Donnerstag, 30. Juli 2009

Für eine Handvoll Dollar


Die künftige Bedeutung der Autonomen Region Kurdistan im Irak für die politische Stabilität weiter Teile des Mittleren Ostens und die Ölpreise weltweit ist kaum zu überschätzen. Gemessen daran sind die etwa 200 Treffer, die G-News im deutschsprachigen Raum zu den Wahlen vom 25. Juli 2009 liefert eher mager zu nennen. Man freut sich über die hohe Wahlbeteiligung und sieht die Minderheiten gestärkt (1), (2). Präsident Massud Barsani wurde allerdings erwartungsgemäß wiedergewählt .

Für viele weitere wichtige Entwicklungen, muss man englischsprachige Quellen bemühen. So etwa, wenn man etwas über die Sorgen der türkischen Regierung in diesem Zusammenhang erfahren will. In deutscher Sprache wird das Problem hauptsächlich als eines zwischen Ankara und der PKK behandelt. (Rühmliche Ausnahme wieder einmal der Standard.)

Während die US-Regierung erwägt, ihren Truppenabzug zu beschleunigen, ist längerfristig zu befürchten, dass der Fluch des schwarzen Goldes eine albtraumartige Situation heraufbeschwört: bürgerkriegsähnliche Zustände und offene Konflikte zwischen der Ölförderregion und der Zentralregierung um die Öleinnahmen und die militärische Kontrolle über die Ölfelder. Bei nur zwei US-Dollar Förderkosten pro Barrel Öl zu heutigen Preisen dürfte die Gier kaum zu zügeln sein.

Die unterschiedliche ethnische und religiöse Zuordnung der Einwohner von Erbil und Bagdad (und Basra) gäbe dann die entscheidende explosive Zutat zu einem Konflikt, der etwa dem im Sudan durchaus einmal vergleichbar werden könnte. Da ist es ein schwacher Trost, dass es unter Hussein auch nicht besser war.

Neue Probleme für Abuja

Nachdem sich die Nebel etwas gelichtet haben, kann man tatsächlich davon ausgehen, dass die Regierung in Abuja, Nigeria es ab sofort mit einem neuen, offensichtlich vergleichsweise gut organisierten und militanten Gegner im Norden des Landes zu tun hat.

Dass Militär und Polizei so hart gegen die Aufständischen vorgegangen sind, ist insofern eine bedeutsame Tatsache, als dass die Sicherheitskräfte in Nigeria traditionell von Muslimen und Offizieren aus dem Norden des Landes dominiert werden. Hier spielt sicher eine Rolle, dass die Islamisten Polizeistationen angegriffen haben.

Der nigerianische Präsident, Umaru Yar'adua, gab sich indessen als Herr der Lage und reiste wie geplant zu einem Staatsbesuch nach Brasilien ab. NEXT legt das in einer Analyse als Führungsschwäche aus. Viele wichtige Details finden sich in den Berichten des Daily Trust.

Montag, 27. Juli 2009

Fundstücke XVIII

Zensur, politische Morde, willkürliche Verhaftungen, Repression. Die Putschisten haben ihre Chance weidlich genutzt, Politikansätze zugunsten der Armen in Honduras mit Gewalt und dauerhaft unmöglich zu machen. Leider erfahren wir Deutschland nur aus linksgerichteten Medien (amerika 21, ND, junge welt) etwas mehr darüber. Der Mainstream beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den - verständlicherweise ziemlich hilflos wirkenden - Bemühungen des gestürzten Päsidenten Zelaya, sein Amt zurückzuerlangen (typisch etwa Spiegel online, deutlich besser die SZ).

Der Freitag vertritt die Ansicht, dass die Diskussion um einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan Wahlkampfthema werden müsse. Die britische Regierung wird vom Economist aufgefordert, den Krieg in dem südasiatischen Land "mit Überzeugung" zu führen "anstatt das Problem wegzuwünschen".

Der Import nach und die Herstellung von Waffen in Simbabwe ist trotz Embargos keineswegs zum Stillstand gekommen. Der südafrikanische Mail&Guardian hat recherchiert.

