hier noch der Link, der im Online-Angebot der Zeit fehlt: Die Projektbeschreibung (Grundwasserstaudamm in Äthiopien) von Ingenieure ohne Grenzen.

Sonntag, 6. September 2009

Keine wirklich "neuen Trends"

"Der Krieg gegen den Terror setzt neue Medientrends" titelt die pakistanische Dawn. Was für "Trends" gemeint sind, wird im Verlauf des Beitrags deutlich. Geld- und Sensationslust seien die treibenden Kräfte der Berichterstattung geworden:

Monetary benefits and sensationalism have become dominated factors in journalism during the last few years which have largely affected accuracy of news. Stories are created for monetary benefits. (...)
Attribution of quotes in stories related with war on terror to so-called unnamed intelligence and official sources is another phenomenon in media. Deepening nexus between militants and journalists has affected quality of reporting.
Der immer wiederkehrende Vorwurf: Auch, wenn es sich nicht um ausgemachte Lügen- oder Ammenmärchen handelt, werden Nachrichten ungeprüft verbreitet und erst recht nicht kritisch hinterfragt. Und dann kommen Beispiele:
  • die Tötung von Baitullah, dessen Vorname offensichtlich nicht einmal bekannt ist,
  • die Rolle, die die "Bergfestung Tora Bora" im Verlauf des Krieges in Afghanistan gespielt hat (genau - warum hört man davon eigentlich nix mehr?)
  • aber auch die Erfolgsmeldungen aus Nordwest-Pakistan ("40 militants killed"; es lohnt sich den Widersprüchen in den Meldungen nachzugehen).
Wer nun aber glaubt, hier schlage jemand nur wohlfeil auf westliche Medien drein wird eines Besseren belehrt. Vorwürfe werden ausdrücklich auch gegen pakistanische Kollegen erhoben:
For instance of total 250 members of the Peshawar Press Club hardly two or three journalists have know-how about commerce and economic reporting. Only five or six reporters know court reporting while few journalists may have understanding about parliamentary reporting. But every third journalist has full command and authority on terrorism and militancy. Situation at district and tribal agencies level is more alarming.
Unter solchen Umständen ist es selbst für einen sprachkundigen Kollegen, der nicht eingebettet ist, sehr schwer Fakten zu recherchieren. Wohl auch deshalb sind die wichtigen Dinge kaum bekannt- vor allem nicht, wie viele zivile Opfer der Krieg in Afghanistan (2) und der Feldzug in den nordwestlichen Grenzprovinzen in Pakistan wirklich gefordert haben und fordern. Insbesondere das fast vollständige Fehlen jedweder Schätzungen im Falle des Swat-Tales ist auffällig (1) (2) (aktuelle Lage) . Für den Krieg mit US-Drohnen (1) an der pakistanisch-afghanischen Grenze liegt mittlerweile eine Schätzung von 700 zivilen Opfern vor (2).

Donnerstag, 3. September 2009

Togo reloaded


So einfach ist das eben doch nicht immer, sich wählen zu lassen. Nachdem die Wahlkommission in Gabun den Ali Bongo Ondimba, den Sohn des langjährigen Diktators Omar Bongo Ondimba zum Wahlsieger erklärt hatte kam es in der Hauptstadt Libreville und in Port-Gentil, der zweitgrößten Stadt des Landes zu Ausschreitungen. Ähnlich wie vor nicht allzu langer Zeit in Togo soll hier die Nachfolge eigentlich aber wohl rasch und unauffällig geklärt werden.

"Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" titelt die Neue Zürcher ganz locker und weist darauf hin, dass "selbst die zurückhaltenden Wahlbeobachter der Afrikanischen Union zweifeln", dass Ali Bongo Ondimba die Wahl fair gewonnen hat. Doch dann geht es lediglich mit Hinweisen auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung weiter. Auch in dem zweiten Beitrag in der NZZ wird trotz des Untertitels "Ausschreitungen mit antifranzösischer Stoßrichtung" nicht deutlich, warum die Demonstranten das "französische Konsulat anzünden" wie Focus online erschreckt meldet.

