Donnerstag, 28. Mai 2009

No G2

Keine sogenannte "G2" wünscht die VR China. Das geht aus einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen hervor. In der Asia Times Online zum Beispiel werden Befürchtungen geäußert, dass der Westen China damit in eine Rolle drängen wolle, die das Land nicht übernehmen kann. Weiter heißt es da:
Even if a G-2 became a reality, it could never replace the power, function and authority of the UN as the sole international organization recognized by the majority of states in the world.

Dienstag, 26. Mai 2009

Dead Aid

"Tote Hilfe" heißt das Buch und nicht "Tod der Entwicklungshilfe!" wie die Financial Times Deutschland titelt. Immerhin: Nun hat die Diskussion um die angeblich so provokanten Thesen von der "afrikanischen Ökonomin" Dambisa Moyo auch die deutschsprachige Presse erreicht. Und ja, Frau Moyo kann Vorlagen für Schlagzeilen liefern. Und natürlich hat sie recht: Entwicklungshilfe dient - zumindest zu einem guten Teil - dazu, afrikanische Staaten in Abhängigkeit zu halten. Dieser Tage erst haben der BDI und Wirtschaftsminister von Guttenberg gefordert, die deutsche Entwicklungshilfe in Afrika müsse die rohstoffreichen Länder besonders in's Auge fassen, um die Energieversorgung hierzulande zu sichern. Derartige Bestrebungen gibt es seit Ende 2008, und sie sind bei Entwicklungspolitik Online gut dokumentiert (1), (2).

Aber kein ernsthafter Entwicklungspolitiker muss sich wegen dieses Buches graue Haare wachsen lassen. Denn Moyo fordert (statt Entwicklungshilfe) dass, was viele deutsche NRO seit Jahrzehnten zusätzlich zur Entwicklunghlfe verlangen: "(...) einen Mix aus mehr Direktinvestitionen, faireren Regeln für den Welthandel und Mikrokrediten", wie es in der FTD heißt.

"Fairere Regeln für den Welthandel" ... Daran, wie nonchalant die Kollegen von der FTD die Forderung kolportieren, die Moyo ihnen da in's Stammbuch schreibt, merkt man, dass sie die Autorin nicht ernst nehmen. Täten sie dies, würden sie Moyos Argumente mindestens mal mit den Schwierigkeiten in Verbindung bringen, in denen sich die Doha-WTO-Gespräche derzeit befinden.

Ihnen wäre zudem bekannt, dass die Autorin hier ein ernstes Macht- und Verteilungsproblem anspricht, auf dessen Bearbeitung die entwicklungspolitisch engagierte community in den Industrieländern seit Jahrzehnten drängt. Hier auf die Schnelle nur der Link zu einer aktuellen Kampagne.

Aber die Autorin schüttet ja nun das Kind mit dem Bade aus! Na und wenn schon: Besser schlechte Nachrichten als gar keine. Die partiellen Entwicklungserfolge, die es gegeben hat und gibt (Grundbildung z.B.) werden durch Moyos Buch nicht geschmälert. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass Afrikas Entwicklung wirklich schneller vorangehen würde als das im Moment der Fall ist, wenn man ihren - und unseren - politischen Forderungen zur Umgestaltung der internationalen Handelsbeziehungen entspräche.

Sonntag, 24. Mai 2009

Nervosität vor den Wahlen im Libanon

Am 7. Juni 2009 wird im Libanon gewählt, und es besteht die Möglichkeit, dass eine von der Hisbollah angeführte Koalition die Macht übernimmt. Das hat diplomatische Aktivitäten der USA ausgelöst. Den Anlass zu dieser Recherche hat ein Bericht in Spiegel-Online geliefert (in deutscher und in englischer Sprache), nach dem es Beweise dafür gibt, dass die Hizbollah schuld an dem Attentat auf den ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri im Februar 2005 gibt. Der Mord war damals von den Vereinten Nationen untersucht worden, vier Verdächtige wurden jedoch aus Mangel an Beweisen kürzlich wieder freigelassen. Seinerzeit hatte die internationale Entrüstung über den Mord dazu beigetragen, dass Syrien seine Truppen aus dem Libanon abgezogen hat.