Einen launigen Beitrag über Präsident Obiang Nguema, der Äquatorial Guinea jetzt seit 30 Jahren regiert, hält der Economist bereit. Und dass Hosni Mubarak, der Präsident von Ägypten sich weigert, zurückzutreten, zerre an den Nerven aller Beteiligten.

Davon, dass der hauptsächlich im Irak gelegene fruchtbare Halbmond wird wieder zur Wüste werden wird, ist der New Scientist überzeugt. Dafür sorgen vor allem die türkischen Staudämme an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, die - unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit - in den letzten 15 Jahren errichtet wurden.

Ob eine 6000 km lange Mauer im Sahel tatsächlich Dünen und die Ausbreitung von Wüsten stoppen kann? Die BBC hat das Konzept jedenfalls aufgegriffen.

Über die Frage "Sollte man die EU-Agrarsubventionen abschaffen statt Millionen an unwirksamer Entwicklungshilfe zu leisten?", lässt der Freitag seine LeserInnen debattieren und abstimmen.

Eine informative Übersicht über das Wachstum des Internets ist beim New Scientist zu finden.

Der Mediawatchblog wird es nicht müde werden, immer wieder auf die vielfältigen und schweren Menschenrechtsverletzungen hinweisen, die europaweit an Flüchtlingen verübt werden. Diesmal nehmen wir einen lesenswerten Blogeintrag des Spiegelfechters zum Anlass.

Der Freitag stellt seinen LeserInnen eine Alternative zur derzeitigen Prohibitionspolitik gegen harte Drogen vor. Der Mediawatchblog hatte das Thema früher schon einmal aufgegriffen.

Freitag, 24. Juli 2009

Naturschützers Todsünde

"People steal meat from wild lions" textet die BBC munter vor sich hin. Was denken sich KollegInnen dabei, wenn sie derartige, eigentlich ungeheuerliche Fakten mit einer solchen Sofa-Großwildjäger-Kolonisatoren-Gemütlichkeit verbreiten?

Na klar, in Afrika ging es eben schon immer drunter und drüber - dunkel lockende Welt. Der Beitrag ist folgerichtig mit dem Bild eines majestätischen Löwen versehen. Untertitel: "Sogar große männliche Löwen müssen sich vor den Menschen vorsehen". Da kommen einem ja die Tränen.

Veröffentlicht wird diese Nachricht natürlich nicht im Zusammenhang mit einem Spendenaufruf zur Nahrungsmittelhilfe sondern konsequent unter Wissenschaft und Umwelt, Abteilung "Earthnews". Die hungrigen Menschen werden bestenfalls auf eine Stufe mit den Löwen gestellt, stehen sie doch lediglich in einer "kleptoparasitären" Beziehung zum 'König der Tiere'. Bestehlen? Haben Löwen etwa Rechte auf ihre Beute? Bisher ist in diesem Zusammenhang nur das Menschenrecht auf Nahrung verbrieft.

Als die Dörfler beim Zerteilen der vom Löwen gerissenen Antilope überrascht wurden, flüchteten diese. Ist das normal? Oder üben da vielleicht lokale Behörden doch erheblichen Druck aus? Solche Fragen sind sind keineswegs obsolet - Konflikte zwischen Schutz- und Nutzungszielen und den involvierten Gruppen(interessen) genauestens zu kennen und bearbeiten zu können, gehört zur Grundlage jedes modernen Parkmanagements. Ziel ist es eigentlich sogar, die lokale Bevölkerung in den Schutz der Natur miteinzubeziehen und ihnen neue Einkommensmöglichkeiten zu erschließen.

Denn selbstverständlich wird auch und gerade eine Löwenpopulation bei entsprechend barbarischen Lebensumständen der Anrainer trotz Schutzgebiet zügigst aussterben - was denn sonst? Wenn sich die Verantwortlichen in Nord und Süd nicht einmal dann um die örtliche Bevölkerung kümmern, obwohl diese offensichtlich verzweifelt ist, werden die Arten schneller verschwinden als ein Happen Fleisch im Rachen des Löwen.