Einzig die Tatsache, dass der französische Aussenminister Kouchner mit dem Wahlsieger aber auch mit den zweit- und drittplatzierten Kandidaten telefonierte enthält einen schwachen Hinweis. Denn anschließend geruhte Kouchner der Weltöffentlichkeit mitzuteilen "die Lage werde sich beruhigen, «wie das in Gabon üblich» sei" (NZZ). es ist also davon auszugehen, dass Frankreich die Neuaufteilung der afrikansichen Anteile der Beute vermittelt hat. Dieser Dienst wird sicher nicht uneigennützig geleistet. Das Auswärtige Amt dazu:
Wirtschaftspolitisch werden französische Interessen durch die Erdölförderung, die Manganerzproduktion und den Abbau tropischer Hölzer durch alteingesessene französische Unternehmen abgesichert, flankiert von französischen Beratern in der Administration (...)
Die taz lobt die Wahl gar als "die erste wirklich pluralistische" in der Geschichte Gabuns, liefert aber auch keine Erklärung für die "massiven Proteste". Wesentlich cooler bleibt die Tagesschau des Schweitzer Fernsehens ("Gabun bleibt Bongoland") und kolportiert die Reaktionen der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten. Die Google-Ausbeute der 36 deutschen News zu den Vorgängen hier.

"French citizens to be protected" verspricht news 24 - eine nicht unwichtige Mitteilung, denn weiter unten in Text erfahren wir, dass etwa 10.000 französische StaatsbürgerInnen in dem zentralfrikanischen Staat leben. news 24 ergänzt freundlicherweise noch:
"Many in Gabon suspect France of secretly supporting Ali Bongo, the 50-year-old son of late president Omar Bongo Ondimba".
Aljazeera weist noch darauf hin, dass die Demonstranten Hunderte Gefangene befreit haben. Abschließend meint der Sender:
Observers and financial markets have played down the risk of major instability (...) Gabon hosts oil firms including France's Total and US-based Vaalco, and is one of the few sub-Saharan countries to have launched a the international bond Eurobond. Analysts say Ali Bongo now faces the challenge of diversifying the economy to replace revenue from Gabon's dwindling oil reserves.
Konfliktstoff gibt es also genug. Hier der Vollständigkeit halber noch der Google-Link auf die englischsprachigen Meldungen.

Fundstücke XXIII

Über die Aufstockung der IWF-Mittel um voraussichtlich 175 Mrd.Euro durch die EU und das nächste G20 Finanzministertreffen berichtet die FAZ.

Dazu passt, dass die Baustellen der Globalisierung einerseits feststellen, dass der Globale UN-Wirtschaftsrat wohl kommen wird, die damit erhofften Innovationen auf dem Weg durch die Instanzen aber offensichtlich verloren gegangen sind. Zudem hat Rainer Falk eine aktuelle Studie über Luxemburg als Beitrag zur Debatte über Steueroasen erstellt.

Angola - ein "failed state" aber dennoch erfolgreich? Interessante Untersuchung der angolanischen politischen Ökonomie von der Foundation for International Relations and Foreign Dialogue (FRIDE). Hat tip geht an das Global Policy Forum.

Eine wirklich gute Nachricht ist im Neuen Deutschland zu finden: In Indien sind dieses Jahr erstmals seit Einführung der Registrierungspflicht in 1969 mehr neu geborene Mädchen als Jungen erfasst worden.

Eine Reportage über die Situation einer Familie in Gaza bringt Spiegel Online.

20 Jahre Knast für J.S. Tissainayagam. Der Kollege aus Sri Lanka hatte geschrieben, die Regierung "versorge Regionen mit überwiegend tamilischer Mehrheit nicht ausreichend mit Lebensmitteln" (Spiegel Online). Weltweite Proteste gegen das Urteil macht die junge welt aus.

Und noch eine gute Nachricht: In Santiago de Chile wurden jetzt 129 Haftbefehle gegen ehemalige Sicherheitskräfte von Diktator Pinochet ausgestellt. Die Meldungen in englischer und in deutscher Sprache.

Über "Human cost of mining in DR Congo" kann man bei der BBC einen längeren Hintergrund nachlesen.

Einen besonderen Fall von saisonaler Arbeitsmigration zwischenThailand und Schweden hat die WoZ ausfindig gemacht.

Wer sich auch schon immer gewundert hat, warum die KollegInnen gerne in einer Form berichten, die an Sportreportagen gemahnt, kann die Antwort kurz und knapp bei Paul Krugman nachlesen.

forceindiaDie Inder haben Humor - und sie haben ein Force India F 1 Team:
"From the moment this country zoomed on
we've seen
every obstacle, competitor and conflict


disappear in the rear view....

Join the force"
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2e/Net_migration_rate_world.PNG