Zwei Wochen vor der Wahl kommt es der vom Westen aber auch von Saudi-Arabien unterstützten, sunnitisch dominierten Regierungskoalition unter Ministerpräsident Fuad Siniora sicher nicht ungelegen, wenn die shiitische - und von Syrien und dem Iran geförderte - Hisbollah schlechte Presse bekommt. Ein Blick in die Nachrichten verrät nicht nur, dass die Spiegel-Nachricht welt-exklusiv ist sondern auch, dass die Hisbollah die Anschuldigungen ernst nimmt und umgehend dementiert hat.

Eine interessante Auseinandersetzung mit dem Spiegel-Bericht findet sich in dem Blog Moon of Alabama. Hier wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass gerade erst US-Vizepräsident Joe Biden die Fortsetzung der US-Unterstützung für den Libanon vom Ausgang der Wahlen abhängig gemacht hat. Zudem findet sich hier der Hinweis, dass US-Außenministerin Hillary Clinton im April 2009 Beirut besucht und "offene und faire" Wahlen gefordert hat.

Das Wall Street Journal, das auch eine interessante Analyse des bevorstehenden Urnengangs bietet, zur Frage der US-amerikanischen Unterstützung der nächsten libanesischen Regierung:
Still, any gains by Hezbollah, which Washington and Israel designate a terrorist group, could cause regional concern. They could also jeopardize U.S. assistance to Lebanon. Washington has doled out significant aid in recent years, including hundreds of millions of dollars in security-related assistance.
Die ägyptische Al-Ahram Weekly zum Besuch der UA-Außenministerin - und auch in diesem Bericht findet sich eine interessante Wahlanalyse:
The possibility of replacing a pro-US government in Lebanon, step-child of the equally pro-American Egypt-Jordan-Saudi nexus, caused Secretary of State Hillary Clinton to show up unannounced in Beirut last weekend. Interfering in an election she called for non-interference in, an implicit threat of aid reduction was made should March 8 [die von der Hisbollah geführte Koalition] emerge victorious. Israel is also planning large-scale military exercises on the Lebanese border the week prior to the vote.


Intimidation and threats notwithstanding, Lebanon's upcoming elections may serve as yet another example of the dwindling influence of leaders who have unabashedly sided with the US and their policies in the Middle East; whether they be reflexively anti-Iranian, supportive of Israel's siege and attack on Gaza, or aim to stifle their citizens' ability to freely express themselves in the media or at the ballot box.

Freitag, 22. Mai 2009

Fundstücke XI

Über das Verschrotten von Container- und Frachtschiffen (shipbreaking) berichtet der Spiegel. Solche Reportagen sind schöne Fingerübungen: Alles ist weit weg und man steht auf der richtigen Seite. Das Thema ist relativ unverfänglich, weil es keine Lobby in Europa gibt, die mit Anzeigenboykott drohen könnte. Außerdem kann man coole Fotostrecken von diesem spektakulären, umweltschädlichen und für Zehntausende von Arbeitern lebensgefährlichen Irrsinn an Asiens Küsten zeigen. Bis in die 70er Jahre war die Entsorgung der Pötte übrigens ein Geschäft, dass gut ausgebildete europäische Facharbeiter besorgten.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der NRO 'Safe Dafur' bringt der Hinterund. Die Analyse geht auf den Black Agenda Report "Ten Reasons Why 'Save Darfur' is a PR Scam to Justify the Next US Oil and Resource Wars in Africa". Am wichtigsten scheinen die Argumente 7 und 9.

Gute Nachrichten aus Malawi: 220 Frauen bewerben sich für die 193 Parlamentssitze in den nächsten Wahlen. Das sind erfreuliche 20 Prozent aller Bewerbungen, wie der Mail & Guardian errechnet hat.

Der Mord an einem Anwalt in Guatemala Anfang Mai 2009 löst eine Protestenwelle aus.  Twitter spielt eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Informationen.