Das brauchen die KollegInnen natürlich nicht zu wissen oder gar zu berücksichtigen. Besser wär's aber - auch und gerade für die Löwen, Gorillas, Orangs und die 17.000 anderen derzeit in ihrer Existenz bedrohten Lebensformen.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Von den Buddenbrooks zu Goldman Sachs


Will man bei manchen Themen alle wichtigen Informationen bekommen, muss man sie sich in der Regel aus mehreren Quellen zusammensuchen. Das gilt besonders bei heiklen Themen wie etwa der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen.
Die US-Terminbörsenaufsicht will laut FTD schärfer gegen Rohstoffspekulation vorgehen. Dabei soll es nicht nur um Agrarrohstoffe gehen. Auch eine genauere Überwachung des Ölhandels ist geplant. Sogar die FAZ fragt mittlerweile: "Gibt es zu viele Zocker an den Rohstoffmärkten?" Wörtlich heißt es hier:
Spekulative Engagements werden allerdings zu einem Problem, wenn riesige Summen in relativ enge Märkte [Hervorhebung die Red.] investiert werden. (...)
Vergleicht man die 4,4 Billionen Dollar an Kontrakten mit der voraussichtlichen weltweiten Weizenernte, so beläuft sich deren Wert mit knapp 124 Milliarden Dollar, das sind gerade einmal 2,8 Prozent der Kontraktsumme.
Eigentlich dienen Terminmärkte dazu, dass sich Käufer und Verkäufer gegen Kursschwankungen absichern können. Das geschieht, in dem man eine Rohstofflieferung zu einem bestimmten Zeitlpunkt und Preis vereinbart. Verändern sich in der Zwischenzeit die Preise, sind Käufer und Verkäufer davon für das besicherte Geschäft nicht betroffen.
Doch mit zuehmenden Volumina der Terminmärkte geschieht genau das Gegenteil. Die FTD dazu:
Die Weizenindustrie ist seit 2008 verärgert über die Finanzindustrie. Sie bemängelt, dass Cash- und Terminpreise nicht zusammenlaufen. Dieses gestiegene Basisrisiko erschwere den Teilnehmern im physischen Handel die Absicherung gegen Preisschwankungen. (...)
Lag der Abstand zwischen Cash- und Terminpreisen bei rotem Winterweizen im Jahr 2005 noch bei 5 Cent, so kletterte er 2006 auf 47 Cent und weiterte sich 2008 sogar auf 1,07 $ weiter aus.
Die Warenterminbörse (Chicago Board of Trade, CBOT) hat zwar versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Aber auch heute noch "beträgt die Differenz weiterhin 83 Cent". Warum es trotzdem so schwer ist, die Spekulanten zu stoppen, wird wiederum in der FAZ recht gut erklärt. Würde eine Regulierung gelingen,
dürfte bei Rohstoffen der Spielraum der Marktschwergewichte Goldman Sachs und Morgan Stanley schrumpfen, die Preise zu beeinflussen und daraus satte Erträge zu erzielen. Im Jahr 2007 entfiel auf die beiden Häuser etwa die Hälfte der insgesamt 15 Milliarden Dollar an Einnahmen, die die zehn größten Investmentbanken mit dem Rohstoffhandel erzielten, heißt es.
Dass dies stimmt, kann man wiederum in der FTD nachlesen. Allein aufgrund der Androhung einer Regulierung haben die Terminpreise für Weizen in den letzten Tagen um 2,5 Prozent "zur Lieferung im September ... auf 5,29 $ je Bushel" nachgegeben. Umgeschlagen auf den oben angegebenen Wert des Weltweizenhandels sind das immerhin 3,1 Milliarden US-Dollar.

Und in der FAZ erfahren wir ganz nebenbei noch, dass es die Instrumente zur Regulierung des Handels immer schon gegeben hat. Sie sind in letzter Zeit nur nicht eingesetzt worden:
Die Ausnahmen [Hervorhebung die Red.] von Handelsbeschränkungen, die es Goldman und Morgan seit den neunziger Jahren ermöglicht haben, ihre einträglichen Geschäfte an den Termin-, Swap- und außerbörslichen Märkten erheblich auszuweiten, stehen nun auf dem Prüfstand.
Na gut mag man mancher fragen: >Was ist schon groß dabei? Wenn die Agrarpreise steigen, verdienen doch letztlich auch die Bauern daran. Und Spekulationsgeschäfte mit Getreide gibt es doch schon lange. Schließlich war es auch bei den Buddenbrooks üblich, die Ernte auf dem Halm zu kaufen.<
Ja, richtig. Doch hatte - wenn das Geschäft verhagelte - der Kaufmann den Verlust. Denn Leute wie die Buddenbrooks hatten keinen "Spielraum" (wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley) "die Preise zu beeinflussen und daraus satte Erträge zu erzielen".