Aljazeera bringt eine Serie "Putting corporations on trial" in der es um (die übrigens stetig steigende Zahl von) Gerichtsverfahren gegen multinationale Unternehmen geht. In den Berichten werden unter anderem Chiquita, ExxonMobil, Chevron, Texaco und Dole behandelt.
Die Eingrenzung auf laufende Gerichtsverfahren erspart es dem Sender, über das Fehlverhalten von  Firmen und Investoren vor der eigenen Haustür zu berichten.
Hat tip
für beide Quellen geht an das "Business & Human Rights Resource Centre"

Und nach Möglichkeit bitte auch das noch lesen: "Das erinnert an die Passgesetze der Apartheid" ist ein Beitrag in Telepolis überschrieben.  Gemeint ist die Bundesrepublik. Es wird berichtet, dass ein junger Kameruner zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil er mehrfach seinen Landkreis in Thüringen verließ. Möglich wird solch schreiendes Unrecht durch die sogenannte Residenzpflicht. Dieser Passus des Asylverfahrensgesetzes tritt das Menschenrecht auf Freizügigkeit mit Füßen. Es wird geschätzt, dass in Deutschland jährlich 80 bis 100 Menschen wegen dieser repressiven Regelung eingesperrt werden. Deutschland ist das einzige EU-Land, das diese Kann-Bestimmung aus Brüssel umgesetzt hat.
Und passend zum Residenzpflicht-Skandal hier der Mediawatchblog-Webtipp zum 60en Geburtstag des Grundgesetzes.

Der Song ist im Rahmen des Bonner Schoolbattle Projekts - HipHop gegen Gewalt an Schulen entstanden und der Dank für diesen Hinweis geht an Ina Zeuch.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Crosscheck Tschad-Sudan; Mai 2009: Khartoum meldet?

Wie kleine sprachliche Verschiebungen in einer scheinbar neutral und nachrichtlich verfassten Meldung parteilich wirken können, sei exemplarisch an den derzeitigen Konflikten an der Grenze zwischen Tschad und Sudan illustriert. Fast noch größeren Schaden richtet die Selektion des Nachrichtenmaterials an. In deutschen Medien wird gemeldet:
"Nur indirekt bestätigt"? 'Na klar', denkt da der informierte Zeitgenosse: 'Khartoum lügt wahrscheinlich sowieso, die decken ja auch Kriegsverbrecher.' Und geht zur Tagesordnung über.

Dass der tschadische Verteidigungsminister mittlerweile auf einer Pressekonferenz eine Bodenoffensive auf sudanesischem Territorium angekündigt hat, wird (bislang, Mittwoch 20. Mai 2009, 16:00 Uhr) von den deutschen Medien ignoriert. Für solche Informationen muss man bei ausländischen Nachrichtenanbietern suchen. Aljazeera meldet:
"This new situation will prompt us in the coming hours to pass across the border to deal with these pockets of mercenaries," [Adoum] Younousmi [der tschadische Verteidigungsminister] said in a statement. "We have asked our troops to deploy and those units which are due to intervene are in the process of gathering around these sites ... The Chadian government will use its right of pursuit."
Ist das keine Nachricht mehr wert, nachdem die Luftangriffe noch Thema waren? Und ist es nicht erstaunlich, wie sicher sich Younousmi zu fühlen scheint? Fragen über Fragen, die einen außenpolitisch interessierten Journalisten dazu nötigen, die eigenen KollegInnen täglich einem Crosscheck - unter anderem bei Aljazeera - zu unterwerfen. Leider.

Immerhin gibt es deutschsprachige Blätter, die eine etwas differenziertere Version des Geschehens abdrucken - sie erscheinen in Österreich. Dazu gehört der (wie fast immer vergleichsweise gute) Standard aus Wien ("Tschad beendete Luftangriffe gegen Rebellen" (15. Mai; Quellen: dpa, AFP, APA, AP/DER STANDARD) und die Kleine Zeitung aus der Steiermark (16. Mai; Quelle: APA).
Wer sich die Mühe macht, diese Veröffentlichungen mit den bundesrepublikanischen zu vergleichen, wird übrigens feststellen, dass es wohl schon bei den Agenturenmeldungen ganz erheblich Unterschiede zwischen dpa und APA gab.

Montag, 18. Mai 2009

Der Stabilisierungseinsatz

Bundesverteidigungsminister Franz Jung hat der Frankfurter Rundschau ein Interview gegeben. Der Titel den die Redakteure dafür ausgesucht haben, lautet: "In Afghanistan ist kein Krieg".

Zunächst zeigt sich der deutsche Verteidigungsminister darin sehr zukuntfsorientiert. Unter anderem hält er Mandate von den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union für Einsätze von deutschen (Spezial-) Truppen im Ausland für überflüssig:
(...) bei Auslandsmissionen müssen wir klarstellen, dass beide Elitetruppen [GSG 9 und KSK] gemeinsam eingesetzt werden können, auch wenn wir ohne Mandat von UN oder EU handeln.
Dann zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr:
Ich halte es für falsch, von einem Krieg zu sprechen. Es ist ein Stabilisierungseinsatz. Denn allein militärisch werden wir in Afghanistan keinen Erfolg haben. Ein Krieg wird nur militärisch geführt. Im Krieg findet kein Wiederaufbau statt, kein Bau von Schulen oder Krankenhäusern, im Krieg werden keine einheimischen Streitkräfte ausgebildet. In Afghanistan ist kein Krieg. (...) Ich denke, wir müssen mindestens die nächsten fünf bis zehn Jahre in Afghanistan präsent bleiben.
Interessant ist, dass die Entwicklungshelfer in Afghanistan den Erfolg garantieren müssen: "allein militärisch werden wir in Afghanistan keinen Erfolg haben". Da hätte man vielleicht einen Sündenbock für spätere Notfälle. Bisher haben 32 deutsche Soldaten im Afghanistan-Einsatz ihr Leben verloren. Dass die Entwicklungshelfer aus aller Welt bei diesem "Stabilisierungseinsatz" in Afghanistan nicht nur wichtiger sind, sondern auch mehr riskieren als deutsche Soldaten, darüber sieht Jung allerdings hinweg. Die FAZ zur Faktenlage:
Die Zahl der getöteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen habe sich binnen Jahresfrist verdoppelt. 38 Helfer seien getötet und 147 weitere entführt worden. Die Arbeit von Hilfsorganisationen werde immer schwieriger. Weite Teile des Landes würden als „extrem riskante, feindliche Umgebung“ für Hilfsoperationen eingestuft.
Es ist erstaunlich, dass diese Sachlage nicht schon lange zu scharfen Protesten von Seiten der entwicklungspolitischen NRO geführt hat. Ist man derart auf staatliche Gelder angewiesen, dass man nicht glaubt, sich das leisten zu können oder teilt man die Kriegsziele von Bundeswehr und NATO?

Die Kritik der meisten NRO hinterfragt die grundsätzlichen Aspekte des Einsatzes überhaupt nicht. Auch die amtliche Sprache wird übernommen. Eher beschäftigt man sich damit, den schwarzen Peter für die ausbleibenden Erfolge an das Militär zurückzuspielen. In einem VENRO-Positionspapier zu den "Provicial Reconstruction Teams" (PRT) der NATO heißt es:
Wie eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik vom Mai 2008 feststellt, hat sich seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes das Aufgabenspektrum der Bundeswehr von einem Stabilisierungseinsatz hin zu einer schwerpunktmäßig der Aufstandsbekämpfung dienenden Operation verschoben. (...)

Die Arbeit der Hilfsorganisationen in einem Postkonflikt-Land wie Afghanistan beruht vor allem auf der Akzeptanz in der Bevölkerung. Diese Akzeptanz kann nur dann aufrechterhalten werden, solange der Unterschied zwischen militärischen und zivilen Akteuren für die afghanische Bevölkerung erkennbar und nachvollziehbar bleibt.
Postkonflikt-Land? In Afghanistan warem im Januar 2009 über 55.000 ausländische Soldaten aus 12 Ländern stationiert. Und nach dem Willen von US-Präsident Barack Obama sollen es 70.000 werden. 2000 Zivilisten - vielleicht auch doppelt so viele - sind 2008 in Afghanistan gewaltsam ums Leben gekommen - mindesten 6800 wurden verletzt. Die abschließende Forderung im VENRO-Positionspapier ist ebenfalls auffallend vorsichtig formuliert:
Ein realistischer Zeitplan für eine militärische „Exit“-Strategie würde die Glaubwürdigkeit des Westens, Afghanistan wirklich Frieden und Entwicklung bringen zu wollen und nicht eigene strategische Interessen zu verfolgen, erheblich stärken.
Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international wird deutlicher:
Notwendig ist ein Prozess des militärischen Disengagement, das den Weg frei macht für eine politische Lösung. (...) Statt Truppenaufstockung ist zivile Konfliktlösung und eine entwicklungspolitische Offensive gefragt.
Doch am entscheidenden Punkt knickt auch Gebauer ein: Eine solche Lösung solle von der afghanischen Bevölkerung "weitgehend" selbst bestimmt werden, heißt es in der Pressemitteilung.
Weitgehend? Wie viel Selbstbestimmung darf es denn sein?