Zur Erinnerung: 2008 hatten sich die Preise für Weizen mehr als verdoppelt (auf 450 US-Dollar die Tonne) und die für Reis verdreifacht (auf 900 US-Dollar die Tonne). Im Zuge der darauf einsetzenden Hungerkrise fanden Revolten in vielen Ländern statt - darunter in der Elfenbeinküste, in Ägypten, Haiti, Madagaskar, Mexiko, Pakistan und im Senegal.

Dienstag, 21. Juli 2009

Fundstücke XVII

Neu im Netz: Umweltgerechtigkeit – das WEED-Blog zur Klima-, Ressourcen- & Umweltgerechtigkeit.

Die Europäische Investitionsbank wickelt Afrika-Kredite über Steueroasen ab. Das Erscheinen eines entsprechenden Berichts von sieben NRO haben im deutschen Sprachraum nur das Neue Deutschland (Kommentar) und (natürlich ausführlich) epo vermerkt. Aber auch die englischsprachigen KollegInnen haben sich bei diesem Thema wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert.

Die FTD bringt einen Gastkommentar von Joseph Stiglitz, in dem dieser sich dafür stark macht, die Stimme(n) der armen Länder bei der Bewältigung der Weltwirtschaftskrise zu berücksichtigen. Kredite für Entwicklungsländer seien derzeit der falsche Weg, warnt der Wirtschaftsnobelpreisträger.

Eine lesenswerte Analyse der Rede von US-Präsident Barack Obama in Ghana hat Chris Blattmann vorgelegt. Auch epo.de hat einen umfassenden Beitrag inklusive der wichtigsten Links eingestellt.

Einen Gastkommentar "Macht Gazas Grenzen auf" von John Holmes, Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator, bietet die Financial Times Deutschland.

Das westafrikanische Gambia taucht in der deutschsprachigen Presse vor allem im Zusammenhang mit Kulturevents, kleinen NRO-Entwicklungsprojekten und manchmal auch Drogenschmuggel auf. Aber in dem kleinen Land werden immer häufiger Journalisten bedroht, verfolgt, eingesperrt und gefoltert (2). Das meldet IRIN unter Berufung auf Amnesty International und auf Betroffene.

Ein Porträt von Mauretaniens frisch gewähltem Präsidenten Mohamed Ould Abdel Aziz kann man in der FR nachlesen: Der gewählte Putschist.

Einen Bericht über die Probleme von ehemaligen Guantanamo-Häftliingen, deren Heimatländer ihnen die (Wieder)Aufnahme verweigern, ist bei Aljazeera erschienen. Das Totenschiff lässt grüßen....

Die Bauern in Indien pflanzen weniger Soja weil der Monsun so schwach ausfällt. Das meldet Bloomberg. Da die Ernte auch in Lateinamerika wegen Trockenheit schlecht ausfällt, könnten die Sojapreise trotz gesunkener Nachfrage noch steigen. Der mangelnde Monsunregen wird in Indien schon für zwischenzeitlich sinkende Börsenkurse in Bombay verantwortlich gemacht.

Die Literaturzeitschrift Neue Rundschau hat ein Afrikaheft produziert. Leider sind keine Texte im Netz verfügbar. Hat tip für den Hinweis geht an den Freitag.

Und hier noch die neueste Produktidee: Fahrräder mit Bambusrahmen aus Sambia. Hat tip für den Link geht an Duncan Green.

Hat tip für die schönen Bilder in diesem Post geht an Ina Zeuch, Website: www.ina-zeuch.de.
John Holmes ist Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator

Das andere Gesicht der Finanzkrise

Auch die Vereinten Nationen werden durch die Weltwirtschaftskrise schwer getroffen. Von dem 9,5 Milliarden US-Dollar schweren Haushalt sind erst 4,6 Mrd. eingegangen. Es entsteht also gerade eine fast fünf Mrd. US-Dollar große Finanzierungslücke. Hier der Google-Überblick über die Meldungen.