Da hat Julian Reichelt von Bild.de vergleichweise klare Vorstellungen. Er weiß, wem Afghanen und Deutsche Dank schulden (letzter Zugriff 17. Mai 2009):
"Unsere Soldaten in Afghanistan kämpfen – und sterben – dafür, dass Kinder dort wieder zur Schule gehen können. Sie sind Helden. Wir sollten sie auch wie Helden behandeln. "
Aber in einem Punkt ist Reichelt ehrlicher als Jung:
(...) spätestens jetzt muss jeder erkennen: Die Bundeswehr ist im Krieg.
Bleibt abzuwarten, wann seine Forderung nach Bewaffnung der deutschen Tornados mit Bomben "um deutsche Soldaten in Not aus der Luft unterstützen zu können" offizielle Regierungspoltik wird.

Nibelungentreue

Joseph Kabila weigert sich, einen Gefolgsmann ausliefern zu helfen, gegen den ein seit etwa einem Jahr ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof vorliegt. Das meldet der East African. Kabila, Staatsoberhaupt der Demokratischen Republik Kongo - von dem viele meinen, dass er selbst auf die Anklagebank nach Den Haag gehört - begründet die Weigerung mit dem Argument, dass Bosco Ntaganda für den Friedenprozess im Osten der DR Kongo gebraucht werde. Tatsächlich, so der EA, stehe Kabila bei Ntaganda in der Schuld, weil der vor einiger Zeit seinen Boss Laurent Nkunda, Warlord des "National Congress for the Defence of the People" stürzte. So verhinderte er, dass Nkunda einen Marsch durch die DR Kongo auf Kinshasa startete. (Kabilas 2001 ermordeter Vater hatte 1997 auf diese Weise Mobutu gestürzt.) Ntaganda ist offensichtlich ein geschickter Stratege: Trotz seiner Dienste für Joseph Kabila gilt er als Garant ruandischer Geschäftsinteressen in der Provinz Kivu.

Es gibt Berichte, nach denen in den letzten zehn Jahren 5,4 Millionen Menschen in der DR Kongo am Krieg oder an Kriegsfolgen ums Leben gekommen sind. Das International Rescue Comittee schreibt außerdem über den Konflikt:
The conflict in the Democratic Republic of Congo is arguably the world’s most deadly crisis since World War II and the death toll far exceeds those of other recent and more prominent crises, including those in Bosnia, Rwanda, Iraq, Afghanistan and Darfur.

Freitag, 15. Mai 2009

Fundstücke X

Einen guten Bericht vom Stand der Dinge beim Ausverkauf afrikanischer Nutzflächen bietet die Financial Times Deutschland in einem Dossier unter dem Titel "Brot für den Rest der Welt".

Wenn es um die Größe der in Graphik erwähnten Flächen geht, hilft es vielleicht, sich vorzustellen, dass 100 Hektar ein Quadratkilometer sind. Demnach hätte Uganda also bereits eine Fläche verkauft oder verpachtet, die die Größe des Stadtstaates Hamburg übersteigt. Riesig sind die Flächen, die die DR Kongo zur Verfügung stellt - zusammen genommen sind sie größer als die neuen Länder. Allerdings ist die Grafik mit heißer Nadel gestrickt: Die Bezeichnung des Landes Angola fehlt und Gambia kann nicht zwei Millionen Hektar an die Chinesen abgetreten haben: Das Land ist nur 1.129.500 Hektar groß.
Im Übrigen wird deutlich, dass auch der Westen mitmischt: Die USA sind im Sudan (!) eingestiegen, die Briten in Angola und Tansania, und Deutschland ist in Äthiopien mit von der Partie.