Zwar liegt der UN-Haushalt um 1,5 Mrd. US-Dollar über der Planung, weil die Budgets für die humanitäre Hilfe in Gaza, Pakistan, im Irak, in Sri Lanka, Kenia und Somalia höher ausfallen, als gedacht. Andererseits fehlen im Sudan, in der DR Kongo und in Simbabwe zusammen genommen fast zwei Mrd. US-Dollar.

Während die Meldungen, die sich auf Reuters stützen, von knauserigen Geberländern sprechen, heißt es bei denen, die dpa zu Grunde legen, dass die privaten Stiftungen sich zurückhalten.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Anschuldigungen, schwer wie Blei


Berichte israelischer Gaza-Veteranen zeichnen ein aufschlussreiches Bild über die Operation "Cast Lead" (zu deutsch: Gegossenes Blei), die Israel Anfang des Jahres im Gaza-Streifen durchgeführt hat. Dies belegt ein aktueller Report der seit fünf Jahren bestehenden Organisation "Breaking the Silence" (Das Schweigen brechen) auf. Über 50 Soldaten berichten darin (anonym) von dem Kriegseinsatz, der rund drei Wochen gedauert hat.

Obwohl die Ergebnisse der entsprechenden Google-News-Suche ein vergleichsweise positives Bild der Berichterstattung im deutschen Sprachraum zeichnet, hat doch nur die taz einen Kommentar gewagt: Sie sieht den "Ende eines Mythos" gekommen, des "Mythos der moralischen Überlegenheit und der höchsten ethischen Standards" der israelischen Verteidigungskräfte.

Das Urteil von Amnesty International über "Cast Lead" - und die Kriegsführung der Hamas - fällt allerdings eindeutig aus: "Straflosigkeit für Kriegsverbrechen in Gaza und im südlichen Israel ist ein Rezept für künftiges Leiden der Zivilbevölkerung".

Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages ein wirklich unabhängiges Gericht über diese Vorwürfe entscheiden kann. Laut taz fordert die israelische Armee ihre Offiziere heute schon auf, "Reisen in bestimmte, auch europäische Länder zu meiden, weil die Offiziere sonst Gefahr liefen, wegen ihrer Beteiligung am Gazakrieg festgenommen und unter Anklage gestellt zu werden".

Als einzige deutsche Hilfsorganisation hat sich medico international des Themas angenommen und einen längeren Bericht dazu auf der eigenen Website eingestellt. Das ist insofern konsequent, als dass medico traditionell humanitäre Hilfe in Gaza leistet.

"Cast Lead" kostete 10 israelische Soldaten das Leben. 3 israelische Zivilisten kamen bei palästinensischen Raketenangriffen um. Die Palästinenser haben mindestens 1166, vielleicht auch 1417 Menschenleben verloren (2).
Ein ähnliches krasses Missverhältnis von Verlusten zweier Seiten in einer gewaltförmigen Auseinandersetzung hat es wohl zuletzt 1993 gegeben, als ein us-amerikanischer Hubschrauber über der somalischen Hauptstadt Mogadischu abgeschossen wurde. Es ist davon auszugehen, dass sich derlei wiederholen wird.

P.S.: Bei der Suche nach {"downing of a us-helicopter" +Mogadishu +1993} informierte Google darüber, dass "zwei Ergebnisse" "aus Rechtsgründen" unterdrückt werden. Die "Informationen über diese Rechtsgründe" führten zu der URL http://www.chillingeffects.org/notice.cgi?sID=945.

Dienstag, 14. Juli 2009

Fundstücke XVI

Prager EU-Ratspräsidentschaft mit wenig Entwicklungspolitik", befindet die ZEIT in einem Kommentar.

Dass die Finanzspritzen der Industrieländer für ihre großen Konzerne eine unfaire Subvention im internationalen Handel darstellen, meint Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Mehr dazu im Social Watch Blog.

Die Nabucco-Pipeline ein weißer Elefant? Der Freitag meint, dass das Rohr lediglich zum Transport iranischen Gases tauge, da andere Lieferanten kaum in Frage kämen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Tagesspiegel.