Der Standard aus Wien hat ein interessantes Interview mit Tariq Ali über die Situation im paschtunischen Pakistan veröffentlicht. Über das Flüchtlingselend in den NWFP berichtet Telepolis. Aljazeera dagegen zählt mittlerweile "mindestens" 1,3 Mio. IDPs, von denen 800.000 bei den UN registriert seien. Ein sehr aufschlussreicher Kommentar über die US-Politik in Pakistan aus indischer Sicht ist in der Times of India zu finden. Hier zeigt sich, wie tief das indische Misstrauen gegenüber Pakistan wirklich ist.

Es kann also nicht verwundern, dass Indien und Pakistan mit AWACS aufrüsten. Indien bezieht seine Ausrüstung aus Israel - das pakistanische System wird von den Chinesen geliefert.

Über den Hintergrund vom 160.000 Selbstmorden von indischen Bauern seit 1997 schreibt Vandana Shiva im Project Syndicate.

Der Versuch, Myanmar nach dem Zyklon Nargis zur Öffnung zu drängen, sei fehlgeschlagen, argumentiert die Asia Times. Statt dessen habe sich Junta noch mehr eingemauert.

Russland und Bangladesch beginnen mit zivil-nuklarer Kooperation.

Nachdem die ASEAN+3 Anfang Mai einen gemeinsamen Fonds für Devisenreserven aufgelegt hat, kommen ähnliche Nachrichten nun auch aus Lateinamerika: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ekuador, Paraguay, Uruguay und Venezuela haben jetzt die Gründung der Banco del Sur (“Bank des Südens”) beschlossen, wie Rainer Falk in den Baustellen der Globalisierung berichtet.

Über Konflikte um die Öl- und Gasförderung in Peru berichtet die Nord-Süd-Seite im Neuen Deutschland.

Austeritätspolitik empfiehlt die Financial Times Jacob Zuma, da Südafrika in eine Rezession schliddere und öffentliche Mittel knapp seien. 27 Mitglieder seines Kabinetts - er selbst eingeschlossen - verfolgen neben ihren politischen Aufgaben - privatwirtschaftliche Interessen. Ein Beitrag (wie er ruhig häufiger auch in Deutschland erscheinen dürfte) des Mail & Guardian.

Wenn das stimmt, müssen sich die Züchter gentechnisch veränderter Nutzpflanzen warm anziehen: In Argentinien wird der Anbau von Monsanto Gen-Soja (wegen der größflächigen Anwendung von Roundup Ready) mit der zunehmenden Verbreitung des Dengue-Fiebers in Verbindung gebracht. Ein klasse Hintergrundbericht von Telepolis.

Sehr dürftig fiel das bundesrepublikanische Medienecho auf eine ILO-Studie zur Zwangsarbeit aus.

Mittwoch, 13. Mai 2009

Hugo Chávez droht mit Schließung von Globovisión

"Hugo Chávez Threatens to Take Venezuela's Last Major Opposition-run TV Station Off Air | Journalism in the Americas", berichtet das Knight Center vor Journalism in the Americas in seinem News Blog. Venezuelas Präsident wirft dem Sender vor, im Zusammenhang mit einem Erdbeben in der vergangenen Woche Panik verbreitet zu haben. Globovisión-Manager Alberto Ravell wies die Vorwürfe zurück und kritisierte die Regierung, zu spät Informationen über das Beben mittlerer Stärke an die Öffentlichkeit gegeben zu haben. (Klaus Boldt)

Montag, 11. Mai 2009

Fundstücke IX

Ein weiterer Beleg für die Zeitenwende, die gerade erst beginnt: China hat die USA als größter Handelspartner Brasiliens abgelöst.