Eine interessante Analyse der neuen Offenheit der chinesischen Medien im Bezug auf die Unruhen in Nordwest-China bringt Aljazeera. Auch der Christian Science Monitor meint, die Öffentlichkeitsarbeit der Chinesen diesbezüglich sei "gerissen". Hier würden westliche Medienstrategien nachgeahmt. Hier der Link zu den Urumqi-Sonderseiten der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.

Auf die MYC4 Initiative macht der East African in seiner aktuellen Ausgabe aufmerksam. Interessant ist diese Internet-Mikrokredit-Initiative deshalb, weil sie potentielle Investoren aus dem Norden direkt mit Kleinbetrieben in Afrika in Verbindung bringt. Banken und Mittelsmänner werden auf diese Weise ausgeschaltet.

Was Iran und China recht ist, ist Griechenland billig: Die Zensur des Internets. Der Mediawatchblog verweist auf diesen Beitrag in Telepolis, weil wir davon ausgehen, dass die vergleichsweise freien Tage des Netzes auch in Europa unwiderruflich gezählt sind. Dass es in Griechenland mit Indymedia eine der wichtigsten unabhängigen und kritischen Plattformen trifft, ist nicht überraschend. Auch in unseren Breiten sehen es die Regierungen nicht gern, wenn Widerstand mittels IT koordiniert wird.

P.S.: Die Times of India ist mittlerweile mit 159 Millionen Seitenaufrufen im Mai die meistgelesene englischsprachige Zeitung im Netz.

Bush-Regierung behinderte Ermittlungen gegen Warlord Dostum

Vergeben und vergessen

"Die Putschisten in Honduras versuchen, mit Mordanschlägen den Widerstand zu brechen", berichtet die junge welt und bietet ein Special zu den Geschehnissen in dem lateinamerikanischen Land. NZZ, SZ, Neues Deutschland und der Freitag ("Putschlabor: Arias fördert den Dialog-Putsch") machen auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die die Vermittlungsbemühungen mit sich bringen. Doch die meisten Mainstream-Medien verbreiten mittlerweile lieber wieder positive Nachrichten über die Putschisten und betonen die Aufhebung der Ausgangssperre und deren Amnestieangebot (!) für den gestürzten Staatschef Manuel Zelaya.

Montag, 13. Juli 2009

Das neue Afghanistan

Das ist also das neue Afghanistan, das mit unserern Steuergeldern errichtet wird; so sollen die Herzen der dortigen Zivilbevölkerung gewonnen werden: "Bush-Regierung behinderte Ermittlungen gegen Warlord Dostum" meldet der Standard unter Berufung auf die New York Times. Der Mann verantwortet offensichtlich ein 2002 begangenes Massaker an schätzungsweise 1.500 gefangenen Taliban und ist heute Generalstabschef der afghanischen Armee. Spiegel Online will dagegen lediglich etwas von "Verbündeten der US-Militärs" wissen, beruft sich auf CNN und verschweigt den Namen Abdul Raschid Dostums völlig. Zum Thema Afghanistan empfehlen wir deshalb lieber diese Karikatur von Klaus Stuttmann....

Samstag, 11. Juli 2009

Gipfeldämmerung


Über die Versuche beim derzeitigen G8 Treffen in Italien mittels kreativer Buchführung, auf möglichst beeindruckende Zahlen bei der Höhe der Entwicklungshilfe-Gelder zu kommen, ärgert sich Duncan Green. Rainer Falk bezieht ebenfalls kritisch Stellung ("Abgesang auf die G8"). Eine umfassende und dennoch knackige Zusammenfassung der Ergebnisse insbesondere im Bezug auf die Bekämpfung des Hungers bietet epo.de.

Wie viel von den für die Entwicklung der Landwirtschaft im Süden zugesagten 20 Mrd. US-Dollar in den nächsten drei Jahren tatsächlich fließen wird und wie viel davon "frisches Geld" sein wird, kann aber wohl frühestens in einigen Monaten eingeschätzt werden.

Insgesamt sind sich die meisten Kommentatoren einig: Dieser G8-Gipfel war der letzte, der ein Weltgipfel sein wollte. Die Versprechen im Bezug auf die Klimaerwärmungen waren nicht viel wert (siehe etwa nachrichten.at, FTD). Der Tagesspiegel trifft den Tenor in seinem - übrigens bemerkenswert skeptischen - Kommentar ziemlich genau: "Der letzte Gipfel".