Schwellenland USA: Einen Überblick über die Ernährungssituation von Kindern in der größten Wirtschaftsmacht der Erde bietet Feeding America. In manchen Bundesstaaten ist die Ernährungssicherheit von über 20 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren bedroht - insgesamt sind über 3,5 Millionen Kleinkinder betroffen.
Interessanterweise sind das Problem in den ehemaligen Südastaaten am größten. Leider sind die Zahlen nicht ethnisch aufgeschlüsselt. Gefunden in den Nachdenkseiten.

In der Financial Times findet sich ein Kommentar von Paul Kagame zur Frage, was Entwicklungspolitik in Afrika besser machen könnte.

Die junge welt bietet einen guten Hintergrundbericht zu der politischen Ökonomie des Uranbergbaus im Niger.

Südafrikas neues Kabinett weise auf Kontinuität hin, meint Mail & Guardian.

Eine schöne Reportage über die einzige (Motor-) Rikschafahrerin in Delhi, die jetzt für die Lokh Sabha kandidiert, bringt Aljazeera.

Ein Update zu den aktuellen HIV-Zahlen: Zwei Drittel aller Infizierten zwischen 15 und 24 Jahren in Afrika sind Frauen, berichtet der Economist. Und 3,4 Millionen von insgesamt 5,5 Mio. Infizierten dieser Altersgruppe leben im subsaharischen Afrika.

Und noch eine Grafik des Economist:Wo sitzen die meisten Menschen im Gefängnis?, fragt der die britische Zeitschrift. Die gelben Balken geben die absoluten Zahlen wieder - wichtiger sind aber die kleinen weißen Kästchen links, die den prozentualen Bezug zur Gesamtbevölkerung herstellen.

Wer schon immer einmal das Grundwissen über den Trend zur Privatisierung von militärischen Aufgaben komprimiert und in deutscher Sprache erwerben wollte, ist mit der hier verlinkten Zusammenfassung aus dem Hintergrund gut bedient.
Weltweit arbeiten derzeit über eine Million Menschen im Auftrag privater Sicherheitsfirmen in Krisengebieten.

Und zum Schluss noch ein berühmt gewordener Videoclip des staatlichen südafrikanischen Fernsehens SABC. Gute Unterhaltung und "Take another look at Mzansi". Die Musik kommt übrigens von Mapatutsi, einer der bekanntesten (und besten) südafrikanischen HipHop-Bands.


Samstag, 9. Mai 2009

Blut für Militärexporte?

In einem Kommentar im Tagesspiegel fordert ein gewisser David Harnasch, statt Abwrackprämie lieber den bundesrepublikanischen Verteidigungshaushalt um zehn Milliarden Euro zu erhöhen. Das mache politisch mehr Sinn, denn Deutschland erfüllt derzeit angeblich nicht das NATO-Soll, zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens für's Militär auszugeben. Außerdem seien "die Kräfte der Bundeswehr" derzeit "sowohl bei der Bekämpfung der Piraterie als auch am Hindukusch (...) offensichtlich überfordert." Und wirtschaftlich sei das auch sinnvoll, denn immerhin sei deutsche Militärtechnik - anders als etwa Autos von Opel - weltweit gefragt. Und das solle auch so bleiben. Wir können Herrn Harnisch beruhigen und ihm versichern, dass er sich unnötig Sorgen macht.

Es steht allerdings zu befürchten, dass seine Auffassung Schule macht. Noch sind zwar 'erst' 32 deutsche Soldaten bei der "Verteidigung der deutschen Freiheit am Hindukusch" (Ex-Verteidigungsminister Peter Struck) gestorben. Aber wer wie Harnasch argumentiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er diese und und zukünftige Opfer zumindest billigend in Kauf nimmt. Denn mit jedem Jahr, den der Einsatz andauert, werden es mehr werden. Und es geht auch um das Sterben von Entwicklungs- und humanitären Helfern - 38 allein in 2008. Gar nicht als Argument zählen in dem von Harnasch hergestellten Zusammenhang wahrscheinlich die Opfer unter den einheimischen Hilfs- und Sicherheitskräften oder die Opfer unter der Zivilbevölkerung (1), (2).

Im Übrigen: Die exportierten Waffen sind keine Schokolade. Sie dienen dazu, Menschen zu töten und werden im Zweifelsfall selbstverständlich eingesetzt. Der Vollständigkeit halber hier noch eine Karte des Verteidigungsministerium mit allen aktuellen Einsatzgebieten der Bundeswehr. Für derartige Aktivitäten braucht es wesentlich bessere Begründungen als Bündnisverpflichtungen, 'Sicherung' der Energieversorgung und Exporterlöse.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Schweigen im Walde...

Keine Google-News TrefferEs gab nur eine einzige Meldung in deutscher Sprache zu der Tatsache, dass Gholam-Hossein Nozari, der Ölminister des Iran derzeit in Deutschland weilt. Er führt hier Gespräche über deutsche Investments im Iran, der seit Jahren ein umfangreiches Privatisierungsprogramm betreibt. Warum deutsche Menschenrechtsaktivisten sich zurückhalten, müssen sie selber wissen. Vielleicht sind sie einfach nur schlecht informiert. Erschreckend ist, dass aus der deutschen Presselandschaft lediglich das Handelsblatt unter der Überschrift "Berlin blockiert Iran-Geschäft" über den Auftritt von Nozari berichtet. Gerhard Schröder war auch da und hat die offizielle deutsche Haltung kritisiert.

Dienstag, 5. Mai 2009

Fundstücke VIII

Gegenentwurf zum IWF? China, Japan und Südkorea übernehmen die Löwenanteile an einer ASEAN+3 Bank für Devisenreserven. Die Anteile von China und Japan werden je 38,4 Mrd. US-Dollar ausmachen (je 32 %), der Südkoreas 19,2 Mrd. US$ (16%). Der Rest der ASEAN-Staaten übernimmt die verbleibenden 20 % (24 Mrd. US$).

Einen besonderen Service bietet die Times of India ihren LeserInnen: Unter dem schönen Titel Dance of Democracy kann man unter anderem nachschlagen, welche Parlamentarier in Indien derzeit vor Gericht stehen. Insgesamt sind 125 Fälle gelistet, die sich auf fast alle Bundesstaaten verteilen.

Wie sich die Taliban im Nordwesten Pakistans finanzieren, berichtet die Asia Times.

Welche Gründe und Konsequenzen die Krise in Nepal aus indischer Sicht hat, beschreibt dieser Kommentar in der Times of India.

In Madagaskar soll Ende 2009 gewählt werden, meldet die südafrikanische Mail & Guardian.

Tschad und Sudan unterzeichnen ein Abkommen zur Beendigung der Feindseligkeiten gegeneinander.

Simbabwe bemüht sich um Kredite von afrikanischen Regierungen und Banken - teilweise offensichtlich mit Erfolg.

Next meldet den Neubau einer Eisenbahnstrecke von Daressalam bis Kigali. Derzeit brauchen Güter zehn Tage für diese Strecke, und die Transportkosten machen bis zu 40 Prozent der Endpreise für Importe in Ruanda aus.

Charles Taylor bleibt weiterhin in Den Haag in Haft. Der Prozess wird demnächst wieder aufgenommen.

Eine - sicherlich unbeabsichtigte - Auswirkung der US-Besatzung im Irak....

Warum werden Entwicklungshelfer immer öfter Opfer von Gewalt, fragt die Humanitarian Policy Group des Overseas Development Institutes (odi).
Ein wichtiges Ergebnis ist, dass "aid organisations are being attacked not just because they are perceived to be cooperating with Western political actors, but because they are perceived as wholly a part of the Western agenda". Nicht verwundern kann es auch, dass 60 Prozent aller Angriffe - von denen viele inzwischen Entführungen sind - in Afghanistan, Somalia und im Sudan stattfinden.

Sonntag, 3. Mai 2009

Obama will Militärtribunale gegen Guantánamo-Häftlinge wiederbeleben

Die Obama-Administration will nach einem Bericht der New York Times ("U.S. May Revive Guantánamo Military Courts") die Militärtribunale gegen Häftlinge im Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba wieder aufnehmen. Die Tribunale waren unter der Regierung von George W. Bush eingeführt und von Menschenrechtsexperten und Liberalen stark kritisiert worden, darunter auch von Obama. Barack Obama hatte im Wahlkampf versprochen, Guantánamo so schnell wie möglich zu schließen. (Klaus Boldt)