Donnerstag, 9. Juli 2009

Liebe und Verantwortung

"Eine Revolution verändert Afrika" meint Carla Bruni-Sarkozy über die Arbeit des Globalen Aids-Fonds im Freitag. Leider beweist sie im dem Beitrag nur ein sehr oberflächliches und technisches Verständnis von diesem Thema. Denn die Pandemie ist längst dabei, die Gesellschaften auf dem Kontinent mit ungemeiner Wucht in die Moderne der Geschlechterbeziehungen zu katapultieren.

Wer schon einmal beobachtet hat, mit welcher Aufmerksamkeit und Intensität besonders die Frauen in Afrika noch die kleinsten Regungen der Protagonistinnen in den billigen Telenovelas nachvollziehen, bekommt eine Ahnung davon, wie wichtig ihnen eine auf modernen Transaktionsmustern beruhende Beziehung ist: Gegenseitige Rücksichtnahme, Ehrlichkeit, Offenheit und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Unreflektiertes Vertrauen in die überlieferten Machtverhältnisse und in die Männer - die jene ja repräsentieren und von ihnen profitieren - hat sich allzu oft als tödlich erwiesen. Allzu oft begünstigen die traditionellen Geschlechterrollen immer noch die Ausbreitung von HIV/Aids.

Auch die prüde öffentliche Moral wird schrittweise aufgeweicht. Wie viel Witz und Kreativität beim Umgang mit dem schwierigen Thema mittlerweile möglich sind, macht der unten eingebettete Werbeclip eines Kondomherstellers deutlich. Viel Spaß mit dieser Kurzgeschichte aus Nairobi.

Freitag, 3. Juli 2009

Fundstücke XV

Die amerikanischen Besatzer ziehen sich in ihre Militärbasen zurück.
Da beschließen die Kurden im Irak vorsorglich schon mal eine Verfassung, die die ölreiche Region Kirkuk sowie Teile der Provinzen Ninive und Diyala zu irakisch Kurdistan schlägt (2). Dieser Parlaments- beschluss soll am 25. Juli 2009 per Referendum bestätigt werden. Beobachter machen sich Sorgen wegen steigender Bürgerkriegsgefahren durch diese Ansprüche.
Dass das Leben im Irak in der Nähe von Ölfeldern auch sonst kein Kindergeburtstag ist, lässt dieser Bericht ahnen.

Eine feine Analyse der Situation der irakischen Ölförderung hat der Spiegelfechter vorgelegt.

War die letzte Explosion in Nordkorea ein Bluff, fragt Telepolis. Immerhin kam die Sprengung dem Westen ja ganz gelegen, meint die Asia Times.

Will Germany's Army Ever Be Ready for Battle?, fragt Time.com. Trotz des provozierenden Titels erinnert das amerikanische Magazin seine Leser an das bundesrepublikanische Grundgesetz, das den Einsatz deutscher Streitkräfte stark einschränkt.

Ist Naturschutz wichtiger als das Menschenrecht auf angemessenen Lebensunterhalt? In Indien werden die Bewohner von Naturparks vertrieben, berichtet die WoZ.

Russland will sich maßgeblich an einer 4000 Kilometer langen Gas-Pipe von Nigeria quer durch die Sahara bis Europa beteiligen, meldet der Freitag. Der russische Präsident Dmitri Medwedjew besuchte außerdem Angola, Ägypten und Namibia.

Duncan Green bringt eine gute Übersicht über das derzeit vorhandene Datenmaterial zu den weltweiten Auswirkungen der Finanzkrise. Die globale Artbeitslosigkeit wird danach um etwa 39 Millionen auf 220 Mio. steigen, die Weltwirtschaft dieses Jahr eindeutig schrumpfen. Zwischen 73 und 103 Mio. Menschen werden in absolute Armut zurückfallen.

Warum muss der interessierte Zeitgenosse für solche (und ähnliche) Nachrichten Xinhua oder die Teheran Times bemühen? Wo sind die deutschsprachigen und angelsächsischen Qualitätsdmedien, wenn es um humanitäre Hilfe für Gaza geht?